Start Album der Woche Kvelertak – Nattesferd (Kritik)

Kvelertak – Nattesferd (Kritik)

Kvelertak-Nattesferd

Von all diesen großartigen Bands, die sich seit einigen Jahren trauen, Metal neu zu denken und frischen Wind in das Genre zu bringen, habe ich persönlich Kvelertak immer am meisten belächelt. Nicht, dass ich ihre Musik schlecht gefunden hätte, im Gegenteil: Songs wie „Mjød“ sind lächerlich perfekte Partytracks, eben weil sie perfekt lächerlich sind. Die Frage nach der Substanz stellte sich dennoch wiederholt, gerade wenn man die Band live erlebt und sieht, wie Frontmann Erlend Hjelvik mit einer ausgestopften Eule auf dem Kopf seine norwegischen Texte keift. Keine Frage, mit der Covergestaltung von John Baizley (Baroness) und der Produktion von Kurt Ballou (Converge) waren sie klar als Teil des erlesenen Kreises erkennbar, wirkten jedoch immer wie die exotischen Klassenclowns.

Nun ist es nicht so, als hätte die Band auf „Nattesferd“ ihren Humor verloren. Bereits im ersten Song geht es darum, sich von Yggdrasil, dem Weltenbaum in der nordischen Mythologie, sexuell angezogen zu fühlen, und die Leadsingle „1985“ verwirrte etliche Anhänger mit Van Halen Gedächtnisriffs, die den schon immer präsenten Schweinerock in ungeahnten Dimensionen präsentierte. An der Frage, ob es sich dabei um Ironie oder Ernst handelt, verzweifelten Fans wie Kritiker und winkten frühzeitig ab. Klar, wieder mal so ein Gag von diesen Norwegern, aber nicht ihr Bester. Auf der Suche nach einfachen Antworten übersahen leider viele, dass es vollkommen egal ist, wie diese Musik gemeint ist: Sie ist einfach gut gemacht und steht damit stellvertretend für das gesamte Album.

Dabei gilt gleich festzuhalten, dass „Nattesferd“ seine Schwächen hat. Mancher Song hätte ein bisschen knapper ausfallen können, das Drumming ein bisschen abwechslungsreicher und auch die Produktion ist ein gutes Stück weniger druckvoll, als man es von den Vorgängern gewohnt ist. Das Paradoxe ist jedoch: Die Schwächen des Albums sind zugleich seine Stärken. Gerade weil die Songs so lange sind und live eingespielt wurden, können Kvelertak ihre Spielfreude auf eine höhere Ebene hieven und die schon immer präsenten, bunten Einflüsse noch weiter ausdefinieren.

Besondere Betonung erlebt dieses Mal – „1985“ ließ es bereits erahnen – der harmonieverliebte Classic Rock der 70er und 80er. Die Songs dehnen sich aus, die knappen Nackenbrecher sind in der Minderheit und müssen sich gefallen lassen, dass die drei Gitarristen selbst in den aggressiven Momenten ihre Stärken voll ausspielen wollen. Hätten Kvelertak diesen Sprung mit Ballou und dessen brachialem Sound versucht, sie wären vielleicht gescheitert oder doch wieder bei kompakten Hits gelandet. Die neue, raue und teils vielleicht etwas flache Produktion gibt ihnen jedoch die Freiheit, einen Song wie das keifende „Berserkr“ erfolgreich aufzubrechen und den schöngeistigen Melodien genügend Raum zu lassen.

Trotz der neuen Formensprache finden sich in Kvelertaks Musik immer noch genügend vertraute Elemente, um nicht von einem überhasteten Bruch sprechen zu müssen. Der bereits angesprochene Opener „Dendrofil For Yggdrasil“ trumpft mit dissonanten Black Metal Gitarren auf, „Bronsegrund“ hämmert als präziser Punk-Anschlag alle erarbeiteten Feinheiten in Grund und Boden, doch diese Elemente sind eben nicht mehr in der Überzahl, die Songs wirken insgesamt durchdachter, ausbalancierter. Ihre gesteigerten Songwriting-Fertigkeiten präsentiert die Band die gesamte Spieldauer über, ohne jemals die liebgewonnene Spielfreude vermissen zu lassen.

Alleine das neunminütige „Heksebrann“ dient als Beweis hierfür: Mühelos erschaffen Kvelertak aus Hjelviks Gekeife, einem langsamen Folk-Rock-Aufbau, einem poppigen Refrain mit Unterstützung einer Gastsängerin und hymnischer Gitarrenarbeit den offensichtlichen Höhepunkt des Albums, ohne dabei berechnend zu klingen. Vielleicht liegt gerade darin die Stärke Kvelertaks: Wo die Klassenbesten Baroness sich etwa an ihrem groß gedachten „Yellow & Green“ verhoben, da entfalten ihre norwegischen Kollegen scheinbar mühelos ein Potential, an das man kaum noch zu glauben wagte. Die Frage nach Ironie und Ernst sollte nach dem Genuss von „Nattesferd“ niemand mehr stellen; Kvelertak besitzen die Fähigkeit, sich etwas Abgeschmacktes zu schnappen und daraus zu gleichen Teilen unterhaltsame wie berührende Musik zu schaffen.

8,2/10

„Nattesferd“ erscheint am 12.05. via Roadrunner auf Platte, CD und digital.