Start Musik Interviews Luxembourg sounds like… Seed To Tree! Interview mit Sänger Georges

Luxembourg sounds like… Seed To Tree! Interview mit Sänger Georges

Seed To Tree by Sebastian Persuric

Der Herbst ist in vollem Gange. Eine Jahreszeit, in der sich die Luft und die Farben verändern. Romantisch und melancholisch, verträumt und bunt. Ähnlich wie die Musik der Indie-Band Seed To Tree. Die Luxemburgische Band um Frontmann Georges Goerens besteht seit gut zehn Jahren. Vor einigen Jahren startete genannter Sänger sein Soloprojekt Bartleby Delicate, mit dem er in diesem Jahr beim Luxemburgischen Festival „Sonic Visions“ auftreten wird. Als Appetizer vorab für alle, die es nicht in das letzte europäische Großherzugtum schaffen, präsentiert music:LX vorab in Berlin und Hamburg die „Luxembourg sounds like…“-Showcases, bei denen Seed To Tree mit den Luxemburger Künstlern Tuys und Edsun auftreten werden. Für umme!

Ich habe mich vorab mit Georges über sein Verständnis der Luxemburger Identität und die dortige Musikszene, die Entwicklung der Band und nicht zuletzt über sein Solo-Projekt unterhalten, während er sich in der Rockhal in Luxemburg befand. Dem Ort, an dem passenderweise jährlich das „Sonic Visions” stattfindet.

Würde es Bartleby Delicate ohne Seed To Tree geben und umgekehrt?
Seed To Tree würde es ohne Bartleby Delicate geben, rein chronologisch. Aber ich glaube dennoch, dass Bartleby Delicate ohne Seed To Tree funktioniert, weil ich sehr viele Erfahrungen auf der Bühne gemacht habe, die zu meinem Humankapital gehören und jedes Mal genutzt werden, wenn ich auf die Bühne gehe oder im Proberaum stehe. Das hat mich persönlich sehr gestärkt alleine auf der Bühne zu stehen. Radikaler sein zu können, aber auch alleine dafür gerade stehen zu müssen. Am Ende kann man nicht mit dem Finger auf jemand anders zeigen, was ich eh nicht tun würde. Aber wenn ich mit Bartleby Delicate auf der Bühne eine falsche Note spiele, bin es zwangsläufig ich. Das ist mehr Verantwortung. Für mich ist die Frage spannend, weil es im nächsten Schritt fragt, ob ich Musik gemacht hätte, wenn es die Band nicht gäbe. Ich glaube, dieses Bandprojekt hat mich erst dazu gebracht, dass ich alleine Musik mache. Wir haben als Team mit viel jugendlichem Leichtsinn angefangen. Aber mit den ersten Auftritten wurde es ernst. Wir waren 17-jährige Teenager, die einfach Musik machen wollten. Von da an kamen step für step weitere Herausforderungen. Das war gerade am Anfang unserer Bandgeschichte ganz krass. Wir haben damals eine CD bei uns in der Garage aufgenommen und Leute, die uns helfen wollten, haben die zu Radiosendern geschickt und auf einmal waren wir in Luxemburg vier Monate mit „Broken Down“ in den Charts. Das war damals diese Mumford & Sons-Welle und wir sind auf diesen Zug aufgesprungen, was gut funktioniert hat. Wir haben uns mittlerweile von diesem Musikstil entfernt und weiter entwickelt.

Das Coole bei uns ist, glaube ich, dass man sieht wie wir in einem natürlichen Prozess gewachsen sind.

Wir geben uns einfach Mühe und dazu gehört auch drei Mal in der Woche zu proben. So ist aus der Keller-Band eine Band geworden, die mittlerweile mehr im Ausland tourt als zu Hause in Luxemburg.

Worin liegt der Unterschied zu Hause oder im Ausland aufzutreten?
In Zuschauerzahlen. Wir haben einfach die größere Fanbase in Luxemburg. Ich könnte aber keinen Länderunterschied beim Publikum festmachen. Es geht viel mehr um eine Energie, die man produzieren kann. Uns geht es darum eine positive Energie auf der Bühne zu erzeugen, die dann aufs Publikum überspringt und letztendlich eine wechselseitige Dynamik auslöst. Es kommt aber schon immer mal wieder vor, dass sich Konzerte wie Arbeit anfühlen. Dennoch hatten wir neben Luxemburg in Deutschland mit die geilsten Konzerte.

