Start Interviews Thees Uhlmann im Interview: „Das Leben ist kein Highway, Amerika oder Kalifornien!“

Thees Uhlmann im Interview: „Das Leben ist kein Highway, Amerika oder Kalifornien!“

Gitarre spielen und nachdenklich gucken: Zwei Sachen, die Thees Uhlmann richtig gut beherrscht.

Thees Uhlmann ist so ein Typ, dem kannst du eine Frage stellen und dich erstmal gemütlich zurücklehnen. Er nutzt seine Denkpausen geschickt, um einen Redefluss zu initiieren, in dem ich mich liebend gerne bade. Selten erlebe ich jemanden, der so unterhaltsam ist, obwohl er einfach auf einem Stuhl sitzt und redet. Daher ist das auch nicht das erste Interview auf Testspiel mit diesem sympathischen Sänger und Mitgründer des Grand Hotel van Cleef. Musikalisch kann ich nicht so viel mit seiner Musik anfangen, aber natürlich hatte ich auch schon Berührungspunkte mit Herrn Uhlmann. Er spielte beim Hurricane Festival 2012, vor allem eine Ansage bleibt mir nach sieben Jahren im Gedächtnis: „Leute macht mal Lärm, ich komm hier aus der Nähe!“ So ein stumpfes und zugleich geniales Statement, um das Publikum zu animieren.

Umso mehr freute ich mich, als ich Thees zum Interview in Hamburg endlich gegenüber saß. Wir redeten viel länger als vereinbart, aber das war ihm letztendlich egal. Dafür war er manchmal zu sehr im Modus, auch weil er so gerne Interviews gibt. In unserem Gespräch ging es natürlich um sein kommendes drittes Solo-Album „Junkies & Scientologen“, prägende Momente in seiner Kindheit und Jugend und warum er ein Cover-Album gemacht hat.

 

Testspiel: Der Opener deines neuen Albums heißt „5 Jahre nicht gesungen“ Auf was freust du Dich am meisten nach 5 Jahren „Nicht-Singen“?

Thees Uhlmann: Momentan freue ich mich auf alles, außer dass ich meine Tochter in nächster Zeit nicht so oft sehen werde. Wir haben drei neue Bandmitglieder und die neuen Auftritte haben richtig gut geklappt, es herrscht eine wunderschöne Bandatmosphäre. Ich freue mich natürlich, dass die neue Platte endlich fertig ist. Mir bringt Rock and Roll auch einfach Spaß, selbst die Zeit im Studio. Da hat man ja manchmal Blockaden oder harte Brocken. Aber wenn es dann irgendwann Klick macht und man hat den neuen Song, das ist eine wahnsinnige Befriedigung. Beste Geschichte, als mir nix eingefallen ist: Ich habe eine neue Songwriting-Taktik ausprobiert. Ich höre die Beatles, trinke dazu eine Flasche Wein und dann wird ein geiler Song komponiert. Natürlich kann man das nicht machen! Wenn man so lange Beatles gehört hat, fühlt man sich doch dann wie ein Affe an der Gitarre. (lacht) Alles ist sinnlos. Einen Text zu schreiben, nachdem man Paul McCartney zugehört hat, was für eine blöde Idee! (lacht)

„Junkies & Scientologen“ ist dein achtes Studioalbum. Was kann man nach sieben Alben noch lernen, bzw. für Erfahrung mit reinbringen? Was hast du noch gelernt?

