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Iceland Airwaves 2015 – Tag 5

Hier mein letzter Tagebucheintrag aus Island. Ein wenig sentimental, aber hauptsächlich glückselig.

10:17 – Irgendwo im Nirgendwo

Ich sitze wieder in meinem Leihwagen und lasse die Innenstadt von Reykjavik hinter mir. Zehn Minuten später verändert sich die Vegetation maßgeblich Weite Prärien aus schwarzem Lavastein prägen das Bild und außer der schlecht asphaltierten Straße sind hier keine Zeichen von Zivilisation zu erkennen. Ziel meines Ausflugs sind die berühmten Geysir-Quellen, welche sich nur ca. 1,5 Autostunden von Reykjavik entfernt befinden.

11:04 – Pingvellir Nationalpark

Auf meinem Weg zu den heißen Quellen durchquere ich den Pingvellir Nationalpark und staune nicht schlecht. Keine Wegweiser, Hinweisschilder oder Souvenirstände. In diesem Nationalpark findet man ausschließlich einmalige Panoramen wieder. Ich könnte wahrscheinlich noch stundenlang die Natur entlang der Straße beschreiben, lasse aber einfach ein paar Bilder für sich sprechen.

11:30 – Ein paar Häuser im Nirgendwo

Dieses kleine Dorf schreit förmlich danach, als Filmkulisse genutzt zu werden. Ein weitläufiger See, eine kleine Hafenanlage und eine Tankstelle, die gleichzeitig Supermarkt, Touristeninformation und Kneipe zu sein scheint. Ich muss dabei an skandinavische Krimis denken. Oder aber auch an die Serien-Neuauflage von Fargo. Ich glaube, ihr könnt auch dieses kleine Dorf ganz gut vorstellen. Vielleicht hat es ja auch ein dunkles Geheimnis…wer weiß.

11:45 – Geysir

Im Gegensatz zum Nationalpark wird man hier nicht von der atemberaubenden  Natur überrascht, sondern von Reisebusen. Irgendwo dahinter, in der Ferne, kann man Menschenschlangen erahnen, die sich, wie Ameisenvölker, zwischen den dampfenden Kratern entlang schlängeln. Auch ich reihe mich ein und fühle mich wenig später, wie auf einer Mars-Expedition. Der gigantische Felshang ist gespickt mit dampfenden, kleinen Löchern, in denen das kochende Wasser für dichte Nebenschwaden sorgt. Zwar stehen überall Warnhinweise, dass man das Wasser nicht berühren soll, jedoch muss ich gestehen, dass die Versuchung verdammt groß ist. Auch wenn es geologisch betrachtet Sinn ergibt, finde ich die kleinen Wasserkocher von Mutter Erde ziemlich schräg. Was wohl passieren würde, wenn man eine ganze Packung Teebeutel in einen der kleinen Geysire wirft. Würde der Dampf dann nach Tee riechen? Ich verwerfe mein Gedankenexperiment und mache mich auf zur Hauptattraktion, dem riesigen Geysir, dessen Namen man sich einfach nicht merken kann. Dieser gigantische Whirlpool schießt alle 5-6 Minuten Wasserfontänen in die Luft. Das sieht zwar spektakulär aus, ist aber auch recht schnell wieder vorbei. Egal, ich habe ein Video davon gemacht. Das muss reichen.

