Start Musik Maifeld Derby 2018, eine Woche später

Maifeld Derby 2018, eine Woche später

Credit (für alle Fotos): Florian Trykowski (Facebook / Instagram)

Irgendwann setzt in jedem Jahr die nüchterne Erkenntnis ein, dass das Maifeld Derby im Grunde mal wieder alles richtig gemacht hat. Vereinzelt gab es in diesem Jahr Unkenrufe das Booking betreffend, manche Menschen mögen einen generellen Sättigungseffekt des eigentlich stetig wachsenden Underdogs festgestellt haben, aber im Grunde waren es doch immer genau die Momente, in denen man in einem mäßig gefüllten Parcours d’Amour saß, eigentlich nur auf der Suche nach einem Sitzplatz, und vollkommen von herausragender Musik überrumpelt wurde, die die Größe dieses Festivals ausmachten. An dieser Formel hat sich, neben der vorbildlichen Sorge um das Wohlbefinden der Gäste, auch 2018 nichts geändert, weswegen all die Überraschungen erstmal verdaut werden mussten, um nun in Form von acht Höhepunkten des achten Derbys gewürdigt werden zu können. Bis 2019!

Ibeyi (Freitag, 19:20 Uhr, Palastzelt)

Auf Platte immer irgendwie gut, aber selten wirklich mitreißend, entwickeln Ibeyi auf einem der ersten Slots des Maifeld Derby eine beeindruckende Eigendynamik. Außer den beiden Schwestern ist niemand auf der Bühne, und je häufiger die beiden hinter ihren elektronischen Instrumenten hervortreten und in die Menge brüllen, desto stärker stellt sich das Gefühl ein, hier hätte sonst schlicht niemand Platz gefunden. Die richtigen Statements und die wuchtig-gefühlvolle Performance des bisher angesammelten Materials machen die Sache rund.

Yamantaka // Sonic Titan (Freitag, 21:00 Uhr, Brückenawardzelt)

Lassen wir die halb selbstgerechten, halb repetitiven Lobeshymnen den Metal-Gehalt des diesjährigen Derbys betreffend noch einen Moment stecken, um kurz die wirre, aber nie an Präzision mangelnde Performance der Kanadier Yamantaka // Sonic Titan zu würdigen. Harte Rockmusik bietet dort zwar eine entscheidende Grundierung, auf der aber immer wieder unterschiedliche (J-)Pop-Schattierungen Platz finden – präsentiert mit einer Grandezza, die fast das Brückenawardzelt sprengt.

Jon Hopkins (Freitag, 00:50 Uhr, Palastzelt)

Nachdem Nils Frahm das Palastzelt bereits in eine Art Maschinenraum verwandelt hat (und ich mir bei Kreisky und Phantom Winter zwei Formen musikalischer Ohrfeigen abholen durfte), lässt Jon Hopkins bei einem seiner raren Auftritte die Stimmung auf dem Maimarktgelände endgültig Richtung Club kippen. Junge, apathische Menschen lassen sich gerne in diese trippigen Visuals und die hypnotischen, immer irgendwo zwischen Ambient und Exzess schwankenden Tracks fallen, vielleicht gerade weil Hopkins kurz jegliche Körperlichkeit aus diesem Rock-geprüften Zelt schwinden lässt.

Tank And The Bangas (Samstag, 18:55 Uhr, Palastzelt)

Zurück durfte der Körper spätestens beim Auftritt der unterhaltsamen Eklektiker Tank And The Bangas: HipHop, Funk, Soul und erstaunlich viel Rock fließen bei dieser vielköpfigen Band zusammen, die gerade auf der großen Bühne eine unwiderstehliche Wirkung entfaltet. Obwohl den meisten Anwesenden das Material fremd sein dürfte, dreht die Menge nicht nur anlässlich offensiver Einladungen wie dem (überwältigend frischen) Smells Like Teen Spirit Cover durch.

Neurosis (Samstag, 20:40 Uhr, Palastzelt)

Quantitativ zogen Neurosis auf dem nächsten Palastzelt-Slot fraglos den Kürzeren, aber Hand aufs Herz: Auch wenn Veranstalter Kumpf im Programmheft mit Engelszungen auf die Indiemeute einredete, war absehbar, dass diese Band vielleicht doch ein wenig zu viel Krach für den durchschnittlichen Maifeld-Bersucher fabriziert. Doch wer vor Ort war – und dank der cleveren Buchung der ebenfalls hervorragend aufspielenden Wolves In The Throne Room am späteren Abend waren es dann doch nicht skandalös Wenige – versank vollends in diesem zähen, bis ins Detail ausgekosteten Post-Metal. Selbst wenn in diesem Leben damit kein Konsens mehr auf dem Festival zu gewinnen ist: Hier hat sich das Derby eine wichtige Facette erschlossen, die das Booking spannend hält! Unbedingt beibehalten!

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Ori (Sonntag, 14:30 Uhr, Parcours d’Amour)

Die obligatorische Parcours-Erleuchtung liefert in diesem Jahr mit Ansage Ori. Wobei die Loops, die der Ex-Israeli-jetzt-Berliner aus obskuren Geräuschen und seiner wandelbaren Stimme schraubt, live freilich noch einen Tacken zwingender, tagträumerischer rüberkommen als auf Platte. Wunderbar, um Sonntag irgendwie wieder zu Kräften zu finden.

Warmduscher (Sonntag, 18:30 Uhr, Brückenawardzelt)

In Russland spielt Deutschland schlecht, im großen, zunehmend stickigen Zelt The Kills sehr laut, und vielleicht führt all das dazu, dass die eine große Überraschung meines Maifeld-Besuchs im Brückenawardzelt stattfinden durfte. Dort spielten Warmduscher, die ich vorab auf Spotify irgendwie langweilig und den Namen sowieso doof nach ‘lustiger’ Festivalband klingend fand, und eroberten mich mit bizarren Outfits, einer drückenden Performance und aus der Zeit gefallenem Garagenrock (oder so) im Sturm. Selbst, als am Ende der Bass den Geist aufgeben wollte, konnte das nichts mehr kaputt machen.

Eels (Sonntag, 20:30 Uhr, Palastzelt)

Und die andere, letzte große Überraschung bescherte mir dann ausgerechnet, erstmalig auf dem Derby, ein Headliner. Selbstverständlich kenne ich die Eels, irgendwie, habe sie sicherlich mal zwischendrin in meinem Leben ein bisschen gehört, aber vor allem als für solche Momente und gerade 2018 eher langweilige Indie-Leisetreter abgespeichert. Das Derby darf sowas natürlich als Headliner buchen, nur dann eben nicht erwarten, dass ich mit den anderen Nostalgikern im Zelt stehe und frenetisch applaudiere. Als ich dann aber, halb aus Chronistenpflicht, halb, weil es bis zu Dälek im Brückenawardzelt noch ein bisschen hin war, meinen Fuß ins Palastzelt setzte, war es um mich geschehen: Die Band lieferte ein dichtes Rockset ab, das mich erstmal irritierte. Nach einer Viertelstunde ging es dann zu den großartigen Dälek, die mit einer unverwechselbaren, hervorragenden Mischung aus Noise und Rap, die so bis heute keiner kopieren konnte, zu begeistern wussten, und doch: Nach einer halben Stunde musste ich zurück zu den Eels, mich vergewissern, ob diese Band wirklich gerade jetzt so gut ist. War sie. Sowas hab ich in den letzten sechs Jahren Maifeld Derby nicht erlebt.