Eure letzte aktuelle Single von Seed To Tree heißt „Berlin Mood“ und auch das Video wurde in der Stadt gedreht – welche Beziehung habt ihr zu der Stadt?
Den Song haben wir schon vor einem Jahr released, das heißt, er fühlt sich für uns gar nicht mehr so aktuell an. Er war gar nicht als Single geplant, aber auf Tour haben wir gemerkt, dass er eine gute Resonanz hatte beim Publikum. Berlin stand für mich zu dem Zeitpunkt exemplarisch für eine Lebensphase. Manchmal rostet man ein und lässt sein Leben von Routine bestimmen. Ich habe das während meines Studiums nach zwei Jahren gemerkt, dass ich weg wollte. Letztendlich bin ich nicht nach Berlin, aber ich habe den Song kurz nach meinem Besuch beim „Fusion Festival“ geschrieben. Da war ich voller Melancholie und wollte alles kaputt machen, alles, was ich kannte hinter mir lassen und nicht, weil ich es nicht zu schätzen wusste. Manchmal brauche ich das einfach. Meine Energie bekomme ich durch neue Bekanntschaften, neue Möglichkeiten in meinem Leben. Ich mag das Gefühl nicht, wenn alles schon klar ist „Ach ja nächstes Jahr heirate ich, dann kommen die Kinder“. Gerade das viele Reisen, die Ortswechsel, also vielleicht diese Luxemburger Identität, die bedeutet, dass wir drei Sprachen fließend sprechen. Das muss man ausnutzen und ist eine gute Ausrede, um die Welt zu sehen. Mir hat das immer wieder geholfen, um fresh im Kopf zu bleiben.

Du stehst also nicht nur selbst gerne auf der Bühne, sondern bist auch passionierter Konzert- und Festivalgänger?
Im Moment bin ich noch nicht satt geworden. Weder als Zuschauer noch als Musiker. Ich denke das hängt auch zusammen. Ich möchte wissen was so abgeht aus Interesse am Musikzeitgeist. Ich gehe einfach gerne auf die Konzerte von anderen Musikern, weil man das Bewusstsein dafür hat wie es ist, wenn andere dich ohne Vorbehalte entdecken. So gehe ich da auch bei anderen Musikern ran. Wir haben ein paar richtig coole Independent-Läden in Luxemburg, wo du 5 bis 7 Euro Eintritt zahlst. Wo richtig coole Künstler frisch vom Eurosonic nach Luxemburg kommen. Das gebe ich mir dann gerne, weil es sehr inspirierend ist.

Ist das „Sonic Visions“ in Luxemburg vergleichbar mit dem „Reeperbahn Festival“ in Hamburg?
Ja, das kann man schon so sagen. Wir sind natürlich ein viel kleineres Land, daher ist das „Sonic Visions“ auch kleiner, aber da die Szene auch klein ist, kommt wirklich jeder, der Rang und Namen hat. In der letzten Zeit hatte ich das Gefühl, dass es sich vom Booking eher nach Frankreich richtet. Das diesjährige Line-up zeigt das auch. Ich gehe mittlerweile schon seit sieben Jahren hin. Es ist wichtig den Zusammenhalt der Musikszene dort zu stärken. Was ich beim „Sonic Visions“ sehr zu schätzen weiß – mehr als beim „Reeperbahn Festival“ – dass es sehr klein ist mit drei Bühnen insgesamt und nicht der Druck da ist sich irgendwo verabreden zu müssen. Man trifft sich zwangsläufig, um sich unterhalten zu können. Es ist sehr familiär und entspannt, wie eine WG-Party. Das „Reeperbahn Festival“ ist groß und spannend mit einem toughen schedule – also eher eine große Party.

Tipp:  So war das Sonic Visions Festival 2018

In Luxemburg ist Zusammenhalt in der Szene also sehr wichtig?
Es wäre schade, wenn wir in der Luxemburger Szene nicht miteinander klar kommen würden, weil es dafür zu klein ist. Aber am Ende sind wir alle nur Menschen. Ich meine, wenn die anderen nicht cool wären, würde ich nicht mit ihnen abhängen. „Luxembourg sounds like…“ ist ein gutes Beispiel. Tuys kennen wir schon ewig lange sowie Edsun, das sind Freunde. Die Popszene ist schon eng miteinander verknüpft, hat aber nichts mit der Jazzszene zum Beispiel zu tun. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist, aber wir unterstützen uns und tauschen untereinander durch.

Bei dem Song „Future Friends“ von Seed To Tree geht es um das Wertschätzen und gleichzeitig Abschiednehmen von alten Freunden – welche Bedeutung hat Freundschaft für dich?
Wenn ich den Song jetzt höre, sehe ich mich wie ich vor ein paar Jahren war. Es ist ein ähnliches Spannungsfeld wie bei „Berlin Mood“ – eigentlich ist alles gut, aber man will auch weg. Man findet ja immer Wörter für die gleichen Themen. Ich versuche immer wieder aus einer neuen Situation heraus die gleiche Frage zu beantworten. Es geht immer wieder um diesen zwischenmenschlichen Bereich. Ich finde ihn einfach interessant, weil er so viel mit uns macht. Wenn es uns beschissen geht, weil etwas mit anderen Menschen nicht funktioniert zum Beispiel. Es gibt so viele tragische Momente, seien sie aus politischen Gründen, wo ich das Gefühl habe, dass es die Leute emotional nicht so abholt. Aber die zwischenmenschliche Bereiche schon eher. Daher rede ich gerne von meinen Erlebnissen und Alltag und leite daraus dann gerne etwas Politisches ab. Es ist aber nicht mein Stil mit den ganz großen Aussagen zu kommen wie „So soll die Welt sein“. Wenn ich über mein Zusammenleben mit anderen Menschen spreche, hat es aber doch irgendwo eine politische Ebene, wenn ich davon spreche wie man miteinander leben sollte. Bei „Future Friends“ war dieser Moment, in dem man dankbar ist und sich dennoch fragt, ob die Welt nicht noch mehr bereit hält.
Um darauf zurück zu kommen, was Freundschaft für mich bedeutet. Sehr viel. Aber ich bin auch gerne alleine. Ich glaube, dass wir uns als Menschen in der Gemeinschaft am Wohlsten fühlen und auch immer dazu aufgefordert sind uns so zu verhalten, dass wir uns alle miteinander wohl fühlen.