Gelernt habe ich viel, als ich die letzte Platte geschrieben habe, die ich letztendlich abgebrochen habe. Dieser Schmerz, vor sich selbst und seinen Freunden zuzugeben, dass man das Material beschissen findet und Zeit und Geld vergeudet hat. Das ist bei GHvC eine ganz andere Hausnummer als bei einem Majorlabel. Irgendwann kam der Punkt, als ich haderte und überlegt habe, nur noch Bücher zu schreiben. Ist die Zeit für Rockmusik für mich abgelaufen? Doch dann kam ein Moment im Zug zwischen Hamm und Bielefeld, da fiel mir plötzlich dieser Satz ein: „Ich bin der Mann, der Frauen nach Hip-Hop-Videodrehs nach Hause fährt.“ Einfach zu denken, da könnte was drin sein, das hat mich wieder gepusht. Die Entscheidung, einfach alles wegzuschmeißen, hatte ich bei Tomte oder meinen zwei Soloalben nie, vielleicht mal ein Song oder eine Idee. Aber es war immer das, was es ist. Manchmal ergibt es künstlerisch mehr Sinn, sich einzugestehen: „Thees Uhlmann, das war nix!“

Inwieweit spielt auch das Alter und die damit verbundene Lebenserfahrung eine Rolle? Hast du früher mehr von dem genommen, was einfach aus dir raus kam?

Ich weiß es nicht. Unsere Platte „Heureka“ wurde insgesamt am schlechtesten bewertet und ich habe mir die neulich nochmal angehört. Die passt vielleicht nicht zum Zeitgeist, aber ich habe die gerne gehört. Aber mit dem Alter, das weiß ich nicht. Kann sein, aber ich habe da keinen richtigen Zugriff. Ich mache gerne Kunst und mittlerweile Sachen, da grassierte mit 28 Jahren noch die nackte Angst bei mir. Es gibt Leute, die lieben was ich mache und das beruhigt mich auf eine Art und Weise auch. Aber ob das mit dem Alter zu tun hat? Schwierig, aber ich glaube, dass interessiert auch keinen, der sich den Text bis hierhin durchgelesen hat. (lacht)

Hintergrund der Frage ist, dass du an manchen Stellen im Album so nostalgisch klingst. Zum Beispiel wenn du dir in „Was wird aus Hannover“ Sorgen um die Scorpions machst oder in „Danke für die Angst“ die alten Sachen von Stephen King so anpreist.

Naja, ich habe ein größeres Reservoir, aus dem ich schöpfen kann. Aber Nostalgie ist das auch nicht. Es bringt mir Spaß, über vergangene Sachen nachzudenken. Die Idee mit den Scorpions, diese vermeintliche Deppenband, über die viele hier gerne mal lachen, tauchte auf einmal bei „Stranger Things“ auf. Und ich stelle mir dann vor, wie diese berühmten Drehbuchautoren am Tisch sitzen und sich überlegen, wie sie die neue Staffel eröffnen können. „Wir fahren mit einen Trans Am zur Arcade-Spielhalle und machen die Tür auf. Und da kommt Mucke raus, die Scorpions! Digger, das machen wir!“ (lachen) Und alle feiern das. Wir in Deutschland belächeln das, aber manche Dinge werden immer größer sein als man selbst. Das finde ich wahnsinnig toll. Aber nostalgisch bin ich gar nicht, weil ich mein Leben immer schöner finde, je älter ich werde. Es bringt mir einfach Spaß, über geschlagene Schlachten nachzudenken.

Du singst „Das Leben ist kein Highway, es ist die B73“. Ich muss gestehen, ich bin diese Landesstraße noch nie gefahren. Wie muss man sich das Leben als B73 vorstellen?

Normal, ganz normal. Die Abwesenheit von irgendwelchen Wichsern, die dir auf Instagram Kurse zur Selbstoptimierung anbieten. Mach die beste Version aus dir selbst – das ist für mich eine niederträchtige Haltung! Den Leuten vorzugaukeln, dass das normale Leben eine Sache ist, die man unbedingt überwinden sollte. Und am Ende verdienen die damit noch Geld! Das normale Leben – Mann & Frau, zwei Jobs, Kinder – das ist an sich schon eine riesige Leistung, das auf die Kette zu bekommen. Dieser auferlegte Zwang, nach einem langen und harten Arbeitstag nochmal ins Fitnessstudio zu gehen, weil man dünner werden muss. Vielleicht eine geniale kapitalistische Idee, aber moralisch dermaßen infam. Das Leben ist eben kein Highway, kein Amerika oder Kalifornien! Manchmal ja, dann ist es richtig geil, aber das normale Leben an sich ist schon eine riesige Leistung, die man vollbringen muss. Ich habe jetzt 25 Jahre geübt, damit ich ein bisschen außergewöhnlich im Job sein kann, muss, will und darf. Der Rest ist normal, Leute! Kommt also zum Konzert von Thees Uhlmann und alles ist scheißegal. Bauchansatz? Here we go for life! Ich denke auch, dass Facebook und Instagram die Leute in kürzester Zeit in den Irrsinn treiben kann.

