Start Album der Woche Radiohead – A Moon Shaped Pool (Kritik)

Radiohead – A Moon Shaped Pool (Kritik)

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Ein paar Worte vorab: Ja, das Sommerloch ist ein Klischee, aber wer Quantität wie Qualität der aktuellen Veröffentlichungen im Auge behält muss zugeben, dass es entgegen der Logik der Metapher einen wahren Kern besitzt. Statt hier in den kommenden Wochen nun über halbgares Material zu schreiben, blicken wir lieber auf einige Alben, die es im Laufe des Jahres aus unterschiedlichsten Gründen nicht zum Album der Woche geschafft, uns aber trotzdem nachhaltig begeistert haben. Den Anfang machen Radiohead mit dem heiß diskutierten „A Moon Shaped Pool“.

Dabei habe ich die Gelegenheit so gerne wie bereitwillig verstreichen lassen, mich zu diesem Album zu äußern, zu dem jeder bereits Sekunden nach Erscheinen eine Meinung zu haben schien. Sich zwischen all den marktschreierischen Punkten zu platzieren, roch viel zu sehr nach Scheitern, um einen lesbaren, angenehmen Text gegen alle Widrigkeiten kreieren zu können; zumal Kollege The Blind Cuckoo in seiner Nicht-Rezension im Grunde alles zum Thema gesagt hatte. Und dennoch, als die Frage die Runde machte, welche Platte denn nun nachträglich unbedingt als Album der Woche geadelt werden müsste, landete man immer wieder bei „A Moon Shaped Pool“.

Immerhin stehen die Vorzeichen mittlerweile besser: Der mediale Wirbel rund um Marketingkampagnen, Songschnipsel, Veröffentlichungspolitik und Setlists hat sich gelegt und bietet die Möglichkeit, sich möglichst frei von Störfeuer der Musik zu widmen. Die lässt sich zunächst ganz simpel als Rückkehr zur Fläche charakterisieren: Nachdem „The King Of Limbs“ auf verschachtelte Loops und klare Einflüße aus Genres wie Post-Dubstep setzte, da lassen Radiohead ihren Arrangements hier wieder freien Lauf, ebenso wie Thom Yorkes lakonisch-emotionalem Gesang. Die Band selbst löst sich derweil in einem Meer von Klavierklängen und (besonders) Streichern auf – wie sehr man diesen Umstand Jonny Greenwood anlasten möchte, sei derweil jedem selbst überlassen.

Zuletzt hatte jener Greenwood Bruder jedenfalls mit Soundtrackarbeiten für u.a. Paul Thomas Anderson von sich Reden gemacht, der es sich wiederum nicht nehmen ließ, für den Clip der zweiten Single „Daydreaming“ Yorke höchstpersönlich durch ein unterirdisches Labyrinth unterschiedlichster Räume zu jagen. Der Song selbst ist eines jener seltenen Stücke, die zugleich alles offenbahren und dennoch bei jedem Hören weitere Geheimnisse entblättern. Zunächst ist da ein weiches Klavier-Bett, in das Yorke seinen Gesang bereitwillig fallen lässt, bis am Ende Streicher und rückwärtslaufende Sprachsamples den Song kapern, ohne ihn jemals wirklich seiner Gemütlichkeit zu berauben.

Und doch vermutet man mehr dahinter, und je häufiger man hört, desto mehr Details fallen im Unterholz auf. Hier ein kleines Glockenspiel, da eine eiernde Melodie und sehr häufig umherstolpernde Geräusche, wie etwa auch in der Eröffnung des knappen „Glass Eyes“. Die unauffällige Positionierung dieser Spielereien droht bei den ersten Durchläufen, den Eindruck von Einfallslosigkeit zu vermitteln, denn oft wählen Radiohead an der Oberfläche erstaunlich simple Lösungen. „Desert Island Disk“ und seine selige Akustikgitarre hätte man jedenfalls nicht unbedingt von dieser Band im Jahr 2016 erwartet – dass es funktioniert, spricht derweil umso mehr für sie.

Trotz der sanften Texturen setzt „A Moon Shaped Pool“ zudem immer wieder auf jene Finten, die „Burn The Witch“ als erste Single und Opener etablierte: Zwar führt die Band hier Streicher als prägendes Element der Platte ein, doch statt sich in Opulenz zu suhlen, sind sie gegen den Strich gebürstet, bilden ein hektisches Stakkato, in dessen Mitte Yorke besonders besinnungslos umhertorkelt. Die Fährten führten in Richtung der Energie von „Hail To The Thief“, die auf der Platte letzten Endes fast vollständig fehlt. Selten lassen sich Radiohead aus der Ruhe bringen, basteln ihre Stücke sorgsam zusammen und bedienen das nervöse Zucken höchsten noch mal im Aphex Twin verdächtigen „Ful Stop“.

Ansonsten wird es lediglich angedeutet, wie im Fall von „The Numbers“, dessen Start klingt, als habe sich der Mann mit Taschenrechner in der Hand leicht verkalkuliert, bis die Band den Track in eine lockere, maritime Atmosphäre zerrt, zu der auch das traurige Karibikflair passt, welches „Present Tense“ durchzieht. Solche Vergleiche schildern jedoch immer nur Momentaufnahmen: Mal bedienen sich Radiohead an der glitchigen Ästhetik eines verlorengeglaubten Genres wie Witch House, mal kokettieren sie mit der Milde eines Alterswerkes und mal zitieren sie die eigene Vergangenheit, besonders markant natürlich im bereits seit den 90ern umhergeisternden „True Love Waits“.

Alle Spekulationen darüber, wieso der Song gerade jetzt erscheint, was es mit der Interpretation auf sich hat und wieso die Titel eigentlich alphabetisch angeordnet sind,  können nichts daran ändern, dass die Band sich hier einen überraschend emotionalen, aber vollends gelungenen Abschluss eines vielseitigen Albums erlaubt hat. Eben diese Souveränität durch Qualität zeichnete das Schaffen der Band spätestens seit der Jahrtausendwende aus, und auch das eigenwillige, durchdachte und oft einfach wirklich verdammt schöne „A Moon Shaped Pool“ bildet da keine Ausnahme. Angelehnt an den Yorkeschen Wanderer lässt es sich auch Wochen später noch vortrefflich durch die Strukturen der Stücke streifen, den doppelten Boden immer im Hinterkopf, berauscht von der bunten Gestalt der einzelnen Manifestationen dieses Mikrokosmos. Ein besseres neuntes Album hat wohl kaum eine große Band je abgeliefert.

9,2/10

„A Moon Shaped Pool“ erschien am 8. 05. überraschend digital und ist seit dem 17.06. auch via XL auf Platte, CD und im Stream erhältlich.