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Touché Amoré im Interview: „Das Publikum in Europa ist offener und affiner gegenüber aggressiver Musik!“

Lebende Hardcore-Legenden: Touché Amoré. Das Interview führten wir mit Jeremy Bolm (Mitte). Foto: Christian Cordon

Was über eine Dekade Hardcore mit einem machen können, hört man bei Jeremy Bolm, Sänger von Touché Amoré. Seine Stimme klingt sehr kratzig, als hätte er sie kaputt gesungen. Pardon, geschrien. Was man bei ihm aber auch sofort heraushört, ist die unglaubliche Leidenschaft und Dankbarkeit, die mit Hardcore-Musik einhergehen kann.

Touché Amoré sind nach vier Studioalben, diversen Live-Alben und zehn Jahre Bandhistorie nicht mehr aus dem modernen Hardcore wegzudenken – wenn nicht sogar genreprägend. Bekannt für ihre explosiven Live-Shows und ihre krasse Ausdauer beim Touren, hat die Band aus Los Angeles schon über 1000 Shows in ihrer Historie stehen. Nun trieb es sie wieder einmal nach Europa und nachdem ich mein vergangenes Interview nur per Mail führen konnte, war ich umso glücklicher, Jeremy nun vor dem Konzert in der Hamburger Markthalle vor mir sitzen zu haben. Zu besprechen gab es einiges: Die gemeinsame Tour mit Deafheaven, Erinnerungen an Konzerte und Hamburg sowie eine Wasserstandsmeldung zum neuen Album, was definitiv 2020 in Angriff genommen wird!

Testspiel: Ihr seid mal wieder auf Europatour, diesmal mit Deafheaven. Wie kam dieser musikalisch doch ungewöhnliche Mix zustande?

Jeremy: Wir sind schon seit Jahren gut miteinander befreundet. Wir waren schon zusammen auf unserem früherem Label Deathwish, jetzt sind wir wieder gleichzeitig bei Epitaph. Zwei von ihnen leben auch in Los Angeles, ihr Gitarrist Kerry geht mit unserem Drummer Elliot jeden Tag surfen. Wir hatten die Idee einer gemeinsamen Tour schon länger im Kopf, es funktionierte aber nie. Am Ende war es das richtige Timing, bevor wir und auch Deafheaven eine kleine Auszeit nehmen wollen, um an neuer Musik zu arbeiten. Außerdem waren wir schon länger nicht mehr hier, vielleicht ein Jahr. Es war an der Zeit und die Tour ist richtig entspannt bisher.

Wie siehst du das mit den unterschiedlichen Genres, die hier live aufeinander treffen? Habt ihr keine Bedenken, dass Fans von der jeweils anderen Band abgeschreckt sind?

Es liegt am Publikum, da offen genug zu sein. Bisher läuft es richtig gut. Natürlich sind wir etwas nervös, aber ich habe Kids in Deafheaven- oder Mayhem-Shirts gesehen, die unsere Lieder mitgesungen haben. Ich glaube, es funktioniert in Europa auch besser als bei uns in den Staaten.

Warum?

Ich habe das Gefühl, das Publikum in Europa ist offener und affiner gegenüber aggressiver Musik allgemein. Wir haben 2015 auf dem Brutal Assault Festival in Tschechien gespielt, wo wir zwischen all den Metal-Bands so ziemlich die einzige Hardcoreband im Line-Up waren. Wir haben erwartet, lebendig gefressen zu werden und es war am Ende doch richtig cool. Daher finde ich es angenehmer, die Tour hier und nicht in den USA zu machen.

Vielleicht sind Fans hier dankbarer, dass Bands den langen Weg nach Europa auf sich nehmen.

Total! Das ist auch meine Antwort auf die Frage, inwiefern sich das europäische und das amerikanische Publikum unterscheiden. Hier gibt es ein Level an Dankbarkeit und Wertschätzung im Publikum, die es in den USA nicht gibt. Manche denken da: Nur eine weitere Show! [lacht]

Ich fand es einmal witzig, als The Sound of Animals Fighting nach Jahren wieder Konzerte spielten, aber die nach wie vor nur in den USA waren. Unter dem Beitrag haben sich trotzdem viele aufgeregt, dass sie in Stadt XY in den Staaten nicht spielen und ich dachte mir: Scheiß drauf, was ist mit Europa? Hier haben sie noch nie gespielt, obwohl hier bestimmt viele sehr dankbar wären.