Ich beobachte auch bei jüngeren Menschen, dass sie sich viel Selbstbestätigung und Akzeptanz aus den sozialen Medien ziehen.

Zu sehr kann ich das nicht beurteilen, da ich kein Psychologe bin. (grinst) Die Vernetzung durch soziale Medien ist teilweise faszinierend, hat aber auch große Schattenseiten. Es ist gut, wenn sich junge Menschen eigene Räume schaffen und eine Kultur erobern, mit der ich nichts zu tun habe. Aber ich darf trotzdem sagen, dass es Nirvana mit Instagram nie gegeben hätte. Die haben sich nicht mit Schönheit, sondern mit Qualität durchgesetzt. Die waren eher so „Fuck off!“ als „hey, wir sind Nirvana und wir sind voll gut!“

Ein weiterer Song heißt „Katy Grayson Perry“. Grayson Perry habe ich vor Jahren zufällig in einem Museum in Aarhus, Dänemark entdeckt.

[unterbricht] Du bist der erste, der den kennt!

Riesige Wandteppiche, handgetöpferte Vasen zu aktuellen politischen Themen und ein Typ in Frauenkleidern mit einer AK 47.

[ergänzt] Die dazu auch noch bunt ist!

Und ich stehe davor und denke: Was ist da los? (lachen) Das ist natürlich ein krasser Gegensatz zu Katy Perry, die auch sehr bunt ist, aber im Vergleich viel weniger Anspruch hat. Wo ordnest du dich auf einer Skala von Katy Perry bis Grayson Perry ein?

Erst einmal will ich mich nicht über die Intellektualität von Katy Perry äußern. Das ist ganz andere Kunst, als wenn Grayson Perry eine Vase über den Brexit töpfert. Wo lernst du heutzutage noch töpfern? (lacht) Ich bewerte mich selbst ungern als Künstler, aber ich hatte einfach keinen Bock, machohaft über Katy Perry zu singen. Natürlich ist es mega arrogant zu singen „Katy Perry, ich spüre deinen Schmerz“, aber ich weiß auch nicht wie es ist, als Frau an einem Samstagabend über die Reeperbahn zu laufen. Aber als Vater einer Tochter traue ich mir zu, mich solidarischer zu positionieren und zu sagen „Mach dir keine Sorgen, Grand Hotel van Cleef ist immer für dich da!“ Ich finde das Gedankenspiel ganz gut, dass uns Künstler alle etwas eint. Zu Grayson Perry: Ich habe einen Beitrag bei arte Tracks zu seiner Werkschau in Paris gesehen und da sagte er: „Die Leute sollen sich entspannen, wenn sie in meine Ausstellung kommen. Sie müssen nicht mehr nachdenken, denn das habe ich schon genug gemacht.“ Das hat mich so umgehauen, dass ein Künstler so einen Satz sagen kann. Bedeutet für mich, dass jeder hinkommen kann, dass da nachgedacht, gelitten, gefeilt und Gedanken verschwendet wurden. Das hat mich wahnsinnig umgehauen und gleichzeitig entspannt. Darum wollte ich auch über diesen Künstler reden, den ich so liebgewonnen habe.

Du kennst dein neues Werk am besten, aber hast du Dir schon mal Gedanken gemacht, welche Frage du dazu am liebsten hören und beantworten möchtest?

