Start Album der Woche Messer – Jalousie (Kritik)

Messer – Jalousie (Kritik)

Messer - Jalousie

Menschen winken gerne ab, werden Bands, die sich einst Stilen wie Hardcore oder Punk verschrieben hatten, mit der Zeit ‚weicher‘, im Zweifel also poppiger. Von Ausverkauf spricht man dann, ebenso wie Verrat an der Sache. Messer kennen diese Reflexe bereits, sie schnellten ruckartig hervor, als sie ihrem zweiten Album „Die Unsichtbaren“ die New-Wave-Nummer „Neonlicht“ vorausschickten. Wer die Band im Jahr zuvor noch als tragbare Alternative zu Turbostaat gehandelt hatte, der verirrte sich leicht in Hendrik Otrembas Oberlippenbart und verpasste somit die ein oder andere Rasur, die noch auf der Platte lauerte.

„Jalousie“ möchte nun noch weniger als ohnehin schon von agressivem Gebolze wissen, exemplifiziert aber ebenso sehr, wie wenig die Aufweichung des Sounds mit leichter Bekömmlichkeit zu tun haben muss. Nicht nur Hardcore-Aficionados, auch klassische Deutschrockfans, die womöglich durch die Thees Uhlmann Gedächtnisvokale der Leadsingle angelockt wurden, ziehen hier letzten Endes den Kürzeren, denn wenn überhaupt sind die Signale hier noch verwirrender, uneindeutiger geworden. Der Vorbote hört dieses Mal auf den Namen „Der Mann, der zweimal lebte“, wobei der Zusammenhang zwischen titelgebendem Film und Song recht schnell für den ersten Moment der Irritation sorgt.

Statt Klärung dieser rätselhaften Namensgebung gibt es offene Melodien, die gegen Ende eine sogartige Dringlichkeit entwickeln, romantische Bezüge, die jedoch stets vage bleiben und  ein Video, das nur zum Schein eine stringente Geschichte erzählt, am Ende jedoch vor allem noch mehr Verwirrung stiftet, als ohnehin schon herrscht. In diesem Zwielicht aus Eingängigkeit und Ungreifbarkeit funktioniert der Song jedoch als perfekte erste Single für ein Album, das genussvoll zwischen diesen Polen oszilliert. Anteil an diesem Verharren im Ungewissen hatte sicher auch das Aufbrechen der klassischen Quartett-Struktur, das nach Palle Schaumburgs Ausstieg und der Aufstockung zum Quintett ohne bindende Aufgabenbereiche erfolgte.

Gitarren sind nicht mehr länger Muss, stattdessen ziehen nach Belieben Synthesizer, Orgeln, Percussions, Gastsängerinnen (Stella Sommer und Katarina Maria Trenk) und gar Trompeten (beigesteuert von niemand geringerem als The Notwists Micha Acher) Schlieren statt Konturen durch das geöffnete Klangbild. Mit Quatsch wie einem stilistischen Potpourri muss man daher gar nicht anfangen, um unterschiedliche Stücke wie das sprunghafte „Detektive“, das keuchende „Die Echse“ oder das resignierende „Im Jahr der Obsessionen“ unter einen Hut zu bringen.

Derartige Differenzen sind kein Stilbruch mehr, sondern einem ambivalenten Design untergeordnet, das Pogo McCartney federführend über Monate hinweg entwickelte und das genügend Elastizität für Expeditionen in fremde Gefilde bietet. Noch stärker als bislang rückt dabei die Text-Band Messer (man denke nur an das distelmeyereske „Weißer Rauch“) aus dem Fokus und macht Platz für einen allumfassenden Avantgardismus, der sich gerade vor Einflüssen aus dem Pop-Bereich nicht fürchtet.

Obwohl es also auf „Jalousie“ mehr Melodien als zuvor gibt und Messer sich mit der ersten Single und dem treibenden, knackigen „Meine Lust“ durchaus eingängige Passagen erlauben, wird es vermutlich auch dieses Mal nichts mit der Hauptbühne bei Rock am Ring. Wer mit Rock noch immer Authentizität assoziiert, den stellt die Affektierheit des Albums auf eine harte Probe, doch was war Rockmusik je, wenn nicht Theater, mit dem die Band zuletzt ohnehin flirtete? „Jalousie“ ist eine Feier der Inszenierung, des OmU-Arthousekinos, des Film Noir, des unbändigen Referenzmonsters Popkultur.

Messer sprechen nun nicht mehr über Romy Schneider und berichten von Masturbationsszenen, sie sind endgültig auf dem Zelluloid angekommen, als Geheimagenten, gehetzte Großstädter und perverse Voyeure, die durch die Jalousie blicken. Gerade in dieser Akzeptanz des Künstlichen liegt jedoch eine ganz neue Qualität, die den Patchworkcharakter des Sounds noch unterstützt. Wenn Otremba sich im eröffnenden „So sollte es sein“ aus wabernden Orgelklängen erhebt und nach einiger Zeit von Sommer und Acher unterstützt wird, ist das folglich nicht weniger als das gekonnte Pendant zu Radioheads „Everything In It’s Right Place“. Der Konjunktiv triumphiert hier zwar und die einzelnen Elemente ergeben kein klinisches Puzzle, sondern fließen in stream-of-conciousness-artig ineinander, doch die meisterhafte Ausführung des folgenden Materials sagen beide Opener korrekt voraus.

8,8/10

„Jalousie“ erscheint am 19.08. via Trocadero auf Platte, CD und digital.