Start Album der Woche Explosions In The Sky – The Wilderness (Kritik)

Explosions In The Sky – The Wilderness (Kritik)

a0140231993_10

Man fragt sich bisweilen ja schon mal, wie viel Postrock diese Welt denn noch benötigt. Sind denn nicht alle ziselierenden Gitarren, kaskadierenden Trommeln und fließenden Bässe mal durchgespielt, so dass man sich anderem widmen kann? Man könnte zum Beispiel wirklich mal wieder einen Film ansehen, statt in einer Postrockrezension zu lesen, dass Band xy mit dem aktuellen Album den Soundtrack zu einem noch zu drehenden, sicherlich aber großartigen Film geschrieben habe.

Trotz allem, wenn die großen Namen des Genres Platten veröffentlichen, möchte man ja doch immer mal wieder ein Ohr riskieren, vielleicht lohnt es sich ja.  Also hört man auch in „The Wilderness“ mal hinein, und ehe man sich versieht, erteilen Explosions In The Sky mit dem Opener eine Lehrstunde in Sachen Songstruktur, ja noch schlimmer, spätestens bei dem vielschichtigen „Logic Of A Dream“ muss man sich eingestehen, dass man das Album doch ziemlich gut findet. Verdammt.

Das Quartett aus Austin, Texas erfindet sein Genre zwar nicht neu, man kann sich aber vorstellen, dass die vermehrte Soundtrack-Arbeit der vergangenen Jahre ihnen einiges über Funktionalität beigebracht hat. Auf ihrem siebten Studioalbum muss es nicht immer das ganz große Epos sein, nicht immer die Überlänge. Häufig experimentiert die Band mit Laufzeiten und brilliert dabei; im eröffnenden „Wilderness“ schaffen sie es etwa mühelos von leisem Flirren bis hin zu wuchtiger Opulenz, bei einer Laufzeit von knapp 4 1/2 Minuten.

Das treibende „Tangle Formations“ experimentiert ebenfalls gekonnt mit Dynamik, im Gegensatz zu den am Drone geschulten Flächen, die das Quartett in der ersten Hälfte von „Logic Of A Dream“ vor sich ausbreitet. Dieses Stück ist so rau, wie es Postrockbands nur selten gelingt, wobei natürlich auch Explosions In The Sky innerhalb des Albums immer wieder auf schöne, wohlige Klänge setzen; sogar „Logic Of A Dream“ mündet in einen zurückgelehnten Epilog. Doch immer wieder stemmen sie sich gegen derlei Gefälligkeit, auch im milde aufgekratzten „Disintegration Anxiety“, das wirkt, als hätten sich die hyperaktiven Battles mit einer Ladung LSD therapiert.

Gerade diese Momente, in denen Explosions In The Sky die typischen Postrock Insignien aufbrechen – die sie mit Songs wie dem schleichenden „Losing The Light“ auch noch immer zu Genüge bedienen – machen die Klasse von „The Wilderness“ aus. „Colours In Space“ zeichnet diese Vielseitigkeit horizontal nach, reist vom sehr ruhigen Ambient-Anfang über den stabilen Rock-Mittelteil bis zu den absaufenden Klangkaskaden, mit denen sich Explsoions In The Sky furchtlos dem Lärm preisgeben.

Furchtlosigkeit, Musik als Reise, das waren Kategorien, die Postrock einmal zu einem großen Genre und mehr als einer Schablone für schlechte Witze gemacht haben. Es ist ja nicht so, als wären diese Qualitäten verschwunden, doch von Zeit zu Zeit braucht es eben Platten wie „The Wilderness“, die mit dem richtigen Gespür für Stärken und Möglichkeiten ihres Genres gefertigt wurden und dem Hörer ihre Relevanz so deutlich machen.

8,2/10

„The Wilderness“ erscheint am 01.04. via Bella Union auf Platte, CD und digital.