19:30 – Vodafone Music Hall

Der Abschlussabend des Festival findet in einer Multifunktionshalle statt und die Veranstalter haben nochmal mächtig aufgefahren. Während in der großen Halle u.A. FM Belfast, Sleaford Mods und Hot Chip spielen, findet im ersten Stock das Extreme Chill-Event statt, auf welchem elektronische Live-Künstler aus Island an ihren Knöpfen und Reglern drehen. Mit dabei ist auch meine Lieblingskünstlerin, dj flugvel ob geimskip. Ein Festivaltag ohne ein Live-Set von ihr wäre auch kein wirklicher Festivaltag. Ich beginne meinen letzten Abend mit Jonas Sen, dem Live-Keyboarder von Björk auf ihrer Biophilia-Tour. Sein Set klingt ziemlich irritierend und wird von noch verstörenderen Visuals begleitet. Währenddessen steht Sen hinter einem Pult und macht nichts. Wirklich. Es sieht nicht einmal so aus, als würde er Pads oder Controller bedienen. Er hält sich einfach nur an der Tischkante fest. Ohne den Björk-Bonus wäre ich ziemlich genervt  von seiner Performance, aber so habe ich das Gefühl gerade Zeuge von ziemlich hoher Kunst zu werden. Ich merke schon, wie mein Horizont sich erweitert. Das will er doch von mir, oder?

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20:20 – Vodafone Music Hall

Nach diesem spirituellen Erlebnis holen mich Agent Fresco auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Indie-Rock-Gruppe ist momentan das musikalische Gesprächsthema Nummer 1 auf der Insel (abgesehen von Björk und Sigur Ros natürlich). Ich verstehe jedoch nicht, warum. Ihre Musik klingt ziemlich gewollt nach einem billigen Muse-Abklatsch und der Frontmann wirkt, als hätte man ihm die Tanzbewegungen von Ian Curtis eingeprügelt. Zum Glück folgen darauf die Sleaford Mods mit ihrer skurilen Punk-Performance. Ein Typ trinkt Dosenbier, einer flucht in ein Mirkofon. Nach 40min wird das Mikrofon fallen gelassen und Sleaford Mods verlassen die Bühne. Das ist Punk 2.0!

23:00 – Vodafone Music Hall

Ich bin ziemlich aufgeregt, denn in wenigen Sekunden beginnt mein letztes Konzert auf dem Iceland Airwaves Music Festival. Schon der Bühnenaufbau von Hot Chip sorgt für ein freudiges Kribbeln in meiner Magengrube. Zwei Schlagzeuge,Unmengen von analogen Synthesizern und eine Wand aus Verstärkern. Es wird dunkel, ein dumpfer Bass setzt ein, es geht los. Und wie es losgeht! Für gute 60min fegen Hot Chip mit ihrem Sound alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Als letzten Song spielen sie zudem eine Cover-Version von LCD Soundsystem’s „All My Friends“. Kann dieses Festival schöner enden? Ja, denn auf dem Heimweg wird der Himmel von den Silhouetten der berühmten Polarlichter erleuchtet.

So, das wars von mir. Das letzte Bier ist getrunken, das letzte Sandwich verdaut und der letzte Akkord ist gespielt. Ich spaziere gerade zurück zu meinem Hotel und entwerfe diesen Artikel auf meinem Handy, während ich versuche, möglichst viel von dieser frischen, kalten Luft in meinen Lungen zu konservieren. Ein wenig sentimental werde ich, wenn ich daran denke, dass es in ein paar Stunden wieder gen Heimat geht. Zurück in einen Alltag, der von Abgabefristen, Terminen und EDM-Remixen im Radio dominiert wird. Doch wenn ich etwas aus Island mitnehme, dann ist es die zurückgewonnene Hoffnung auf gute, neue Pop-Musik. Ich habe mich selten so intensiv mit Musik beschäftigt, wie in den letzen Tagen und dabei erkannt, dass es immer noch genügend großartige Menschen und Musiker auf dieser Welt gibt, die innovativ sein wollen und auch können. Dies wird sich auch nicht ändern, solange es großartige Veranstaltungen, wie das Iceland Airwaves gibt, die diesen Musikern und Menschen die Anerkennung entgegenbringen, die sie verdient haben. 

Tyssen Takk für das Lesen meines Tagebuchs und vielen Dank an die tollen Menschen von Testspiel.de, die es mir möglich gemacht haben, mich auf ihrem Blog auszutoben. Es war mir ein innerliches Blumenpflücken.

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Hendrik
Hendrik kommt aus Hamburg und macht beruflich irgendwas mit Medien. Und Facebook. Und natürlich auch Digitalkram.

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