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Brutus im Interview: „Belgien ist der beste Ort in Europa, um eine Band zu gründen!“

Stefanie, Peter und Stijn bilden Brutus. Foto: Geert Braekers

Bei Brutus denkt man wahrscheinlich als Erstes an diesen römischen Typen, der vor über 2000 Jahren für Furore gesorgt hat. Nachdem ich mein Geschichtsstudium verdrängt habe, denke ich in erster Linie an ein Trio aus Belgien, welches seit gut zwei Jahren ordentlich auf die Kacke haut. Der Mix aus Hardcore und Post-Rock und einer wunderbar fragilen weiblichen Gesangsstimme überzeugt nicht nur mich, sondern schlägt auch international große Wellen. Im März erschien das zweite Album „Nest“, welches die Band aus der Kategorie „Geheimtipp“ herauskatapultierte. Brutus sind mittlerweile eine feste Größe in der Punk/Hardcore-Szene, nicht nur in Europa. Kein Wunder also, dass sie auch zum Line-Up des Reeperbahnfestivals 2019 gehörten und ich schnurstracks ein Interview angefragt habe.

Gesagt, getan: Im Nu saß ich mit Gitarrist Stijn Vanhoegaerden, Bassist Peter Mulders und Sängerin/Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts im Backstage des Headcrash auf dem Hamburger Berg. Stefanie zog sich vorab von Halsschmerzen geplagt ein wenig raus, um ihre Stimme für die Show zu schonen. Dafür waren die anderen beiden umso redseliger, als es um das neue Album, den Aufnahmeprozess in Vancouver und die Musikszene in Belgien ging.

Testspiel: Ich möchte mit dem Begriff Brutus starten. Einerseits ist der Name ein Synonym für Verrat, andererseits auch ein Zeichen, sich gegen Tyrannei zu stellen. Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet er so viel wie „schwerwiegend“. Welche Bedeutung hat er für euch?

Stijn: [lacht]

Peter: Wir hatten keinen römischen Hintergrund oder gar Caesar im Kopf, als wir den Namen wählten.

Stijn: Wir mochten einfach den Namen. All meine anderen Ideen waren beschissen. [lacht]

Stefanie: Ich liebe diesen Namen! Als wir nach einem Jahr unser erstes Demo aufnahmen, wollten wir damit so schnell wie möglich raus. Also haben wir uns innerhalb einer Woche für diesen Bandnamen entschieden. Brutus kam als spontane Idee, klang gut und nach einer halben Stunde war alles online. [lachen]

Stijn: Wir haben nicht allzu viel darüber nachgedacht, weil wir einfach Konzerte spielen wollten.

Peter: Wir haben natürlich auch nicht an all die anderen Bands gedacht, die Brutus heißen. Davon gibt es ein paar. Wir hatten einfach nie erwartet, außerhalb unserer Stadt zu spielen.

Stefanie: Hätte ich ein Kind, würde ich es Brutus nennen. Aber das geht jetzt nicht mehr. [lacht]

Brutus ist ja auch ein beliebter Name für Hunde.

Alle: Ja! [lachen]

Peter: Das kriegen wir manchmal auf Instagram mit, wenn es um Hashtags geht. Brutus hier, Brutus da. [lachen]

Die nächste Frage zielt auf das Songwriting ab. Normalerweise schreibt der Leadsänger die Texte oder jemand mit einem melodischen Instrument. Bei euch ist es anders, da Stefanie die Texte schreibt und singt und währenddessen Schlagzeug spielt.

Stefanie: Wir schreiben unsere Songs stets zusammen. Stijn hat eine Idee, Peter und ich können dazu sagen, was wir wollen und umgedreht.

Stijn: Es gibt keinen Song, den wir nicht im Kollektiv erarbeitet haben. Stefanie spielt dazu auch noch Piano, also auch ein melodisches Instrument. Das macht alles einfacher. Ich habe schon mit Drummern zusammengespielt, die die musikalische Sprache nicht so gut beherrscht haben.

Gilt das auch für die Texte?

Stijn: Nein, das ist eher Stefanies Job.

Stefanie: Beim ersten Album „Burst“ habe ich etwas mehr Hilfe benötigt. Das lag daran, dass ich zum ersten Mal auch wirklich als Sängerin agierte. Ich wollte auch sicher gehen, keine grammatikalischen Fehler zu machen, da mein English noch nicht so gut war. Aber ich hole mir ständig Rat und Feedback von den beiden ein.

Stijn: Wir sind kritische Freunde in der Hinsicht. Sie schreibt etwas und wir reden gemeinsam darüber. Über 90 Prozent der Texte sind aber bereits perfekt, wenn Stefanie sie uns zeigt.

Stefanie: Bei unserem zweiten Album „Nest“ war es einfacher für mich. Ich konnte sprachlich tiefer gehen und hatte etwas zu erzählen. Als ich den beiden meine Textvorschläge zeigte, waren sie Feuer und Flamme und es ging schneller als beim ersten Album. Dort wurde noch mehr hinterfragt, was ich ausdrücken will.

Peter:  In den Lyrics von „Nest“ steckt eine richtige Geschichte, die wir auch sofort kapiert haben. Wir hatten zwar viele Diskussionen, aber das war nichts im Vergleich zum ersten Album.

Euer zweites Album „Nest“ kam im März 2019 heraus. Was habt ihr seitdem erlebt?

Stijn: Viele Shows, lange Touren. Viele schöne und warme Worte von allen möglichen Leuten zum Album. Wir waren viel auf Festivals unterwegs und haben von Fans, anderen Künstlern und Labels eine Menge positives Feedback bekommen.

Peter: Wir haben intensiv am Album gearbeitet und umso schöner ist der Moment, wenn man es veröffentlicht und andere es gut finden.

Stijn: Wir machen Musik in erster Linie für uns selbst. Musik machen ist einfach das, worauf wir am meisten Bock haben!

Habt ihr mit so vielen positiven Reaktionen gerechnet?

Peter: Wir haben mit „Burst“ schon superviel positives Feedback bekommen. Dabei haben wir das ursprünglich gemacht, um in unserer Stadt eine Band zu sein und vielleicht ein paar Gigs in Belgien zu spielen. Nach dem ersten Album dachten wir uns aber schon: Was zur Hölle passiert hier gerade? Mit so vielen positiven Reaktionen haben wir niemals gerechnet. Mit „Nest“ ist es genauso, vielleicht sogar noch einen Schritt weiter. Wir hatten vorab keine Ahnung, ob das Album gut oder schlecht werden wird und ob es unseren Vorstellungen entspricht. Als wir mit der Tracklist fertig waren, haben wir gefühlt zum ersten Mal wirklich darüber nachgedacht, was wir da kreiert haben. [lachen]

Stijn: Der Release und all die positiven Reviews waren dann eine wahre Erleichterung. Vorab mussten wir so viel bedenken und endlich war alles erledigt.

Für euer erstes Album „Burst“ seid ihr nach Vancouver geflogen und habt euch für drei Wochen isoliert, um aufzunehmen. War das bei „Nest“ ähnlich?

Stefanie: Eigentlich fast genauso.

Stijn: Wir sind auch wieder nach Vancouver geflogen und haben dort aufgenommen. Wir mussten allerdings diesmal nicht von Null anfangen. Dafür aber gefühlt schneller schreiben und aufnehmen.

Stefanie: Beim ersten Album haben wir vor allem darauf geachtet, dass es fett klingt und wir so gut spielen, wie wir nur können. Niemand darf sein Instrument falsch gestimmt haben! So etwas ging in meinem Kopf rum, als wir zum ersten Mal in eine große Stadt kommen und viel Geld für ein Studio ausgeben. Beim zweiten Mal sind wir gedanklich mehr in die Tiefe gegangen, haben über den Sound einzelner Parts nachgedacht und an kleineren Stellschrauben gedreht. Ich habe zum ersten Mal ohne Clicktrack gespielt. Vor fünf Jahren war das für mich noch undenkbar.

Stijn: Wir haben uns bei den Aufnahmen öfters Gedanken gemacht, was wir damit aussagen wollen. Nicht unbedingt, wie der Song klingt.

Warum habt ihr, wie schon bei „Burst“, wieder mit Jesse Ganders gearbeitet? [Anm. d. Red.: Ziemlich bekannter Musikproduzent in Nordamerika, der schon für über 500 Bands produziert hat.]

Stefanie: Weil er ziemlich cool ist. [lachen]

Peter: Er ist super punkig drauf.

Stijn: Ja, und gibt keinen Fick auf Verkaufszahlen oder Namedropping. Selbst wenn wir manchmal zu viel nachgedacht haben und Dinge zu sehr analysiert haben, meinte er manchmal: Ihr redet zu viel! Es war sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten, weil er exzellent mit uns klarkam.

Peter: Als Musikertrio kann es manchmal zu Spannungen oder Diskussionen kommen, wenn es um Sound oder andere Sachen geht. Vor allem bei dem Stress, den man im Aufnahmeprozess hat. Er kennt diese Dynamik seit dem ersten Album und kennt uns als Charaktere und unsere einzelnen Rollen innerhalb der Band. Für uns war es neben dem ganzen Touren und Komponieren einfach angenehm, zu jemand Vertrautem „nach Hause“ zu gehen. In diesem Fall ist das Vancouver.

Stijn: Jesse Ganders ist richtig oldschool.

Peter: Total! In Vancouver gibt es eine große Alternative- und DIY-Szene. Er steckt mittendrin. Diesen Vibe überträgt er auch auf andere Menschen.

Stijn: Bei ihm haben wir uns sofort wieder wohlgefühlt und konnten die Zeit im Studio und in Vancouver richtig genießen.

