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Interview mit The Fall of Troy: Vergangenheit und Gegenwart vereint

Momentan vor allem zu zweit aktiv: Thomas Erak, Sänger und Gitarrist, sowie Andrew Forsman, Drummer von The Fall of Troy. Foto: Aya Tiffany Sato

Back in 2005 waren es noch richtig wilde Zeiten. Ich bin gerade 16 Jahre alt geworden, musikalisch immer noch in einer sehr spannenden Findungsphase. Kurz zuvor habe ich meine Leidenschaft für Hardcore-Musik entdeckt, am besten gepaart mit frickeligen Gitarren und Rumgeschreie. Diesen Anforderungskatalog erfüllten The Fall of Troy. Mein Herz blieb stehen, als ich die Band aus Mukilteo, Washington zum ersten Mal hörte. Dann spielten sie auch noch in Deutschland! Also fuhr ich raus aus meinem Provinznest namens Erfurt und machte mich auf den Weg nach Frankfurt. Vor allem im Gedächtnis blieb mir Thomas, Sänger und Gitarrist von The Fall of Troy. Ein langhaariger Dude, der seine Gitarre wild durch die Luft wirbelte und dabei immer noch verdammt viele Töne traf. Der in die Luft spuckte und den Auswurf direkt wieder mit dem Mund auffing, um direkt danach ins Mikro zu schreien. Diese Energie haute mich einfach um, bis heute.

Jetzt, 15 Jahre später, ist 2020 und die Welt sieht völlig anders aus, ganz schön abgefuckt würde ich sagen. Trotzdem Ein komisches Gefühl, so ein Flashback. Aber so ähnlich erging es auch der dreiköpfigen Band aus dem Nordwesten der USA. Nach jahrelanger Abstinenz brachten sie erst vor kurzem ihr neues Album „Mukiltearth“ heraus, auf dem sie Vergangenheit und Gegenwart der Band vereinen. Ein spannendes Stück Musik, über das ich mich mit Drummer Andrew Forsman am Telefon unterhalten durfte – wenn sein zweijähriger Sohn nicht gerade mal unser Gespräch unterbrach. Denn auch für Andrew sieht die Welt heute anders aus, die Musik steht schon länger nicht mehr im Mittelpunkt des Trios.

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Testspiel: 2020 läuft bis jetzt ziemlich beschissen. Was hast du so in den vergangenen Monaten gemacht?

Andrew Forsman: Ich war ehrlich gesagt viel daheim. Unsere Bandtreffen fanden fast nur online statt, um das neue Album auf den Weg zu bringen. Von März bis Juni habe ich online am College studiert. Außerdem habe ich einen zweijährigen Sohn, dessen Kita geschlossen war. Also habe ich mich tagsüber um ihn gekümmert und dann abends geschaut, ob ich noch etwas anderes auf die Reihe bekomme. Viel Multitasking, keine Ahnung wie das andere Eltern schaffen. Aber jetzt ist seine Kita wieder geöffnet und es beruhigt sich langsam wieder.

 

The Fall of Troy sollte Ende April beim Swanfest [in Sacramento, Kalifornien] spielen. Fand das Festival statt oder war euer letztes Konzert dann doch im Dezember 2019?

Das Swanfest wurde wegen der Corona-Pandemie auf nächstes Jahr verschoben, also waren die drei Konzerte Mitte Dezember die letzten. Ganz schön lange her, ich vermisse es.

 

Was war geplant, bevor es zur Pandemie kam?

Unser Album „Doppelganger“ wird in diesem Jahr 15 Jahre alt, wir wollten das komplette Werk live spielen. Wir hatten eigentlich vor, im Juni für ein paar Konzerte nach Europa zu kommen. Ein paar Termine wurden erst auf Dezember verschoben, aber daraus wird offensichtlich auch nichts. Dann vielleicht nächsten Sommer. Echt schade, aber es geht ja den meisten Künstlern momentan so.

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Aber immerhin kam am 8. August mit „Mukiltearth“ ein neues Album von The Fall of Troy – nach vier Jahren. Wie kam es dazu?

Erstmal zum Titel: „Mukiltearth“ ist eine Kombination aus unserer Heimtstadt Mukilteo und der Erde, also Earth. Wir denken uns gerne solche Wortkombinationen aus, so wie beim Track „Seattlelantis“, die Kombi aus Seattle und Atlantis. Mukiltearth ist eine gute Metapher für das Album, weil es beide Seiten gut beschreibt. Die ersten sechs Tracks sind noch aus unseren Anfangstagen, irgendwann um 2001, als wir noch The Thirty Years War hießen und 16-jährige Kids waren. Damals war Mukilteo unser kleines, heimeliges Nest, wir waren an der High School und haben außer ein paar kleinen Urlaubsausflügen nichts von der Welt gesehen. Fast 20 Jahre später haben wir eine Menge durchgemacht, unsere Welt sieht jetzt völlig anders aus. Stellvertretend dafür stehen die vier restlichen Songs auf dem Album, die wir zwischen 2016 und 2019 geschrieben haben.

 

Wie würdest du deine Heimatstadt Mukilteo einem Fremden beschreiben?

