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So war das Sonic Visions Festival 2018

Esch-sur-Alzette liegt südlich in Luxemburg nahe der französischen Grenze und ist zukünftige Kulturhauptstadt Europas 2022. Wie passend, dass nun dort, wo ehemals der Rauch aus den Stahlbauwerken in den Himmel stieg, nun zum elften Mal Musik aufstrebender Newcomer und Jungmusiker die Gegend zum Beben bringt. Das diesjährige Line-up und das umfangreiche Angebot der Panels zieht nicht nur heimisches Publikum und Besucher aus dem Nachbarland Frankreich an, sondern auch internationale Branchenvertreter.

Industriekultur meets Musikkultur

Auf dem Gelände Belval befindet sich der Austragungsort des Sonic Visions Festival. Gegenüber von der Rockhal gelegen, die gleichzeitig Initiator des Festivals und seit 2005 mit einem Eröffnungskonzert von The Prodigy Rock- und Popkonzerte beherbergt. Nicht nur die Rockhal liegt gleich gegenüber vom Festivalgelände – unweit liegen außerdem ein Hotel, in dem viele Besucher des Festivals absteigen, ein Einkaufscenter und eine Bahnstation. Die Straße, die dies alles miteinander verbindet, trägt den stilvollen Namen Avenue du Rock’n’Roll. Diese neu-errichtete Stadt wirkt noch etwas roh, fast Science Fiction, doch wurde sie mit Bedacht ihrer Umgebung angepasst – wie viel entspannter könnte die Anbindung und Nachbarschaft eines Festivals noch sein, das keine Anwohner stört und dennoch mitten im urbanen Raum liegt?!

Zum diesjährigen Sonic Visions Festival – #sv18 – sind Maha La Squale, Angèle und Eddy de Pretto eingeladen. Im Vorfeld liest sich das Line-up rätselhaft. Welche Künstler verbergen sich hinter diesen Namen? Der Fokus liegt deutlich bei aufstrebenden im internationalen Raum noch unbekannten Künstlern – die Ahnung wächst, nach dem Festival mit einigen Neuentdeckungen nach Hause zu fahren. Spannend! Beruhigend ist, dass auch viele Luxemburger das Gros der Musiker nicht in ihrer heavy rotation haben und sich von dem Line-up überraschen lassen. Der Charakter des Sonic Visions zeichnet sich eben genau durch die Zusammenstellung von Newcomer-To-Watch und aussichtsreichen Künstlern aus.

Während ein Food Market draußen für die Besucher verschiedenes Streetfood zur Magenbefüllung bereit hält, bespielen innerhalb des Festivalgeländes die Musiker die vier verschiedenen Bühnen – Outdoor wie Indoor.

 

Mit Blick auf die Hochöfen…

… finden tagsüber Vorträge zu Themen wie „The streaming business explained“ über und mit der Musikszene statt, abends enggetacktet das Musikprogramm. Die Konferenz dient als Branchentreff, wo Musiker Booker, Medienvertreter und PR-Manager treffen – und umgekehrt. Kulturförderung und die Begleitung junger Talente sind nicht nur wichtige Stichpunkte des Festivals, sondern ausschlaggebend für die Organisation. Während sich die Teilnehmer der Panels angeregt über die Förderung junger (luxemburgischer) Künstler austauschen, hoffen abends vor Aufregung zitternde Heranwachsende einen Blick auf ihre Helden abseits der Bühne erhaschen zu können. Da wäre zum einen Moha La Squale. In Deutschland noch gänzlich unbekannt, in Luxemburg bringt er an diesem Abend die Teenies zum Kreischen, die die Absperrzäune überrennen. Die 23-jährige Rap-Sensation aus Frankreich zählt 168 Millionen Klicks auf YouTube und ist seit dem letzten Jahr schwer „on the rise“.

Moha La Squale @ Sonic Visions 2018 by Blogrebellen via Instagram

Très froid mais très chaud

Der ebenfalls aufstrebende Star in Frankreich Kikesa steht mit Rapbegleitung, DJ und Live-Percussionist auf der Openair-Bühne. Bereits eine Stunde zuvor sind die ersten Reihen vor der Bühne gefüllt mit ungeduldig wartenden Jugendlichen. Der selbsternannte Hippie-Rapper hat ein leuchtendes Peace-Zeichen auf der Bühne stehen und bringt das vorwiegend junge Publikum zum Ausrasten.

