Start Kritiken Interpol – El Pintor (Kritik + Stream)

Interpol – El Pintor (Kritik + Stream)

Interpol Albumcover © SoftLimit-PIASCooperative

Mal ehrlich: bei den meisten anderen Bands wäre es dem Publikum (Kritiker eingeschlossen) doch absolut egal, ob nun zwischen zwei Alben der Bassist flöten geht oder nicht. Dass es sich bei Interpol nun um eine Ausnahme handelt zeigt sich nicht nur daran, dass es den Leuten offensichtlich nicht egal ist sondern auch daran, dass man dieses Interesse an der Bassistenfrage begründen kann. Carlos Dengler war schließlich nicht nur optisches Aushängeschild der Band, sein rastloses Bassspiel war immer ein gutes Argument, um Interpol über all die anderen Postpunkrevivalisten zu heben. „El Pintor“ ist nun das erste Album der Band ohne diesen markanten Bassisten geworden und alle Welt fragt sich: schaffen die anderen drei das auch ohne Dengler?

Und siehe da: diese immer schon leicht monolithisch wirkende Band lässt sich auch davon nicht erschüttern. Denn bei aller Dengler – Wertschätzung darf man eines nicht vergessen: alle Interpol Mitglieder sind überdurchschnittlich wichtig. Wenn „All The Rage Back Home“ beginnt denkt man nicht: oh, da fehlt aber Dengler. Man denkt sich: oha, Interpol sind wieder da. Gerade diese stürmische erst Single bringt eine Dringlichkeit zurück, die dem Vorgänger bei allen (meiner Meinung nach gelungenen) Experimenten irgendwo abhandengekommen war. Das Cover suggeriert es schon mit seinem diffusen Motiv und seiner Farbwahl: Interpol haben sich ihre alten Platten nochmal ganz genau angehört und sich vor allem an sich selbst orientiert.

Somit ist wirklich alles da, was man von dieser Band erwarten darf. Forgarinos ambitioniertes Schlagzeug, Kesslers sich verrenkende Gitarre, die Soundwände und natürlich Banks, der vor diesen Wänden sein mondänes Leiden vorträgt (und nebenbei am Bass eine ordentliche Leistung bringt). Manche Songs auf „El Pintor“ fühlen sich so an, als würde die Band ihre Formel auf diesem Album perfektionieren. Die Klanglandschaften wirken manchmal zwar noch schwelgerisch, dennoch sind die Stücke in sich geschlossen, wirken beinahe hermetisch abgeriegelt; hier würde kein Ton mehr dazwischen passen.

Die Themen der Platte triefen schon aus den Songtiteln („Everything Is Wrong“, „Twice As Hard“) – die Attitüde ist dabei jedoch weniger depressiv als zuletzt, sondern vielmehr von bittersüßer Melancholie geprägt. Interpol irren nicht mehr durch finstere Abgründe, sie möchte ihre Songs wieder unter Kontrolle bringen und zeigen einen Willen dazu, diese ordentlich auszugestalten. Das mündet in einige der exzentrischsten Gitarrenfiguren, die Kessler je gespielt haben dürfte („My Desire“, „Same Town New Story“), einige der besten Songs der Bandgeschichte und ein lückenloses Album. Man muss keine Angst haben um Interpol, sie wissen nach wie vor Dengler ganz genau, wo sie hingehören.

„El Pintor“ gibt es bereits seit letzter Woche im Stream. Wir haben ihn unten noch mal für euch verlinkt; ab Freitag kann das Album dann auch physisch erworben werden.