Eine kleine Stadt mit 20.000 Einwohnern im Nordwesten der USA. Mukilteo liegt am Meer, um uns herum sind ein paar Inseln. Gleichzeitig gibt es Wälder und große Gebirge im Staat Washington. Ein paar Menschen haben sich bestimmt schon an diesen wunderbaren Anblick gewöhnt, aber für mich ist dieses natürliche Wunder immer noch einzigartig. Ich sehe das bestimmt auch alles etwas romantischer, weil ich hier aufgewachsen bin.

 

Was macht Mukilteo so besonders, dass The Fall of Troy der Stadt ein Album widmen?

Gute Frage. Hier aufzuwachsen war schon ziemlich cool. Ich mochte die Highschool-Zeit. Ich würde sagen, neben der schönen Natur und unserer behüteten Jugend liegt es auch ein Stück weit an der vielfältigen Kulturszene. Wir haben ein paar gute Künstler hier, die es auch international zu etwas gebracht haben. Einer macht berühmte Installationen, eine andere singt am Broadway, noch einer hat ein Fashion-Magazin gegründet. Diesem Vibe der Stadt wollen wir mit dem Album Tribut zollen.

 

Habt ihr die alten Songs für das Album remastered oder komplett neu aufgenommen?

Wir haben alles neu im Studio aufgenommen, weil man sich die alten Aufnahmen nicht mehr geben kann. Wir haben die damals in einer Garage eingespielt und sie klingen genau so, wie du es dir vorstellst. [lacht]

 

Ihr mixt die neuen Songs mit Tracks, die schon fast 20 Jahre auf dem Buckel haben. Was sagen die alten Songs über das moderne The Fall of Troy?

In den alten Songs kannst du bestimmte Bausteine ausmachen, die später zum musikalischen Fundament für The Fall of Troy wurden. Quasi Prototypen unserer Band, die jungfräuliche Quintessenz, wenn du so willst. Jetzt haben wir nach all den Jahren eine Menge erlebt und sind ein Stück weit erwachsener geworden. Vollzeitjob, Familie und sowas ist die neue Realität. Dass wir heute andere Menschen sind, hört man den neuen Songs bestimmt an.

 

Beim Songwriting zu den neuen Tracks seid ihr einen ungewöhnlichen Weg gegangen und habt mit dem Schlagzeug angefangen, erst danach kamen Bass, Gitarre und Gesang. Wie hat sich das auf die Songs ausgewirkt?

Das war erstmal eine rein pragmatische Entscheidung. [wird unterbrochen, weil sein Sohn schreit] Sorry, er weiß was er will, aber nicht wie es heißt. [lacht] Ich hatte als Erster Zeit für die Aufnahmen, daher wollte ich die Drum-Beats erstmal alleine im Studio einspielen. Die anderen sind auf das Experiment eingegangen. Für mich war das spannend, weil ich normalerweise an einem Song arbeite, wenn schon ein Großteil des Gerüsts steht, inklusive Lyrics oder Gitarren. Ich gebe dann meinen Senf dazu. Diesmal habe ich den Jungs ein paar Sachen eingespielt und war gespannt, was sie daraus machen würden.

 

Hat dein Schlagzeugspiel dadurch einen anderen Stellenwert erhalten? Immerhin war es diesmal das Grundgerüst fürs Songwriting. 

[lacht] Das würde ich sehr gerne behaupten, aber mein Ziel war vor allem, interessante Ideen und Beathäppchen für die anderen zu produzieren. Bei manchen Sachen war ich mir nicht bewusst, wo die Reise hingehen soll und war auf den Input der anderen gespannt. Bei anderen Parts hatte ich klare Vorstellungen und wollte die anderen in meine Denkrichtung lenken. Manchmal haben sie den Köder geschluckt, manchmal kam etwas völlig anderes heraus. Das hat den ganzen Prozess so cool gemacht. Für mich war das Experiment ein voller Erfolg! [lacht] Vielleicht machen wir das in Zukunft öfters so, oder fangen mit etwas anderem als Grundgerüst an.

 

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„Mukiltearth“ ist zwar erst wenige Tage alt, aber wie sieht es mit „neuem“ neuen Material aus? Seid ihr schon dazu gekommen?

Das hängt aus verschiedenen Gründen momentan noch in den Seilen. Mit dem aktuellen Album haben wir nun all unsere Songs in guter Soundqualität. Unsere musikalische Vergangenheit haben wir damit quasi vollständig abgearbeitet. Ich habe richtig Bock, neue Musik zu schreiben. Aber mir ist es wichtig, dass auch unser Bassist Tim mit an Bord ist, weil es ohne ihn kein The Fall of Troy gibt. Das Ding ist: Ich habe nur ein Kind, aber Tim hat drei! Also ist es völlig klar und absolut nachvollziehbar, wo seine Prioritäten liegen. Wenn du in einer Band spielst, musst du dich dafür verpflichten, denn Musik frisst sehr viel Zeit. Tim war immer ein wichtiger Faktor im Songwriting. Wenn er keine Zeit für das Projekt hat, dann ist das schade, aber nicht tragisch. Im Prinzip haben wir unser musikalisches Erbe bereits in die Welt getragen, das wäre auch ein schöner Abschluss.

Erikhttp://www.erik-kluegling.com
Musik-Enthusiast, Popkultur-Suchti, 89er Jahrgang, Vinylsammler

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