Ich kenne nur Anthony Green aus der Band, weil wir mal mit Circa Survive gespielt haben. Sie haben mir auch erzählt, dass sie nicht oft in Europa sind. Ich glaube, aggressive Musik wird auf der ganzen Welt akzeptiert und nachgefragt, vielleicht mehr als andere Genres. Punkrock allgemein lässt sich universell übersetzen. Aber wenn etwas nicht die Aggression von Punk ausstrahlt, hast du in anderen Ländern vielleicht eine härtere Zeit. Deswegen empfehle ich jedem, der die Welt sehen will: Gründe eine Punkband! [lacht]

Wo wir gerade über andere Länder sprechen: Ihr habt schon über 1000 Shows auf dem Buckel und auf der ganzen Welt gespielt. Wo würdest du gerne noch spielen, wo ihr noch nicht wart?

Ich würde so gerne nach Südamerika, weil wir dort kaum waren. Wir waren noch nicht in Kolumbien oder Peru zum Beispiel. Wir waren noch nie in Island oder Südafrika, das wäre großartig. Es sind doch noch viele Orte, die wir auf der Liste haben oder einfach wiedersehen wollen. Gleichzeitig haben wir sehr viel Glück, dass wir das alles erleben durften. Das schätzen wir und ich fände es blöd, mehr zu verlangen. Wenn wir uns morgen auflösen würden, wäre das okay für mich. Klar fände ich das traurig, aber ich wäre vor allem dankbar. Diese Musik und diese Band haben mein Leben mehr bereichert, als ich es mir jemals hätte erträumen können.  

Welche Orte sind dir im Gedächtnis geblieben?

Etliche, zum Beispiel Malaysia, Japan oder Südkorea. Wenn jemand deine Lyrics kennt und mitsingt – so weit von deiner Heimat entfernt – ist das einfach überragend!

Ich habe euer Tour-Archiv gecheckt und festgestellt: Das ist euer zehnter Auftritt in Hamburg! Ihr wart im Hafenklang, eigentlich der perfekte Ort für eure Musik.

Unser erster Auftritt war in der Roten Flora! Sehr punkig. Dort haben wir zwei Mal gespielt und in der Markthalle heute auch zum zweiten Mal. Im Hafenklang sogar drei Mal. Wo noch?

Im Logo und in der Fabrik.

Genau! Ich finde die Martkhalle sehr interessant, weil der Innenraum mit der Aufteilung etwas komisch ist.

Ich als eher kleine Person habe immer eine gute Sicht!

Das auf jeden Fall! [lacht] Aber ich habe immer Angst, dass die Leute runterfallen, weil es Stufen gibt.

Allerdings auch einen Bereich in der Mitte, in der sich ein Moshpit auch perfekt bewegen kann.

Haha, ja. Sehr interessant!

Eure neue Single „Deflector“ habt ihr mit Ross Robinson aufgenommen. Er wird auch der Godfather des Nu Metal genannt, hat mit Korn, Slipknot und At the Drive-In produziert. Wie kam das zustande?

Wir haben zum ersten Mal mit ihm gearbeitet. Wir suchen gerade noch nach einem Produzenten für unser nächstes Album, weil wir Abwechslung wollen. Wir haben die vergangenen zwei Alben mit Brad Wood aufgenommen und alles ist großartig. Aber wir wollen frischen Wind und Ross Robinson hatte ich immer auf dem Schirm, schon als ich ein Kind war. Ich liebe Korn, Sepultura, Slipknot, Glassjaw, At the Drive-In, The Blood Brothers und The Cure. Der Kontakt kam über unseren Manager zustande. Er hat auch mal At the Drive-In gemanaged, vom Anfang der Band bis zur Trennung nach „Relationship of Command“. Er sagt eines Tages zu mir: Das könnte meine beste oder schlimmste Idee sein, aber wie wäre es mit Ross Robinson?“ Ihn zu treffen, hat mich sehr nervös gemacht, weil ich seine intensive Art kenne. Also haben wir uns darauf geeinigt, erst einmal einen Song mit ihm aufzunehmen. Wenn wir eine gute Zeit haben oder eine schlechte, aber dafür einen guten Song, dann machen wir nächstes Jahr ein ganzes Album mit ihm. Und wir machen definitiv ein Album 2020.