Ist dir die Verbindung zwischen Musiker und Publikum ist wichtig?
Da würde ich Seed To Tree und Bartleby Delicate trennen wollen, weil es sehr unterschiedliche Konzertsituationen sein können. Bei Bartleby Delicate weiß ich es sehr zu schätzen, wenn die Leute nicht reden. Nicht, weil ich nicht will, dass die Leute eine gute Zeit haben, sondern weil ich ganz krass davon überzeugt bin, dass wir alle eine bessere Zeit haben, wenn es ganz still ist. Weil die Musik mega intim ist. Es ist gibt ein gewisses theatralisches Potential in dem Projekt. Ich spiele da nicht nur nette Lieder, sondern versuche besonders expressiv zu sein in der Art wie ich singe, rede oder sogar schreie. Ich empfinde es sogar als gut, wenn die Leute nach den Songs nicht klatschen. Häufig haben die Leute Hemmungen die Stille zu durchbrechen, weil ich manche meiner Songs so beende, dass man nicht sicher sein kann, ob sie schon zu Ende sind. Ich beginne dann meistens einfach den nächsten Song, weil es sich für mich wie eine Reise anfühlt. Das Konzert ist ja eine sehr institutionalisierte Situation „Du spielst, ich klatsche. Du redest mit mir, ich darf nicht antworten“. Ich frage mich bei Auftritten als Bartleby Delicate immer wie die Erwartungshaltung des Publikums ist und wie ich damit umgehen möchte. Um eine Verbindung mit dem Publikum herzustellen, sehe ich es als eine Ansammlung von Individuen und singe dann gezielt mit Blickkontakt für Einzelne aus dem Publikum. Diese Intention mag nicht jeder, aber ich finde das gut. Daher machen laute Hintergrundgeräusche und Gerede es für mich fast unmöglich in diese Verbindung zu treten. Das soll nicht arrogant klingen, sondern sind meine Vorstellungen davon wie es idealerweise laufen könnte.
Bei Seed To Tree kann die Musik sehr tanzbar sein und ich sehe mich auch in der Verantwortung die Leute dazu zu animieren und als Frontman der Band zu zeigen wie ich die Musik fühle. Ich mache oft Show auch wenn ich an das Mikrofon, die Pedale und die Gitarre gebunden bin. Aber sobald ich die Gitarre weglegen kann, liebe ich es die Musik körperlich zu interpretieren und ins Publikum zu rennen oder auszurasten. Das kommt aus dem Moment und ist vorher nicht abgesprochen. Die anderen in der Band wissen, dass ich vielleicht etwas Dummes machen werde und dann sind sie bereit und reagieren. Wenn ich ab die Post ins Publikum renne, spielen sie den Song einfach weiter.

Man merkt, dass wir eine Familie sind und jeder seine Rolle hat in diesem Gefüge. Die Band kennt mich einfach.

Welche Rolle spielt Sprache bei euch?
Deutsch und Englisch sind Sprachen, die sehr regelmäßig bei uns gesprochen werden. Im Französischen sind wir nicht so gut aufgestellt, weil wir alle irgendwie Deutsch sind. Aber unser Manager ist Engländer, unser Soundtechniker Franzose. Das heißt bei uns im Tourbus läuft es viersprachig und das ist „hilarious“. Wir sprechen hingegen untereinander Luxemburgisch. Diese Vielsprachigkeit macht uns als Band auch aus. Ich finde es wirklich witzig und richtig gut.

Hier könnt ihr die brandaktuelle Single “I Wouldn’t Mind” von Seed To Tree online sehen…

…und hier live:

“Luxembourg Sounds Like…”

30.10.18 – Berlin, Fluxbau

20:50 – 21:20 Seed To Tree

21:40 – 22:10 Edsun

22:30 – 23:00 Tuys

01.11.18 – Hamburg, Molotow Skybar

20:50 – 21:20 Seed To Tree

21:40 – 22:10 Edsun

22:30 – 23:00 Tuys