Nö. Da glaube ich an die Qualität der Journalisten. Das ist der faire Deal. Politiker werden sowas ja auch nicht gefragt. Ich habe mit anderen Menschen diese Platte geschaffen und wenn jemand dazu eine Frage hat, gebe ich mir die größte Mühe, diese Frage so gut wie möglich zu beantworten. Aber ich habe keine Message. Ich muss da zum Beispiel auch nix politisches reinbringen. Die Kulturtechnik, um bei euch auf die Seite zu kommen und sich für Musik zu interessieren, da ist das Wählerpotenzial für die AfD bei 0,1 Prozent und der Typ hat dann eine psychische Erkrankung. Die Schönheit der Kultur verhindert eine irrationale politische Einstellung. Deswegen muss ich auch nichts gegen die AfD sagen. Bei Feine Sahne Fischfilet, Herbert Grönemeyer, Tote Hosen – mega, weil die wirklich im politischen Schützengraben stehen. Das bin ich aber nicht, wollte ich auch nie sein. Ich bin kein politischer Künstler und habe auch kein Sendungsbewusstsein. Ich antworte nur auf Fragen, so gut ich kann. [Schlägt mit der Faust auf den Tisch] Doch, jetzt habe ich was! Im Song „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“ singe ich die Textzeile „Und stell dir nur mal vor, man hört sie alle zusammen singen „Free At Last“ von Martin Luther King“. Ich weiß natürlich, dass es ganz schön vermessen ist, wenn ich als Hoschi aus Wesermünde-Hadeln den Namen Martin Luther King in den Mund nehme. Bono darf das, Peter Gabriel auch, aber ich habe da Angst, dass das lächerlich wirkt. Aber es ist so gemeint, dass ich mich für den Befreiungskampf der Afroamerikaner interessiere und nach ganz langer Zeit mal wieder diese Rede gehört habe. Das hat mich so berührt und politisch umgehauen. Ich habe das gehört wie einen Popsong, manchmal fünf Mal hintereinander. Ein riesiges Stück Kunst. Diese Rede ist simpel und kompliziert, lyrisch, realistisch und träumerisch und selbstbewusstseinsstärkend, ohne ausgrenzend zu sein. Jeder verdammte Schüler und jede verdammte Schülerin sollten diese Rede in der 7. Klasse behandeln, egal ob Privatschule, Gymnasium oder Hauptschule. Alle in Deutschland hören diese Rede, dann wird das durchgesprochen und früher mit heute verglichen. Und nach ein paar Jahren erinnern sie sich dran und das prägt einen. Das ist so ein Moment, der die Gesellschaft zusammenbringt. Wäre gar nicht so schlecht, wenn man das macht.

In jeder Generation gibt es diese definierenden Momente, bei mir etwa 9/11. Da kann ich jeden meiner Freunde fragen, was sie damals gemacht haben. Was war es bei dir, vielleicht der Mauerfall?

Ich habe früh ein politisch aktives Leben gehabt. Mein Vater hat mich gezwungen, Nachrichten zu gucken. Ich kann mich noch erinnern, als Carter Präsident war und die Challenger abgestürzt ist. Und natürlich die Maueröffnung. Da waren wir in Trier auf Klassenfahrt und jetzt kommt eine peinliche Klassensprechergeschichte: Alle waren auf ihren Zimmern und haben das geschmuggelte Bier gesoffen und ich saß als einziger Schüler mit den Lehrern und habe den Mauerfall im Fernsehen gesehen. Das war für uns sehr prägend. Ich sage das bewusst flach, weil jetzt gerade diskutiert wird, was alles schiefgelaufen war, aber für uns war die Maueröffnung eine unglaubliche Sache. Revolution auf deutschem Boden, auf der keine Patrone geschossen wird, da wundert man sich immer noch, dass das alles geklappt hat. Und dann ging der Kalte Krieg zu Ende. Wir sind ja damals mit der diffusen Angst vor einem Atomkrieg aufgewachsen, 80 Prozent des Deutschpunks dreht sich um das Gefühl, dass morgen die Welt explodieren könnte. Dann kam die Maueröffnung, dann kam Nirvana und die Riot-Girl-Bewegung. Das dann einfach die Guns and Roses-Ära vorbei war und Leute, die über ihre Schwächen reden berühmt wurden. Die Schwachen werden jetzt die Welt übernehmen – eine unfassbare Befreiung für mich! Dann wurde auf einmal Obama als Präsident gewählt und man dachte einfach, dass das immer so weiter geht. Aber das ging eben nicht so weiter. Viel schlimmer noch: Die rechten Schweine drehen das innerhalb von 18 Monaten wieder auf links, das hat mich extrem wütend gemacht. Auch deswegen war ich nachdenklich und wütend in meinem Unterstrom. Meine Tochter fragte mich, warum einfach so jemand gewählt wird, der Frauen anfasst. Ich weiß es nicht.

