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Frank Turner im Interview: „Ich will nicht in einer Welt leben, wo mir jeder den Arsch küsst.“

Bild: Marnie Stange
Frank Turner im Interview mit Testspiel.de – Foto: Marnie Stange

Er wirkt etwas erschöpft, hustet ab und zu und freut sich über den Kaffee, den seine Managerin vorbei bringt. Wir sitzen im Keller der Prinzenbar in einer Garderobe, vor uns eine Spiegelwand. Ein paar Stunden vergehen noch bis zu Frank Turners ausverkauftem Konzert im Docks. Den Tag zuvor spielte er schon hier, auch ausverkauft. Vor ihm liegt sein Laptop und ein Buch – „The World of Yesterday“ von Stefan Zweig. Er fährt sich durch die Haare und atmet durch. Auch wenn er etwas ausgebrannt wirkt, ist das Gespräch von Beginn an ziemlich angenehm. Frank Turner redet viel und gerne, es geht um Hamburg, seine aktuelle Veröffentlichung, beleidigende Menschen und das Reisen. Während des Gesprächs wird er immer wacher.

Du hattest gestern schon ein Konzert im Docks gegeben. Wie war es?

Es war cool, wieder im Docks zu spielen. Wir hatten hier 2011 fünf Konzerte hintereinander mit Social Distortion gespielt. Dieser Ort fühlt sich für uns schon heimisch an (lacht) Es ist heute sogar noch cooler als damals. Wir hatten kein Geld und mussten in einem beschissenen Tourbus pennen. Es war Sommer, wir hatten keine Klimaanlage im Auto und keine Dusche und das war verdammt nervig. Diesmal hat jeder eine Dusche (lacht).

Warum zwei Shows?

Die erste war ziemlich schnell ausverkauft. Wir hatten das fast schon geahnt. Es wäre sinnvoller gewesen, ein Konzert vor 3000 Leuten in Hamburg spielen zu können, aber dafür gibt es hier keine Venue.

Hast du die größeren Venues lieber?

Mir ist es eigentlich egal, ich spiele einfach gern vor all den Leuten, die uns spielen sehen wollen. Wenn es 2000 Leute sind und es passen nur 500 rein, ist das doch scheiße.

Hattest du Zeit, um Hamburg zu erkunden?

Gestern nicht, weil ich viel mit der Presse zu tun hatte. Nach der Show haben wir Alex‘ Geburtstag gefeiert und ich war ziemlich voll (lacht). Ich bin heute ziemlich spät aufgestanden. Aber ich war ja schon öfters in Hamburg und wir hatten hier auch schon freie Tage. Das Miniatur Wunderland ist ziemlich cool.

Vor ein paar Wochen hast du auf Facebook gepostet, dass dein Album „Sleep is for the Week“ neun Jahre alt geworden ist. Wie würdest du diese vergangenen neun Jahre in einem Wort beschreiben?

(lacht) Überraschend.

Ok (lachen). Und mit so vielen Worten wie du willst?

Es ist lustig, weil meine Erwartungen zu „Sleep is for the Week“ ziemlich niedrig waren. Ich war ziemlich glücklich, eine Tour spielen zu können, wenigstens vor ein paar Leuten. Da gab es einen Moment, als die erste Tour vorbei war, an dem ich dachte, es ist vorbei mit der Musik. Nicht weil ich es nicht mehr wollte, aber anscheinend interessierte meine Musik kaum jemanden. Biffy Clyro, Freunde von mir, nahmen mich mit auf ihre UK-Tour. Ein großer Unterschied, weil viel mehr Leute da waren. Ich hab daraufhin noch mehr Songs geschrieben, bei denen ich ein gutes Gefühl hatte und es hat irgendwie geklappt. Aber wenn du mir damals erzählt hättest, ich würde jetzt so vor dir sitzen, wäre ich ziemlich überrascht gewesen.

Jeder wäre es.

Klar. Aber es ist gut, eine positive Überraschung! Ich kann mich nicht beschweren.

Das dachte ich mir (lachen). Dein aktuelles Album heißt „Ten for Ten.“ Erzähl mir davon.

Wir haben ein Boxset gemacht, eine Art Best Of der ersten, zweiten und dritten Drei Jahre. Dann haben wir für die Leute, die sich nicht alles kaufen wollen, noch zehn Songs zusammengestellt und es „Ten for Ten“ genannt. Ich wollte nicht, dass sich Leute extra die Box kaufen müssen, um die Songs zu hören, die letztendlich auf „Ten for Ten“ gelandet sind.

Foto: Marnie Stange
Foto: Marnie Stange

Wie hast du die Wahl für diese zehn Songs getroffen?

Ich dachte zuerst, zehn Songs für zehn Jahre wären eine coole Idee. Aber das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Ich hatte manchmal auch nicht die richtige Aufnahme, weil viele der Songs vom ersten und zweiten Album sind. Aber ein paar alte Demos konnte ich dann doch finden. Der letzte Song „The Ballad of me and my Friends“ ist eine Originalaufnahme, die wir um fünf Uhr nachts eingespielt haben, als jeder schon ziemlich voll war. Ich hab jedem den Refrain erklärt, weil ich den Song vorher nie gespielt habe. Ich hab es mit meinem Laptop aufgenommen. Es ist nicht der beste Take, ich war zu schnell und betrunken. Ich fand es trotzdem cool und wollte es aufs Album packen. Dann hab ich die Datei irgendwie verloren. Im vergangenen Jahr hing ich mit einem Kumpel in Australien ab und ich hab ihm von dem Album erzählt und er meinte: „Ja, ich hab den Song auf meinem Laptop und ich kann dir die mp3 schicken!“ Ich dachte nur, was zur Hölle? Ich will ihn auf jeden Fall haben! (lacht)

Du siehst dich immer noch als Punk und sagst auch manchmal deine politische Meinung. Redest du auf Tour über Politik, insbesondere in anderen Ländern und Kulturen?

Das mache ich ab und zu, aber ich habe beschlossen, meine Musik nicht mit Politik zu vermischen. Hauptsächlich aufgrund des niedrigen intellektuellen Levels in der öffentlichen Debatte über Politik. Es ist verdammt deprimierend. Ich denke aber auch nicht, dass Musik der richtige Ort dafür ist. Mein Freund Billy Bragg ist einer der besten Songwriter, die ich kenne, aber niemand redet über sein Songwriting. Er ist dieser Politik-Typ, obwohl nur 1/3 seiner Songs politisch sind. Ich interessiere mich für Politik, aber doch mehr für Musik. Als Mensch rede ich schon darüber. Das schöne am Touren ist, dass du so viele Leute aus anderen Ländern und Kulturen triffst. Das ist wichtig für mich, um die Welt anders zu sehen und zu verstehen.

Als du mit deinem Album „Tape Deck Hart“ im Mainstream angekommen bist, hast du auch viel negatives Feedback im Internet bekommen. Wie gehst du damit um?

Es war eine interessante Erfahrung. Als Underground-Band kennen dich meistens nur die Leute, die dich auch mögen. Mit „Tape Deck Heart“ wurden Leute auf mich aufmerksam, die es nicht tun. Und das ist total ok, ich beschwere mich darüber nicht. Aber vor allem durch Social Media erreichen dich Leute, die dich wirklich überhaupt nicht mögen. Täglich bekam ich per Facebook, E-Mail oder über meine Website Nachrichten. Da sind Dinge dabei! Es ist eine komische Art der sozialen Interaktion. Manchmal hast du einen schlechten Tag und liest dann noch eine lange E-Mail, in der dich einer aufs Übelste beleidigt, das kann ziemlich nerven (lacht). Ich bin aber verdammt gut darin, solche Dinge zu ignorieren.

Aber schätzt du die Möglichkeiten von Social Media, wo jeder die Chance hat, dich zu kontaktieren?

Ja, das mache ich. Als Erstes ist es mir wichtig, erreichbar zu sein. Ich will nicht in einem Schloss existieren. Es wird interessant, wenn ein Dialog entsteht. Ich will auch nicht in einer Welt leben, wo mir jeder den Arsch küsst. Das ist nicht gesund für einen Musiker. Interessant ist es bei Reviews. Ich lese lieber die kritischen, bei denen du weißt, dass nicht ein Fan von dir dahinter sitzt. Sie haben ja auch manchmal Recht und ich kann darüber nachdenken. Aber diese „Ich hasse diesen Typen und wünschte, er wäre tot!“-Typen müssen es echt nicht sein (lacht).

In Deutschland reden zurzeit viele über die Flüchtlingskrise. Über Facebook melden sich viele zu Wort, die sonst eher still wären. Was da rauskommt, ist oftmals auch Scheiße, aber manche bekommen den Eindruck, dass dies so allmählich das Stimmungsbild in der Bevölkerung ist.