Kikesa @ Sonic Visions 2018 by Blogrebellen via Instagram

Da scheinen bei vielen die abendlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt vergessen. Schade ist es dennoch, dass die Engländer von Maribou State zu vorgerückter Stunde am Freitagabend mit ins Warme flüchtenden Zuschauern zu kämpfen haben. Solche, die tapfer ausharren, während ihr Atem vor ihnen aufsteigt, tanzen sich warm, was bei dem Dance/Electronic-Klängen mit Gastauftritten von der Londonerin Holly Walker, die ihre Stimme einigen Songs wie „Nervous Ticks“ lieh, wunderbar funktioniert. Ein heißes Konzert bei eisigen Temperaturen.

Das Booking fällt durch eine Gender-Ausgeglichenheit auf, die einen positiv stimmt. Am Freitag gehört die junge Österreicherin Soia zu den Künstlern, die eröffnen. Während ihre männlichen Bandmitglieder dezent um sie herum formiert sind, steht Soia mit ihrer souligen Stimme im Mittelpunkt. Sie wirkt extrem lässig und unaufgeregt, das Publikum bringt sie mit smoothen Synthie-Funk dennoch zum Tanzen. Kurze Wege zu den anderen Bühnen erleichtern den Besuchern möglichst viele Künstler nacheinander sehen zu können. Trotz des ausverkauften Samstags ist die Organisation am Einlass so geordnet, dass man keinen Künstler verpassen muss. Gibt es dennoch mal eine Zeit zu Überbrücken dienen interaktive Videospiele auf der Outdoor-Spielwiese für Vergnügen. Ein riesiges Tetris oder ein Schrei-Barometer sorgen dafür, dass niemand unausgelastet nach Hause gehen muss.

Luxembourgs very own Bartleby Delicate spielt zum wiederholten Mal beim Sonic Visions. Der Sänger der Band Seed To Tree probt regelmäßig in der gegenüberliegenden Rockhal – wie er Testspiel im Interview verriet – die mit ihrem Rocklab vielen Musikern mit Proberäumen, einem Studio und Workshops dient. Vor schon sechs Jahren stand er als Solokünstler auf der Massenoire Stage des Sonic Visions, was er selbst kaum glauben mag. Während Bildschirme in der Konzerthalle Filme über den ehemaligen Kohleabbau zeigen, begleitet sich Bartleby Delicate auf seiner Gitarre zu folkigen Klängen, während derer er intensive Blicke ins Publikum wirft und dadurch eine intensive Atmosphäre zwischen sich und dem Publikum schafft.
Die Engländerin Mahalia spielt mit Liveband zwischen Rap und Soul. Ihre Stimme klingt sanft wie Samt, auch wenn sie die Trennung von ihrem Ex-Freund „I Wish I Missed My Ex“ mit schalkhaften Humor vorträgt. „I am doing really fine“, beteuert sie dem Publikum und fügt schmunzelnd hinzu: „When I texted him ‘there is a song coming that isn’t about you’ his response was ‘fu we can’t be friends’“. Ihr erstes Mal in Luxemburg findet sie „beautiful“ und so simpel das auch klingt, so wahr ist es.

Mahalia @ Sonic Visions 2018 by Blogrebellen via Instagram

Das Sonic Visions Festival begeistert durch sein ausgewähltes und spannendes Line-up aufstrebender Künstler, bei dem das Geschlechterverhältnis zeitgemäß ausgeglichen ist. Die Größe des Festivals mit seinen kurzen Wegen vor dem Charme der industriellen Kulisse und dem “Fun-Park” zeigt das Auge fürs Detail und die Liebe zur Musik der Veranstalter. Dass das Festival außerdem interessante Panels zum Austausch über die Musikbranche und nicht zuletzt die Förderung junger Musiker in entspannter Atmosphäre auf Augenhöhe bietet, macht das Sonic Visions im Vergleich zu anderen Festivals, die als Branchentreff dienen, mehr zu einem Familientreff als einem hektischen Meet and Greet. Es gehört zu den Festivals, das man jährlich gerne  wieder in seinem Kalender markiert, um erneut alte und neue Freunde zu treffen und ganz nebenbei on top auf musikalische Neuentdeckungen zu freuen. Was will man von einem Festival mehr?!

So sah es beim Sonic Visions Festival 2018 aus: