Start Interviews Auf eine Linsensuppe mit dem Negroman

Auf eine Linsensuppe mit dem Negroman

Negroman ist zurück. Gut, wirklich weg war er nie. Knapp drei Jahre nach seinem self-titled Album und etwa zwei nach der Sequel EP gabs jetzt Cuck. Ein Album, mit dem der Sichtexot-Rapper seinen eigenen Sound weiter festigt. Damit geht aber auch einher, dass die 15 Tracks nicht mehr wie einst Luk&Fil klingen. Also nach dem Duo, bestehend aus ihm und Nepumuk, mit dem er erste Erfolge feiern konnte.

Der Typ, der laut eigener Aussage weniger wiegt, als die Goldketten anderer Rapper, zieht eben sein eigenes Ding durch. Und das ist auch gut so! Mit seinem neuen Album und Ruhe & Bit (ebenfalls Sichtexotler) im Gepäck, wurden im Oktober drei Gigs gespielt. Unter anderem auch im Hamburger Häkken. Dort bekam ich nicht nur den Soundcheck mit dem wohl miesgelauntesten Tontechniker aller Zeit mit, sondern vor dem eigentlichen Gig noch Zeit für ein paar Fragen an Negroman himself.

Negroman und DJ Uwe im Hamburger Häkken (Fotos: André Köster)

Er hat Bock auf Mercimek Çorbasi, türkische Linsensuppe. Es zieht uns also zum nächsten Türken in der Kiez-Area. Auf dem Weg kommen wir auf das Label, das er sein Zuhause nennt zu sprechen: Sichtexot – für mich DAS Rap-Label, wenn es um Artist-übergreifende Qualität geht. Nepumuk, er selbst, der Täubling, Eloquent, Tufu und und und – alle auf einem Label unterwegs. Er meint: „Die Art und Weise, wie die Musik entsteht ist dabei eigentlich egal; irgendwo geht es vielmehr darum, auf den gleichen Kern einzuzahlen.“

Wie eingangs erwähnt, hat er sich mittlerweile vom Luk&Fil-Sound emanzipiert. Beide fahren ihren eigenen Sound, beide auf sehr hohem Niveau. Irgendwo zwischen Euphorie und Verwunderung meint Negroman, dass es unglaublich ist, wie groß der Output von Nepumuk ist. Er selbst hat ungefähr 1,5 Jahre an Cuck gearbeitet. In der Zeit hat sein Kumpel dreimal so viel rausgehauen. Wenn nicht noch mehr. Eine unglaubliche Schlagzahl.

Auch wenn mir der Solo-Stuff der beiden sehr gut gefällt, muss ich fragen: Wann kommt mal wieder was von Luk&Fil – und vor allem, wie würde es klingen? „Es ist nicht so, dass es nichts Neues gebe, es ist nur nicht veröffentlich worden.“ Wenn sie allerdings jetzt an einem neuen Album arbeiten würden, würde es definitiv soundtechnisch ein Mittelweg sein.

Ich frage, wie sein grundsätzlicher Schreibprozess aussehe. „Ich merke recht schnell für mich selbst, ob ein Track funktioniert oder nicht. Wenn die ersten Bars nicht direkt catchy sind, wird der Status Quo verworfen.“ Cuck klingt für mich wie eine sehr definierte Weiterentwicklung aus dem, was er mit Sequel vorgelegt hat. Vor allem mit dem Song Vibe oder Werbung. 

Obwohl er aus der EP klar heraussticht, hat er ihn nicht gesondert geschrieben. Vielmehr war der Track ein Schlüsselmoment. Zum einen für die eigene Soundfindung, zum anderen um überhaupt den Mut zu finden, weiter in die Richtung zu arbeiten. Memphis habe ihn musikalisch schon immer sehr interessiert und mit Cuck unterstreicht er seine Einflüsse.

Aber nicht nur die Beats haben sich verändert – auch seine Art zu rappen. Er kommt aus dem Schlafzimmer. Aufnahmen in Zimmerlautstärke. Ein Schlüsselmoment die Vocals anders aufzunehmen, hatte er auf dem Splash. Kein anderer als Haftbefehl sorgte für das Umdenken, als er in der Splash-eigenen Booth einen Track aufnahm. „Es war unglaublich, mit was für einer Energie er seine paar Zeilen gespittet hat!“
Wenn auch vermutlich nicht ganz so schneegetrieben, wollte er sich auch in dieser Richtung ausprobieren. Das Ergebnis hört man zum Beispiel auf Bau. Und auch live knallt er die neuen Tracks ganz schön raus. So sehr, dass nach dem Set ein leichtes Reibeisen hörbar wird.

Mit Cuck entwickelt sich der Negroman weiter. „Ich habe mich viel mit mir und meinem Blick auf die Welt auseinandergesetzt.“ – textlich stellt sich auf der Platte für mich ein Thema von ficken und gefickt werden ein. Und irgendwo bejaht er mir das auch. Denn um nichts anderes geht es im Leben.

Nach einem soliden Auftritt von Ruhe & Bit, die sichtlich viel Bock auf die Liveshow haben, steigt Negroman mitsamt DJ Uwe auf die Bühne. Hätten wir vor dem Gig nicht unser Gespräch geführt, wäre ich vermutlich von der Bühnenpräsenz überrascht gewesen. Kleine Fehler, wie sie Uraufführungen so mit sich bringen, werden lässig überspielt. Die Interaktion mit dem Publikum passt wie Faust auf’s Auge. Spätestens jetzt wird klar, dass der Negroman das nächste Level erreicht hat.

Mit ziemlicher Sicherheit wird es für Negroman nicht bei den drei Gigs 2019 bleiben. Also Augen auf für mögliche Dates 2020 – ein Besuch lohnt sich. Sehr sogar! Aber auch Luk&Fil haben vor kurzen mal wieder zusammen eine Bühne unsicher gemacht – das Duo mit neuem Material oder auch einfach nur live zu sehen wäre für 2020 definitiv genial!