Lass uns noch über deine Autorentätigkeit sprechen. Die Idee für deinen ersten Roman „Sophia, der Tod und ich“ hattest du über viele Jahre in der Schublade. Das Buch ist ein Bestseller geworden und du hast hoffentlich gemerkt, dass du das gut kannst. Hast du schon etwas Neues in der Mache?

Nein, in der Mache noch nichts. Ich habe eine ganz leichte Idee, aber momentan steht die Platte im Vordergrund. Ich habe auch ein paar neue Songs in der Entwicklung. Aber ein neues Buch wird sich so lange hinauszögern, bis ich wieder emotional unter Druck gesetzt werde, dann gibt es eine Deadline und dann geht es ab. (lacht) Ich denke aber auf jeden Fall drüber nach, weil es schön und heftig zugleich war, einen Roman zu schreiben. Aber ich denke auch über das Gefühl nach wie es ist, seinen zweiten Roman zu schreiben. Das könnte interessant werden.

Demnächst erscheint dennoch ein weiteres Buch von dir: „Thees Uhlmann über Die Toten Hosen.“ Wie kam das zustande?

Ich habe das nicht aus freien Stücken geschrieben, weil ich einfach über diese Band schreiben wollte. Das ist eine Reihe und Anja Rützel schreibt über Take That, Sophie Passmann über Frank Ocean und Tino Hanekamp über Nick Cave und so weiter. Der Verlag Kiwi macht da eine Reihe und die wollten eigentlich ein Buch über Bruce Springsteen von mir. Aber ich bin da nur Fan und da fällt mir nix weiter ein, vielleicht zwei oder drei Anekdoten aus meinem Leben. Aber bei den Toten Hosen kann ich mehr erzählen, weil es zum Beispiel mein erstes Konzert war. So ging ich vom Fan zum Typen, den sie skurril finden über Zusammenspielen bis hin zum halben Freund. Man kann auch 35 Jahre Deutschland gut an den Hosen erzählen. Da war für mich ordentlich Fleisch an den Knochen und ich konnte genug erzählen. Ich konnte über Fanzines schreiben, die es früher viel mehr gab. Oder über Band Aid, wo ich ja auch mitgemacht habe. Man konnte so gut in dem Buch mit Geschichten rumballern, das hat mir gefallen. (lachen)

Zu deinem Roman hattest übrigens schon mal ein Interview mit uns! Helena stelle am Ende die Frage, was cooler ist – Autor oder Musiker. Du hattest keine richtige Antwort darauf.

Klar, das war wahrscheinlich auch ganz am Anfang der Lesereise. [überlegt] Da würden mir jetzt nur dumme Sexvergleiche einfallen, die ich jetzt bestimmt nicht sagen möchte oder Sachen wie: Magst du lieber Bier oder Wein? Nee, es ist so schön, sich mit sieben Leuten auf der Bühne zu treffen und gemeinsam Musik zu machen und zu singen. Aber natürlich ist das Gefühl, alleine auf der Bühne zu sein und Geschichten zu erzählen – man kommt der Steinzeit 2019 nicht näher, als wenn man sich hinsetzt und vorliest. Und dann die Leute beobachten kann, wie sie einschlafen oder lachen. Ich möchte beides nicht missen und finde beides toll. Man kann es nicht miteinander vergleichen außer in dem Punkt, dass es bei beiden um die Kunst geht.

