Start Interviews FJØRT im Interview: Musik als Ventil für schlechte Erfahrungen und Erinnerungen

FJØRT im Interview: Musik als Ventil für schlechte Erfahrungen und Erinnerungen

FØRT (Foto: Mareike Reuter)

Die drei Aachener David, Chris und Frank haben sich vor gut vier Jahren unter dem Namen FJØRT zusammengefunden, um die deutsche Punk-/Hardcoreszene ordentlich aufzurütteln. Ende Januar erschien ihr neues Album „KONTAKT“. Elf Songs voller Wut, Verzweiflung, Wehmut und Enttäuschung. All das verpackt in deutsche Texte und Hardcore-Geballer. Wir trafen die Jungs zum Abschluss ihrer Tour im Hamburger Molotow und fragten, warum so viel Negatives in ihrer Musik steckt, was Aachen musikalisch zu bieten hat und warum die aktuelle Situation in Deutschland gefährlich ist.

Ihr habt mal in einem Interview gesagt, Aachen ist ein guter Ort, um eine Band zu haben, weil man sich nicht so sehr ablenken kann. Wäre die Band überhaupt entstanden, wenn Ihr in Hamburg wohnen würdet?

David: [fragt die anderen] Eben nicht, oder? [Zustimmung] Hypothetisch im dem Sinne nicht. Wir kennen uns seit langer Zeit aus anderen Projekten, jeder hat in verschiedenen Projekten seine eigene Mucke gemacht. Irgendwann waren wir ohne Band und hatten Bock was zu machen. Hätte in Hamburg passieren können. Doch die großen Faktoren Ablenkung und Einfluss von anderen Leuten, lange Clubnächte usw., wo man sehr schnell anfängt, seinen Stil oder seine Meinung schnell zu ändern – das blockt Aachen im Kern ganz gut ab. Da haben wir uns und mit dem Musikbunker eine wahnsinnig gute Infrastruktur, um arbeiten zu können. Das bringt Dich irgendwann zu dem Punkt, bei dem Deine Musik eigenständiger klingt und nicht so viel von anderen Bands abkupfert.

Wie ist die Aachener Musikszene und Euer Umfeld?

David: Leider geschrumpft. Die Infrastruktur für Bands ist super. Wir sind in der Subkultur groß geworden. Als wir 16 bis 18 waren, gab es richtig viele und gut besuchte Konzerte, wir wurden von Vorbildern wie Pale schnell akzeptiert und unterstützt. Sie gaben uns ihre Kontakte fürs Booking. Superkrasses Networking mit Bands wie Eaves, For The Day, Sheridan. So wurden wir sozialisiert.

Frank: Auf dem Ortseingangsschild stand mal eine Zeit lang „Rockcity Aachen“, das hat dann auch irgendwann einer entfernt.

David: Ja genau, das war eben mal eine Szenestadt. Die ist aber irgendwann zusammengesackt, Pale lösten sich auf, For The Day auch usw. Jetzt ist Aachen ein Electro- und Partystädtchen geworden, wo Rock leider nicht mehr so gut funktioniert.

Frank: Ein paar Keime sind gesät, es kommt langsam wieder was nach.

Wen könnt Ihr da nennen?

David: El Presidente ist eine neue Hardcoreband. Die kommen direkt aus der Eiffel, total roh, so ein früher Escapado-Sound. Vynter machen auch so ein geiles rockiges Brett. Wir versuchen da auch zu connecten, so wie es unsere Vorbilder damals mit uns gemacht haben. Dann lebt es hoffentlich bald wieder auf.

Heute ist das letzte Konzert der Tour. Was sind Eure liebsten Anekdoten und Highlights?

[alle lachen] Chris: Die Tour ist insgesamt ein Highlight.

Frank: Alles sehr imposant.

David: Wir haben unglaublich viel erlebt. Es waren immer lange Tage.

Frank: In Lustenau in Österreich hatte ich zum ersten Mal in den vier Jahren Band ein Einzelzimmer. [lacht]

David: Da war es ein bisschen ruhiger und gemütlicher. Wir hatten Zeit, die Tour Revue passieren zu lassen, das war ein super Gefühl, neben dem was sowieso jeden Abend passiert.

Habt Ihr wieder Urlaub nehmen müssen für die Tour?

Alle: Ja, natürlich.

Könnt Ihr 2016 überhaupt noch eine Tour machen?

Frank: Ja, da ist noch ein bisschen Resturlaub über. [lachen]

David: Viele Leute sagen dann zu uns, dass wir ja jetzt davon leben können. Aber es ist aus der ganzen FJØRT-Geschichte noch nicht ein Cent auf unsere privaten Konten geflossen. Wir können aber Equipment bezahlen und endlich mal die Leute bezahlen, die mit uns mitfahren.

Chris: Unsere Prämisse ist nicht, Geld aufs Konto zu bekommen, sondern alles noch cooler zu machen und mehr Ideen zu verwirklichen. Das eingenommene Geld wird sofort reinvestiert, damit FØRT noch mehr Spaß macht.

Video: FJØRT – Lichterloh

Eure Albentitel gehen von „Demontage“, also Zerstörung, über „D’accord“, die Zustimmung, hin zu „KONTAKT“.

David: [lacht] Hab ich noch nie so gesehen, aber ist ja klar! [lacht]

Was kann da als nächstes kommen?

Frank: Schauen wir mal [lacht]

David: Ich finde immer diesen Entstehungsprozess so krass, aus dem Nichts kommt irgendwas. Irgendwann stand das Wort Kontakt im Raum. Das war auf einmal klar und fühlte sich mega gut an. Eine Trilogie oder eine Weiterentwicklung ist es aber nicht. Alle textlichen Inhalte konnten unter dem jeweiligen Albumtitel abgehandelt werden. „KONTAKT“ ist in der heutigen medialen Zeit eine Bitte an die Hörer: Redet wieder mehr miteinander. Kommt auf eine Ebene. Der Titel fühlte sich in Verbindung mit den Texten gut an. Keine Ahnung, was da als nächstes kommt. Ob wir nochmal solche Songs schreiben können, hoffe ich. Aber ob nochmal Ideen kommen, mir etwas persönliches passiert, davon ist es abhängig. Wenn wir nächstes Jahr mit unserem Geld auf einer Finka in Mallorca wohnen und ich die Adler gegen die Scheiben klatschen sehe, kann ich doch darüber keinen Song schreiben [lachen]

Frank: Das hast Du sehr schön gesagt!

David: Danke [lacht] Du brauchst eben den Kontakt zur Gesellschaft und Deinem Freundeskreis, um etwas zu sehen, woraus du Deine Inspiration ziehst.

Als Mareike und ich über Eure Musik diskutiert haben, stellten wir fest: Es klingt nach Ausnahmezustand. Woher kommt das?

Chris: Wenn Du als Künstler Musik oder Bilder machst, ist es immer eine Kanalisierung von irgendwas. Bei uns ist es eben komplette Katharsis. Wir schreiben über Dinge, die uns negativ auffallen. Und dann eben mit aller Wucht. Jedes Wort, jedes Riff, jedes Bassgewitter wird so destilliert auf den Punkt gebracht, dass es den Hörer direkt anspringt. Wir wollen fordernde und provozierende Musik machen, damit es Mehrwert hat. Ich höre mir ungern Musik an, die schnell wieder aus dem Kopf verschwindet, weil es mir nichts bringt und ich dann eher abschalte. Ich beschäftige mich lieber mit Musik, über die ich nachdenken muss. Das wollen wir auch schaffen. Wir schreiben lieber Texte und Melodien, die aufrütteln anstatt zu beschwichtigen. Das heißt aber nicht, dass wir im Alltag depressiv und gewalttätig sind [lacht]. Ganz im Gegenteil.

David: Dadurch wirst Du auch ausgeglichener. Ich glaube, dass jeder Mensch ein Ventil braucht. Das kann Sport oder Malerei sein, manche werden lieber gewalttätig, sieht man ja heutzutage oft. Die haben eben niemanden, mit dem sie reden können. Dann kocht das Fass irgendwann über und man kommt in eine Richtung, die nicht mehr menschlich ist. Aber zurück zum Ventil: Wir sehen oft bei Konzerten schweißnasse ausgepowerte Menschen, die keine Stimme mehr haben, aber dennoch ein Lächeln auf den Lippen haben. Deswegen finde ich diese ganze Rock- und Hardcoreszene so wunderbar ausgeglichen.

Eure Musik als ein Ventil für schlechte Erfahrungen und schmerzhafte Erinnerungen.

Chris: Ja schon. Ich mach immer mal wieder Notizen mit schlechten Erlebnissen, die dann destilliert im Album stecken.

Diese schlechten Gefühle gebt Ihr aber auch an Eure Hörer weiter.

David: Zum Glück gibt es so viele tausende Künstler und Bands, Genres und Epochen. Ich habe verschiedene Phasen, zu der ich bestimmte Bands oder Musikrichtungen hören will. Das Schöne an der Musik ist es ja, dass sie Dich in bestimmte Situationen oder Gemütszustände versetzen kann. Eine FØRT-Platte ist sicher was für eine dreiviertel Stunde gedimmtes Licht und Kopfhörern zu Hause. Aber nicht, um dich auf einen Partyabend vorzubereiten [lachen]

Wie reagieren die Leute im Ausland auf Euch, vor allem auf die deutschen Texte?

David: Mit „KONTAKT“ waren wir noch nicht im Ausland. Aber mit den anderen beiden Platten waren wir in Polen und Ungarn und haben hauptsächlich in Squats und kleineren Locations gespielt. Die Musik alleine transportiert schon ziemlich viel. Den Text hat man eh kaum gehört, weil wir damals die Verstärker einfach möglichst laut aufgedreht haben und die Leute druckvoll an die Wand gespielt haben. Auch wenn sie den Text nicht verstanden haben, kam die Aggression in der Musik gut rüber. Wenn ich amerikanische Screamo-Bands höre, verstehe ich auch immer wenig. Trotzdem löst es was in mir aus. Im April fahren wir wieder für drei Termine nach Polen.

