Start Kritiken Endlich wieder Chaos: Ho99o9 und Blue Daisy im Gleis 22 (Konzert-Review)

Endlich wieder Chaos: Ho99o9 und Blue Daisy im Gleis 22 (Konzert-Review)

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Punk und Hip Hop sind zwei Genres, in denen man sich ständig mit Bewahrern der reinen Lehre konfrontiert sieht. Die Regeln, wie das Genre funktioniert, sind klar definiert, und die Künstler haben sich gefälligst gemäß dieser zu verhalten. Wer nicht pariert, wird boykottiert, fertig. Ein witziges Experiment ist daher: Was passiert eigentlich, wenn man gleich beiden Szenen ans Bein pisst und sich so quer durch die Musikgeschichte samplet und zitiert, dass das theoretisch am Ende jeder gut oder scheiße finden kann. Ho99o9, zwei junge Rapper namens theOMG und Eaddy, gehören zu dieser Bewegung, die gerade in Amerika Hip Hop auf links dreht und sich anschaut, wie das eingerostete Gebilde so von innen aussieht.

theOMG und Eaddy haben keine Angst vor wirren, übersteuerten Samples, vor lächerlichen Gimmicks und blitzartigen Überfällen auf das Auditorium. Mit drei EPs im Gepäck kommen sie nach Europa, spielen Shows von einer Dreiviertelstunde und hinterlassen ein bunt zusammengewürfeltes, euphorisiertes Publikum. Die Musik dazu ist mehr dichter Klangteppich denn gewöhnliche Abfolge von Songs – da muss man sich durchkämpfen, mit schwingendem Ellbogen und nickendem Kopf zugleich. Die Gitarren stolpern, der Sampler überschlägt sich, mal kommt auch ein straighter Beat durch. Punks versuchen zu Hip Hop zu tanzen, Hipster versuchen, mit dem Krach klar zu kommen. Endlich wieder Chaos.

Schon Anheizer Blue Daisy aus dem UK fügt sich hervorragend in diesen Kontext ein. Seine Stücke funktionieren etwas strukturierter, liebäugeln stark mit elektronischer Musik, doch auch bei ihm spielt Aggression eine große Rolle. Nach wenigen Songs zieht er seinen Pullover aus, steigt mit freiem Oberkörper ins Publikum und brüllt den Menschen direkt ins Gesicht. Das ist noch tief im Hip Hop verwurzelt, doch schon die schnarrenden Instrumentals zeigen an, dass hier etwas in Schieflage geraten ist. Mal erinnert es an Spoken Word, mal an garstiges Geschrei, spätestens, als die Leute um Blue Daisy in Bewegung kommen und der Mann in einen Pogo gerät, ohne den Faden zu verlieren. Mit heiligem Ernst trägt er seine düsteren Texte vor und wirkt dabei erschreckend bedrohlich, angetrieben von der Energie des live gespielten Schlagzeugs. Auch klanglich fungiert das als guter Einstieg in den Abend.

Ho99o9 bringen im Grunde nämlich ein vergleichbares Setup an den Start: Ein Drummer, ein Sampler und in diesem Fall eben zwei Rapper. Eaddy ist mit heute grün gefärbten Haaren und Sid Vicios Shirt klar im Punk verortet, während theOGM mit dicken Dreads und verschiedenen Hilfsmitteln wie einer Sturmmaske oder einem Vampirgebiss schon optisch abseits aller Szenen steht. Man merkt recht schnell: Bei Ho99o9 geht es auch um Trash, um Spaß und um den Grusel als Mittel der Unterhaltung. Das macht die Musik zum Glück nicht weniger dreckig: Ob das Punk oder Hip Hop ist, ist ja auch egal. Die beiden überzeugen, egal ob sie in puren Lärm abdriften, ihre Texte mit punktgenauen Raps zum besten geben oder ins Publikum hasten, um den Mob anzuheizen. Die Regeln sind hier vollkommen egal, weil die Musik trotz ihrer Missachtung funktioniert. Wer irgendwie auf energische Musik steht, der sollte die Band dringend im Auge behalten. Sowohl live als auch auf Platte ein verstörender Hörgenuss!