Und die Poutine! [Anm. d. Red.: Kanadisches Fast Food. Quasi das kanadische Äquivalent zum Döner in Deutschland]

Stijn: Poutine, die ganze Zeit!

Stefanie: Die ganze Zeit! [lachen]

Ich war vor kurzem länger in Kanada und Poutine war für mich ein Riesending.

Stefanie: Ja, es gibt sogar vegane Poutine! Perfekt.

Nach einem intensiven Austausch über Kanada, Vancouver und Vancouver Island kommen wir dann doch wieder zurück zum musikalischen Aspekt des Interviews.

Was hat sich aus eurer Perspektive bei „Nest“ geändert?

Stijn: Wir haben die Band und die Musik immer ernst genommen, aber diesmal hatten wir das Gefühl, das wir mit Brutus etwas Längerfristiges aufbauen können. Daher haben wir viel mehr Energie und Gedanken hineingesteckt. Im Album steckt viel mehr drin, als was wir uns mal zugetraut hätten. Wir sind als Band gewachsen, spielen nicht nur größere Shows und sind öfter auf Tour. Sondern auch musikalisch.

Peter: Wir haben größere musikalische Freiheit. Wenn ich jetzt schon an das dritte Album denke, dann haben wir so viele musikalische Wege, die wir einschlagen können. Bei „Burst“ haben wir einfach rausgehauen, was in uns schlummerte, wie wir uns gefühlt haben. Beim zweiten haben wir mehr Gedanken reingesteckt, wer weiß was beim dritten passiert.

Stijn: Wir haben nun noch mehr drauf und kennen uns gegenseitig noch besser.

Peter: Das erste Album war wie das erste Date, das zweite wie der erste Kuss. Beim dritten haben wir nun viel mehr Optionen und fühlen uns noch wohler. Dadurch versuchen wir vielleicht auch mehr Dinge, die wir vorher gar nicht angehen wollten.

Mein erster Eindruck von „Nest“ war, dass es langsamer ist und den Melodien noch mehr Platz gibt.

Stefanie: Ja, wir und insbesondere ich brauchten mehr Platz zur Entfaltung. Beim dritten Album bestimmt noch mehr. Bei „Burst“ waren wir vier Jahre jünger, das Alter macht einen gewissen Unterschied. Vielleicht machen wir uns jetzt noch mehr Gedanken. Mit „Nest“ geben wir uns mehr Zeit, um über Sachen nachzudenken und nicht so vorschnell drauf los zu schießen. Vielleicht wird das dritte Album aber wieder mehr wie „Burst“, wir wissen es noch nicht.

Stijn: Beim ersten Album war ich in einer Phase meines Lebens angekommen, wo ich mich niederlassen wollte, einen soliden Job habe und das Leben auf die Reihe kriege. Die Band war ein cooles Ding, was nebenbei lief. Jetzt sieht das anders aus, der Unterschied ist viel größer.

Peter: Die Band nimmt immer mehr Zeit in Anspruch, so dass wir mittlerweile sagen können: Musik ist das, was wir hauptsächlich machen. Und das ist ziemlich cool!

Zum Abschluss möchte ich über eure Heimat Belgien reden. Dem Land werden eine hohe kulturelle Vielfalt und musikalische Diversität zugeschrieben. Ist Belgien ein guter Ort für Newcomerbands?

Stefanie: Belgien ist der beste Ort in Europa, um eine Band zu gründen! [lachen]

Stijn: Es ist ein kleines Land und die Leute kennen sich untereinander. Bei den meisten unserer ersten Shows haben wir einfach Freunde und Bekannte gefragt, wo wir spielen können und dadurch Auftritte klargemacht.

Stefanie: Wir haben im ersten Jahr bestimmt 100 Shows nur in Belgien gespielt.

Peter: Belgien ist klein und hier leben nicht so viele Menschen. Selbst London ist größer als Belgien. In zwei Stunden kannst du von einer Grenze zur anderen fahren. Wir haben viele kleinere Städte und jede hat ihre eigene Szene.

Stefanie: Peter zum Beispiel lebt in Gent und das ist so klein. Vielleicht so groß wie die Reeperbahn. [lachen] Dort sind ständig Konzerte und die Infrastruktur ist super. Die Clubs und die Szene hat ständig Bock auf neue Bands und Konzerte.

Habt ihr musikalische Empfehlungen?

Peter: Das blöde ist, gefühlt jedes Mal wenn wir einen Tipp geben, gibt die Band dann ihre Auflösung bekannt. [lachen]

Kein gutes Omen, um uns ein paar Tipps zu geben. [lachen]

Peter: Mir egal, ich werde diese Bands immer wieder nennen.

Stijn: Unser Tipp ist Raketkanon!

Stefanie: Die haben bisher drei Alben draußen, glaube ich. Startet mit dem ersten! Sonst wird es vielleicht verwirrend. [lachen]

Vielen Dank, ich höre mal rein! Danke für das Gespräch, es war sehr interessant!