Ihr habt auf „KONTAKT“ mehr Wert drauf gelegt, dass der Gesang verständlicher wird. Wo liegt dann mehr Gewicht im Gesamtkonstrukt FJØRT?

Chris: Beides in Kombination ist das Essentielle der Musik. Für Melodien und Texte nehmen wir uns viel Zeit, um sie auszuarbeiten. Manchmal kommen Texte erst, wenn der Song steht, manchmal anders rum. Aber wir wollen bei keinen der beiden Sachen Abstriche machen. Nach „D’accord“ ist uns aufgefallen, dass man die Texte noch nicht so gut versteht, auf die wir so viel Wert legen. Wir haben bei „KONTAKT“ darauf geachtet, dass Worte sofort hängen bleiben.

Was sind Eure persönlichen Highlights auf „KONTAKT“?

Chris: Jeder Song bedeutet uns eine Menge, ich spiele alle gerne live. „Anthrazit“ ist ein bezeichnender und bedeutungsschwangerer Song für uns, weil er eine persönliche Geschichte nachzeichnet. Für uns ein Schlüsselsong, genau wie „Lebewohl“, weil er einen guten Abschluss bildet. „Paroli“ musste dringend raus. Aber alle Songs sind entscheidend, wir könnten keinen weglassen.

David: Wir hatten zum ersten Mal mehr Songs geschrieben als auf die Platte konnten. Aber letztendlich mussten es diese elf Songs in genau dieser Reihenfolge sein. Ich persönlich kann da keinen Favoriten rauspicken. Das soll der Zuhörer entscheiden.

Stichwort „Paroli“: Ihr habt in einem Interview gesagt, dass Ihr noch mehr politische Songs schreiben würdet, wenn es noch mehr in Euren Alltag dringt.

David: Das wird oft gefragt, ja. Aber „Paroli“ ist für mich nach wie vor kein politischer Song, auch wenn man das so einordnen kann. Im Song wird die Einstellung von Menschen besungen, die nicht bereit sind, anderen notleidenden Menschen zu helfen. Wenn das unter dem Stichwort Politik abgelegt wird, okay. Aber Politik ist für mich viel mehr als das. Für mich geht es überhaupt nicht, dass man zwei Menschen nebeneinander stellt und einen besser behandelt als den anderen. Als die PEGIDA-Pest anfing, kam irgendetwas Neues und alle Leute haben das noch belächelt. Als dann aber über 50.000 Menschen durch die Straßen zogen, wurde mir zum ersten Mal klar, dass wir in den vergangenen zehn, 15 Jahren ein unglaubliches Mitte-Rechts-Problem hatten. Rechtspopulismus in der Mitte der Gesellschaft, nicht diese rechtsradikalen Glatzen oder die NPD. Auf einmal gab es eine Masse, die sich beschwert, wenn unser Land notleidenden Menschen Obhut bietet. Das ist für mich ein absoluter Niedergang des Menschlichen. Durch unsere Geschichte – für das unsere Generation natürlich nicht verantwortlich gemacht werden kann – haben wir einen weltweiten Auftrag, solche Sachen im Keim zu ersticken. Wenn 50.000 Menschen auf die Straße gehen, ist es unsere Aufgabe als Gesellschaft, sich dagegenzustellen, anstatt es sich auf YouTube anzuschauen. Selbst wenn da nur 500 Leute stehen, kommen die 50.000 nicht mehr, weil sie Schiss haben. Das muss geschafft werden, durch Kommunikation, Aufklärungsarbeit und der Präsenz auf der Straße. In Aachen haben wir sie niedergemäht, das waren 80 Leute. Auch die Kommune hat großen Widerstand geleistet. Aber ich habe große Angst vor den Landtagswahlen.

„Kapitän Kapitulation“ [Zitat aus dem Song „Belvedere“; Anm. d. Red.] ist also noch nicht am Start?

David: Das ist ja ein ganz anderes Thema in dem Song [lacht]. Wir müssen das Problem über Wahlen lösen und darauf achten, nicht in Ignoranz zu verfallen.

Chris: Am Ende geht es doch um Menschlichkeit. Das sind Sachen, die wir als Menschen nicht bringen dürfen. Bei „Abgesang“ geht es auch nicht darum, Religion im Ganzen zu kritisieren oder sich prinzipiell dagegen auszusprechen. Es geht um das Unverständnis, dass Leute für ein höher geordnetes Wesen andere Leute töten. Das kapiert man gar nicht, wenn man das nicht direkt mitbekommt. An so einem Punkt ist die Menschlichkeit komplett nach hinten gekippt. Mit diesen Problemen beschäftigen wir uns.

Die drei Jungs bedankten sich brav für das Interview und hatten es – genau wie wir – ziemlich eilig, denn die Vorband „We never learned to live“ startete. Wie das Konzert war, lest ihr hier in Mareikes Konzertbericht.

Albumstream FJØRT – KONTAKT