Hast du darüber nachgedacht, das zu verbinden? Als Vorband einfach dich mit einem Stuhl und Buch auf der Bühne. (lachen)

Ich weiß nicht ob es noch so ist, aber es bringt mir auch Spaß, so lange Ansagen zu machen. Ich möchte das nächste Lied gerne einleiten und manchmal gibt es gewisse Menschen im Publikum, über die muss ich reden – sonst explodiere ich. (lacht) Da bin ich ja fast der Einzige in Deutschland, bei dem die Ansage manchmal länger dauert als das Lied an sich. Das mache ich auch durchaus bewusst. Hier ist zwar Kunst, aber auch Entertainment. Und wenn die Ansage jetzt so lange dauert, wird das halt einfach gemacht. Ihr habt das bezahlt, wir bieten euch das an. Und wenn ihr das blöd findet, braucht ihr ja nicht wiederkommen. Wir reden eben gerne bei Konzerten, egal ob über traurige oder schöne Themen. Wenn mich was beschäftigt, dann wird das durchgesprochen. Natürlich wäre die totale Ausreizung, als Zugabe das erste Kapitel aus dem neuen Hosen-Buch zu lesen. (lacht). Aber ich weiß es noch nicht. Ich hätte Bock drauf und der Punkaspekt wäre auch dabei. (lacht)

Zum Abschluss möchte ich noch über das Coveralbum „Gold“ sprechen, dass als Beigabe zu „Junkies & Scientologen“ herauskommt. Wie kam die Idee zustande, nur Cover von weiblichen Interpreten auf die Platte zu packen?

Rudi, Simon und ich [Anm. der Redaktion: Rudi Maier und Simon Frontzek, seine Produzenten und Bandkollegen] haben wie Geistesgestörte „Gold“ von Haiyti gehört. Es geht ja schnell, ein Cover zu spielen. Einfach irgendwo einen Beat anmachen und man hat relativ schnell eine Idee, wie das Cover klingen würde. Dann hat mein Manager Rainer gesagt: „Seid ihr total geisteskrank? Das ist ja total geil!“ Für uns war das mehr ein Witz, aber so entstand ein ganzes Album. Außerdem ist das für Leute gedacht, die uns richtig gut finden und sogar eine Deluxe-Box kaufen würden. Wenn die Leute schon das Geld dafür ausgeben, machen wir doch gerne was mit Mehrwert und nicht nur T-Shirt und Aufkleber dazu. Dann musste da aber irgendwie eine Klammer her und irgendwann haben wir uns nur auf Lieder von Interpretinnen fokussiert, die eben auch bei der GEMA gelistet sind. Ich habe mich Mitte der 90er auf PJ Harvey, The Jesus Lizard und Pavement gleichzeitig gefreut. Da gab es noch nicht die großen Unterschiede, ob das jetzt Frau oder Mann ist, da hat man sich einfach auf die Kunst gefreut. Manchmal kommt es mir so vor, als ob es heutzutage unliberaler geworden ist und das war eine weitere Klammer für das Album und kann ein bisschen mit der Faust auf den Tisch schlagen. Im Sinne von „Früher waren wir gleicher und irgendwie war es geil“ – zumindest in unserer kleinen Independent-Welt.

Das war ein schönes Schlusswort!

Thees: Etwas frustrierend, aber wenn du das sagst ist ja gut. (lacht)

Thees Uhlmanns drittes Soloalbum „Junkies & Scientologen“ erscheint am 20. September 2019 auf seinem eigenen Label Grand Hotel van Cleef. Wir durften vorab schon reinhören und versprechen: Fünf Jahre warten hat sich gelohnt! Und hier ist das neue Album im Stream: