Start Album der Woche James Blake – The Colour In Anything (Kritik)

James Blake – The Colour In Anything (Kritik)

Pünktlich zum sonnigen Wetter meldet sich auch das Sommerloch zurück. Zum Glück gab es in diesem Jahr noch etliche Leckerbissen, die im Rahmen der vorliegenden Reihe nicht rezensiert wurden. Ein guter Zeitpunkt also, sich etwa James Blakes „The Colour In Anything“ vorzuknöpfen.

Eigentlich galt es ja als beschlossene Tatsache, dass James Blake nach all dem Hype, den clubbigen EPs und einem aufregenden Avant-Pop-Debüt seine wilden Tage hinter sich gelassen hatte. „Overgrown“ verpasste seinem Sound 2013 eben jene Dosis Pop, die es gebraucht hatte, um ihn in die Reihe all der Neo-R’N’B-Soul-Künstler wie Frank Ocean einzugliedern. Seit diesem Schritt hängt Blake mit Kanye West ab, tummelt sich auf Beyoncé Tracks, kündigt seine Platte – wie gerade en vogue – vage an, lässt sein Publikum anschließend mehr als ein Jahr lang warten und veröffentlicht nun trotz all dieser Vorzeichen ein Album, das sich so gar nicht eindeutig in dieser Entwicklung zum artigen Star, der die Mechanismen des Marktes bedient, verorten lassen möchte.

Eines kann man „The Colour In Anything“ definitiv nicht vorwerfen: Mit seinen 77 Minuten wirkt es nicht wie ein halbgares Übergangsprodukt, das die Massen eben nach drei Jahren verlangt haben. Blakes drittes Album ist vollgestopft mit Ideen, die zwar logisch an sein bisheriges Werk anknüpfen, zunächst jedoch vor allem durch ihre schiere Masse überfordern. Das Ergebnis erweist sich als bizarrer Grenzfall, zwischen sicherer Bank und Risiko, Minimalismus und ausformuliertem Pop, stabilem Soul und kleinen Clubinvasoren, konkretem Songwriting und verästelten Irrwegen.

Das grobe Zielpublikum dieser Mixtur hat sich hingegen nicht geändert; wer bislang nichts mit dem Innenleben eines schmachtend-schmächtigen Mittzwanzigers anfangen konnte, den wird auch „The Colour In Anything“ nicht überzeugen. Bereits das Cover verrät, dass dieses Album besonders viel Anlass zum Seufzen bietet: Statt als verschwommener Kopfmensch oder melancholischer, aber gradliniger Jüngling, platziert Blake sich dieses Mal als Figur in einer naiv anmutenden Aquarell-Landschaft, die ihre ambivalente Struktur erst nach einigen Augenblicken der Betrachtung enthüllt. Ähnlich ratlos, wie der Zuschauer dieser Szenerie beiwohnt, präsentiert Blake sich derweil zu Beginn des Albums, als seine Liebhaberin ihm kurzerhand mitteilt, es sei doch besser, getrennter Wege zu gehen.

Bereits bei diesem frühen Beispiel, dem ehemaligen Titeltrack „Radio Silence“, spielt Blake all seine Tricks (das leise Klackern, der überwältigende Sythesizer, die sanfte Stimme) aus und reüssiert, obwohl die Kniffe natürlich im Grunde längst Plattitüden geworden sind. Ein anderer Ansatz, sich aus der drohenden Behäbigkeit zu hieven, ist mit der Inanspruchnahme helfender Hände auf der Platte zwar vorhanden, drängt sich aber selten in den Vordergrund, was bei Co-Produzent Rick Rubin vielleicht nicht das schlechteste Ergebnis ist. Lediglich die beiden Songs, die gemeinsam mit Justin Vernon entstanden, unterscheiden sich markant von ihrer Umgebung, ohne mit ihr zu brechen.

An Bon Iver erinnert dabei lediglich das besinnliche „I Need A Forest Fire“, dem Vernon auch seine Stimme leiht. Das abschließende „Meet You In The Maze“  funktioniert hingegen als modulierte A-Capella-Symphonie, die bekannte Vocodertricks zwar aufgreift, aber in einen neuen Kontext integriert. Gemeinsam mit dem überlangen, schachteligen „Two Men Down“ gehört der Song zu den obskursten Momenten der Platte und ruft Erinnerungen an Blakes alte Avantgardebestrebungen wach, die aber eben nur eine der hier offerierten Facetten sind. An anderer Stelle, wie dem vorangestellten Titeltrack, bricht Blake seine Songs auf simple Klavierballaden herunter, während das mit Hilfe von Frank Ocean geschriebene „My Willing Heart“ als sich langsam entblätternde, schwermütige Pop-Nummer begeistert und „Timeless“ auf frühere Elektro-Eskapaden erinnert.

Neben tollen Einzeltracks ist die Qualität dieses Albums aber natürlich seine schiere Unübersichtlichkeit, die in eine Art unaufgeregten Größenwahn mündet und ungewöhnliche Fragen aufwirft. Hätte „The Colour In Anything“ auch als regulärer 40-Minüter funktioniert? Eventuell sogar besser, wenn man sich die Ermüdungserscheinungen eingesteht, die sich gerade bei den ersten Durchgängen am hinteren Ende der Platte schon mal einstellen können? Doch es ist ja gerade dieser emüdende Strom, der Blakes Dritte zu einem derart streitbaren Album macht, das zwar für jeden etwas bietet, für manchen gerade daran jedoch scheitert. Unklar muss somit am Ende auch bleiben, ob Blake es hiermit wieder in den Bereich der Avantgarde schafft oder endgültig im Pop aufgeht. Vielleicht ist dieses ellenlange Changieren, das Verfremden des eigenen Stils durch Länge, aber tatsächlich einfach Ausdruck eines Limbus, den Blake sich zwischen diesen musikalischen Welten geschaffen hat.

8,4/10

„The Colour In Anything“ erschien am 06.05. via Polydor spontan digital und ist seit dem 03.06. auch auf Platte und CD erhältlich.