Start Album der Woche PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project (Kritik)

PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project (Kritik)

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Zu behaupten, man lebe gerade in besonders politischen Zeiten, ist objektiv betrachtet Quatsch. Jede Zeit ist politisch, ebenso wie jede Zeit ihre spezifischen Herausforderungen hat. Den Unterschied machen weniger die realen Verhältnisse, als die Empfindung der Menschen, und gerade fühlen sich die Menschen auf der Welt bedroht; so scheint zumindest der Konsens. Egal, von welchem Lager aus man auf die Situation blickt, die Politik hat scheinbar kollektiv versagt, ein Wandel steht bevor, Energien zirkulieren, doch in welche Richtung werden sie sich entladen? Darauf weiß auch „The Hope Six Demolition“ keine Antwort, doch immerhin lässt sich an diesem Album und den Reaktionen darauf ablesen, wie angespannt die Lage ist.

Verhandelte der konsensfähige Vorgänger „Let England Shake“ noch – behutsam den ersten Weltkrieg als Folie wählend – die britischen Verhältnisse, feuert PJ Harvey dieses Mal mitten in die Gegenwart hinein und weitet das Blickfeld dabei auf die gesamte Welt aus. Die Reaktionen sind ungleich radikaler, pendeln sich zwischen Lobeshymne, kritischer Hinterfragung und Ablehnung ein. In einem sind sich derweil alle einig: Das Bild, das hier gezeichnet wird, ist alles andere als positiv.

Und bereits an dieser Stelle beginnt die Kontroverse, die zudem auch noch den ersten Song des Albums betrifft. Auf dem schwungvoll-fatalistischen Opener „The Community Of Hope“ ist ein lokaler Gospelchor zu hören, der scheinbar gar nicht damit einverstanden war, wie seine Stadt im fertigen Song dargestellt wird. Harvey ließ sich derweil zwecks Inspiration inkognito von Journalist Paul Schwartzman durch die Stadt führen und zitiert ihn nun in ihrem Text, ohne dies vorher mit ihm abgesprochen zu haben; auch er war wenig begeistert von diesem Schritt. Zu allem Übel sah sich auch noch die Lokalpolitik genötigt, die Situation in der Stadt zu rechtfertigen und Harvey im Umkehrschluss anzugreifen. Puh, und all das gerade mal wegen knapp 2 1/2 von 41 Minuten Spielzeit.

In den Fokus der öffentlichen Kritik gerät dabei vor allem Harveys undurchsichtige Vorgehensweise: Was ist hier Zitat, was Betrachtung, was eigene Einschätzung? Ihre Weigerung, Interviews zur Platte zu geben, trägt wenig zur Aufklärung bei, steht zudem in krassem Gegensatz zum extrem offenen Produktionsprozess. „The Hope Six Demolition Project“ wurde in einem Londoner Museum eingespielt, zwischen Publikum und Musikern gab es nur eine Glasscheibe, die Beobachterin wurde zur Beobachteten und gewährte zugleich einen ebenso oberflächlichen Einblick in ihre Arbeitsweise, wie sie ihn selbst anscheinend während Schwartzmans Tour durch Washington gewann.

Offen wie die Aufnahmebedingungen klingt derweil auch die Platte selbst. Nichts ist hier dicht oder auf den Punkt produziert, stattdessen sitzt alles locker, die Stimme kriegt mal ein bisschen Hall ab, die Gitarre mal ordentlich Zerre, besonders ausgiebig im furiosen „The Ministry Of Defence“. Hier knüpft Harvey an ihre Anfänge in den 90ern an, doch diese Ausflüge bleiben Nuancen, im Grunde variiert Harvey ihren etablierten Indie-Folk-Rock kunstvoll. Teils wandert der Blick dabei auch in Richtung Jazz, forciert durch den prominenten Einsatz eines Saxophons, das vor allem im Outro des tristen „The Ministry Of Social Affairs“ an die Free Jazz Anmutungen erinnert, die Radiohead im Finale zu „The National Anthem“ entwickelten.

Wie souverän Harvey mit all diesen Einflüssen jongliert, ohne an musikalischer Qualität einzubüßen, zeigt auch das treibende „The Wheel“. Ebenso wie im angeschlagenen „Medicinals“ oder dem rumpeligen „A Line In The Sand“ gelingt es Harvey hier, meisterhafte Gitarrenmusik zu kreieren, die auch abseits des politischen Gehalts überzeugen könnte. Doch Inhalt und Form lassen sich auf „The Hope Six Demolition Project“ nun mal nicht trennen, sie bluten immer wieder ineinander und rauben dem Hörer die komfortable Situation, sich nicht positionieren zu müssen.

Auf die Spitze getrieben wird jene Verschränkung ebenso wie die Prägnanz des Dargestellten im abschließenden „Dollar, Dollar“. Ausgehend von orientalisch-anmutenden Field Recordings schlängelt sich der Song zur Begegnung zwischen Harvey und einem Jungen, der sie durch die Fensterscheibe eines Autos um Geld bittet. Diese Situation der Trennung durch Glas reflektiert auch der Aufnahmeprozess, viel wichtiger ist jedoch die Ratlosigkeit, die der Text ausdrückt und zurücklässt. Komprimiert finden wir hier die Ungerechtigkeit des global agierenden Kapitalismus, der für einige in Washington sehr viel zu bieten hat, während die übrigen Bewohner der Stadt wie Schachfiguren im Rahmen von Sanierungen herumgeschoben werden und am anderen Ende der Welt Menschen sterben müssen.

Doch wie positioniert sich Harvey denn nun, wie ist ihre Rolle dabei zu bewerten? Ist sie eine Elendstouristin, die sich als weiße, priveligierte Frau ins Museum stellt und aus dem Leid anderer Kapital schlägt? Hätte sie mit ihren Zitaten anders umgehen müssen? Geht sie durch ihre dokumentarische Vorgehensweise eine journalistische Verantwortung ein, die sie nicht erfüllt? Harvey selbst bezieht dazu keine Stellung, die Platte beantwortet solche Fragen ebenfalls nicht, und an genau diesem Punkt beginnen auch die Grenzen zwischen Rezipient und Kunstwerk zu verschwimmen. Wenn wir fragen, was Harvey legitimiert, so zu texten, wie sie textet, müssen wir auch fragen, welche moralischen Verdienste uns in die Position bringen, über Harvey zu urteilen. Und spätestens an diesem Punkt wird klar, dass „The Hope Six Demolition Project“ ein wichtiger, vielschichtiger Beitrag zum Zeitgeschehen ist.

8,3/10

„The Hope Six Demolition Project“ erscheint am 15.04. via Island auf Platte, CD und digital.