Zwischen all dem Touren und dem Songwriting habt ihr eurer erstes Album „…to the Beat of a Dead Horse“ zum 10-jährigen Jubiläum neu released. Was bedeutet dir das Album?

Für mich ist es der Startpunkt von etwas, für das ich dankbar bin und mich nicht schäme. [lacht] Die Songs haben keinen nachhaltigen Eindruck auf mich, weil es sie schon so lange gibt. Aber ich bin sehr dankbar, dass es sie gibt und wir sind alle sehr stolz drauf. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Songs zehn Jahre später immer noch spiele. Es gibt keinen Song auf dem Album, den wir blöd fanden, das war beim ersten Demo noch anders. [lacht] Ich fand es cool, die Songs nochmal aufzunehmen, weil Tyler und Elliot damals noch nicht in der Band waren. Wir haben viele Song vom Album über all die Jahre weiterhin gespielt und live variiert, bei der Geschwindigkeit oder den Texten. Wir hätten das Album gerne einfach remastered oder Remixes gemacht, aber die Festplatte unseres Kumpels hat den Geist aufgegeben und alle Dateien waren weg. [lacht] Also haben wir drauf geschissen und es innerhalb von zwei Tagen einfach neu aufgenommen. Für manch Zuhörer könnte spannend sein zu hören, wie wir die Songs heute spielen. Oder für Fans, die das Original noch von damals kannten. Ich dachte eher, dass es den meisten Menschen am Arsch vorbei geht. Aber da irrte ich mich. Es gab aber auch Menschen, die dachten, es wäre ein neues Album. [lacht]

Vielleicht, weil es anders heißt: „Dead Horse X“.

Kann sein, aber das liegt nur an Spotify. Wir konnten den gleichen Titel nicht nutzen und mussten uns was Neues überlegen. Aber ich bin sehr stolz auf das Ergebnis. Das beiliegende Buch ist richtig gut geworden und geht tief in die Bandhistorie rein. Da findest du sogar die E-Mail unseres ehemaligen Gitarristen, wie er mit der Band Schluss macht. [lacht] Manche der Songs haben wir seit acht Jahren nicht gespielt. Ich dachte, dem Publikum wäre es relativ egal. Aber wir haben krasse Reaktionen erfahren, die Leute haben sich riesig gefreut. Wow!

Also werden sie wieder verstärkt mit auf die Setlist genommen?

Wir spielen auf dieser Tour das ganze Album chronologisch durch. Die ersten 20 Minuten des Sets ist dem Album gewidmet, den Rest füllen wir mit anderen Songs querbeet. Das Internet sagte uns, wir sollen hier in Europa das gleiche machen. [lacht] Aber ich habe das Gefühl, hier wird es anders aufgenommen als in den USA. Da hatte ich sogar kurzeitig Zweifel, ob wir das durchziehen sollen. [lacht] Aber wir haben Bock und wollen am Ende sagen: Wir haben es gemacht! Normalerweise startet unser Set sehr energetisch, so dass das Publikum am Ende sehr müde und erschöpft von der Show ist. Diesmal ist es wohl anders herum, weil die Hits eher gegen Ende rausgehauen werden.

Scheint ein Trend zu sein, mit Jubiläums-Alben auf Tour zu gehen. Ich habe es zuletzt bei …Trail of Dead, We were promised Jetpacks und Stars erlebt.

Ja, total. Als wir mit der Band starteten, haben wir ziemlich viel Zeug ziemlich schnell veröffentlicht. In den kommenden Jahren feiern unsere Alben „Parting the Sea between Brightness and Me“ sowie „Is Survived By“ Jubiläum, das ist erschreckend. Mal sehen, ob wir bis dahin noch als Band spielen. [lacht]