Start Album der Woche Turbostaat – Abalonia (Kritik)

Turbostaat – Abalonia (Kritik)

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Punk und Konzeptalbum, das liest sich auf dem Papier immer noch befremdlicher, als es im Jahr 2016 eigentlich sollte. Einerseits, weil spätestens Green Day mit „American Idiot“ wirkungsmächtig bewiesen haben, dass die traditionelle Feindschaft zwischen dem Chaos des Punk und dem biederen Konzeptalbum Quatsch ist, andererseits, weil Bands wie Turbostaat in den letzten Jahren beharrlich die Grenzen zwischen Punk und der umliegenden Rockmusik verwischt haben. Wieso sollte es also für eine Band aus dem Punksektor nicht möglich sein, ein gelungenes Konzeptalbum aufzunehmen?

„Abalonia“ wirkt derweil zu keiner Zeit wie etwas, dass die Band sich selbst aufgezwungen hat. Vielmehr stieß sich Gitarrist Marten Ebsen– seit jeher verantwortlich für die Texte bei Turbostaat – dieses Mal an so vielen Gegebenheiten unserer Gesellschaft, dass es nicht in ein traditionelles Album gepasst hätte. Die üblichen Codes, Slogans und anskizzierten Kurzgeschichten reichten nicht aus, um das Bild zu zeichnen, das sich immer detaillierter vor Ebsen abzeichnete, je weiter sich die Lage in der Realität zuspitzte.

Also bastelte er die Geschichte einer Flucht zweier Menschen, nicht vor der Ödnis der Provinz oder aus mondäner Langeweile heraus wie im Pop sonst üblich, sondern vor den gesammelten Übeln der Zivilisation. Es braucht nicht viel, um „Abalonia“ als Kommentar auf die aktuelle politische Lage zu lesen. Das Fluchtmotiv verweist zusätzlich zum Plot auf die Flüchtlingsthematik, ebenso wie der Krieg, den man gerade vor dem Hintergrund von Handgranaten, die auf Flüchtlingsheime geworfen werden, nicht nur metaphorisch verstehen muss – zudem gibt es auch detaillierte Spitzen, wie den Verweis auf Pegida in der zweiten Strophe von „Der Wels“. Doch für die beiden Protagonisten gibt es einen Silberstreif am Horizont: den Ort Abalonia.

Was genau Abalonia ist, das erfahren wir Rezipienten nicht mal im bereits vorab veröffentlichten Titeltrack, der das Album beendet. Die Protagonistin Selmona, deren Name erst hier enthüllt wird, steht kurz vor dem Ziel ihrer Reise, doch ob sie es erreicht und ob es dort wirklich besser ist, das lässt Ebsen unklar. Ein bisschen Codierung und Unsicherheit bleiben also, wir befinden uns schließlich auf einem Turbostaat Album. Die Musik macht das sowieso permanent deutlich, denn die mit „Stadt der Angst“ abgesteckten Bereiche verlässt die Band 2016 nur sehr vorsichtig.

Der zuletzt etablierte Hang zu elegischen Strukturen wird dabei regelrecht auf die Spitze getrieben, gerade bei den beiden zentralen Stücken „Wolter“ und „Eisenmann“. Die unheilvolle Stimmung auf der textlichen Ebene wird hier wunderbar aufgegriffen, ebenso wie im Fall des mit Post Punk hantierende „Die Toten“. Klassisch-hymnischen Indie-Punk gibt es hingegen nur noch in Nuancen, eine Entwicklung, die Turbostaat seit Jahren konsequent verfolgen. In gewisser Weise wirkt „Abalonia“ also auch wie ein Endpunkt: Weiterentwicklung findet sich kaum, stattdessen klingt das Album wie eine Verwaltung des Status Quo.

Die funktioniert hier auch, da Produzent Moses Schneider in den legendären Hansastudios den ausgefeilten Kompositionen einen wohligen Klang verliehen hat. Das Gesamtpaket stimmt und will auch als solches verstanden werden, was „Abalonia“ wie eine Meisterprüfung wirken lässt: Was über die Jahre immer weiter verfeinert wurde, das stellen Turbostaat hier in vollendeter Form zur Schau. Gerade mit Blick auf manche Abnutzungserscheinung, was die Kniffe der Band im Songwriting angeht, bleibt am Ende jedoch die gespannte Frage, wohin die Reise als nächstes gehen wird.

8/10

„Abalonia“ erscheint am 29.01. via PIAS auf Platte, CD und digital.