Ich halte Social Media nicht für den geeignetsten Ort, um über Politik zu diskutieren. Die Menschen mit den lautesten Stimmen sind nicht immer die schlausten Menschen. Es gibt so viele dumme Menschen, die über Social Media laut rufen können.

Was ist dein Rat für solche Menschen?

Viele sollten weniger reden und mehr zuhören. Wenn du die ganze Zeit denkst, dass du immer Recht hast, bist du vielleicht nicht so klug. Die Welt ist so kompliziert, viele intelligente Menschen haben versucht, sie zu erklären. Aber wenn du denkst, dass es so einfach ist, dann verstehst du die Welt wahrscheinlich nicht.

Foto: Marnie Stange
Foto: Marnie Stange

Wir haben jetzt Ende Januar. Wie sehen deine Pläne für dieses Jahr aus?

Konzerte. So unglaublich viele Konzerte! Es sind ziemlich viele Stationen für das Album, aber das wollte ich auch so. Ich hatte gestern mit einem Kumpel darüber geredet, was ich März 2017 mache, wenn das Touren durch ist. Ich denke, ich mache sechs Monate Pause, irgendwo in der Welt.

Ich habe ständig gelesen, dass du Touren so geil findest und immer wenn du ein paar Tage zwischendurch frei hattest, dich zu Tode gelangweilt hast.

Das stimmt, aber ein paar freie Tage bedeutet meistens, dass danach wieder eine Tour ansteht. Ich hab ein Buch übers Touren geschrieben, also anscheinend stecke ich da echt tief drin (lacht). Das Buch zu schreiben war auch eine interessante Erfahrung. Irgendwie einfach, aber auch ziemlich schwer, weil es eben nicht Lyrics sind. Bei Lyrics musst dir jedes Wort ganz genau überlegen, bei Büchern so viele Seiten. Ich habe mir das einfachste Thema ausgesucht, was ein Mensch haben kann: Sich selbst und all die spannenden Storys (lacht). Aber ich würde auch gerne ein Buch über ein Thema schreiben, wofür ich erst so richtig recherchieren muss. Wenn ich bald frei habe, werde ich vielleicht in einer Bar in Paris arbeiten und nebenbei schreiben. Ich lass mich einfach treiben.

Du könntest auch reisen.

Das würde ich auch sehr gerne. Ich bin zwar ständig irgendwo, aber ich hab nie so richtig Zeit, die Umgebung zu erkunden. Das pisst mich schon an. Ich war manchmal zehn Mal in einer Stadt und doch nie so richtig in der Stadt (lacht).

Gibt es eigentlich Länder, in denen du noch nie gespielt hast?

Oh ja, ich will unbedingt nach Süd-Amerika. Ich hab nur in Mexiko gespielt. Hoffentlich klappt es 2016 noch. Ein Freund von mir ist durch die Ukraine, den Balkan, Russland und die Mongolei gereist und hat dabei super verrückte Sachen gesehen. Er hat ein Buch darüber geschrieben. Mit ihm will ich auf Tour gehen. Ein Kumpel von mir hat mir letztens eine Weltkarte geschenkt, wo man die Länder freirubbeln kann, die man schon besucht hat. Ich fand sie ziemlich deprimierend, weil ich viel in Europa, den USA und Australien unterwegs war, aber das ist nicht viel von der Welt. Ich würde so gerne mal in die Antarktis, aber nicht um da zu spielen (lacht). Meine Mutter ging vor kurzem in den Ruhestand und sagte mir, sie wolle dahin. Ich sagte: „Ich werde dich verdammt noch mal begleiten!“ (lacht)

Frank Turner wirkte nach dem Interview aufgeweckter. Vielleicht lag es auch am Kaffee. Als wir den Backstage-Bereich verließen, hörte ich ihn zu seiner Managerin sagen: „Bring mir bitte so viel Kaffee wie du kannst!“ Ich war gespannt, wie seine Show werden würde. Was ich nicht erwartet hätte: Einen Mann zu sehen, der sich zwei Stunden lang die Seele aus dem Leib singt, die Bühne rauf und runter rennt, Schabernack mit dem Publikum treibt – und dabei eine Spritzigkeit an den Tag legt, die ich nur bewundern kann.

Albumstream: Frank Turner – Ten Of Ten