Start Kritiken Das neue Schwarz – Albumkritik: Caligula – Lingua Ignota

Das neue Schwarz – Albumkritik: Caligula – Lingua Ignota

Ach ja – die Liebe. Kaum etwas bietet mehr Futter – ja, wird mehr in der Musik ausgeschlachtet als die Liebe. Was sage ich da?! Überall! Film, Fernsehen, Literatur – you know the drill! Während die einen offenkundig die Perversionen vortragen, die ihr Hirn ausgespuckt, ist bei den anderen alles fluffig-kunterbunt. Wie man in Japan sagen würde: Kawaii.

Aber bevor wir hier jetzt in die Regionen des J- oder K-Pops abrutschen – die zweifelsohne auch ihre Reize haben – stelle ich eine ganz andere Frage: Was ist, wenn die Blase platzt?

Ja richtig, dann wird aus dem Zucker die Zitrone! Wenn nicht sogar die Pampelmuse. Doch während der ganze Herzschmerz, den wir aus dem Radio oder von der Spotify-Startseite kennen, immer etwas Falsches, Kommerzielles hat, gibt es auch einen Gegenentwurf. Ein Wort, 11 Songs, 66 Minuten – Caligula von Lingua Ignota.

Hinter der “unbekannten Sprache” steckt die US-Amerikanerin Kristin Hayter, die sich vor zwei Jahren mit ihrem zweiten Album “All Bitches Die” schon mal in meinen Dunstkreis musiziert hatte. So richtig matchen wollte es damals aber nicht. Ich verstand zwar, was die Multi-Instrumentalistin von mir wollte, so richtig gewillt es ihr zu geben war ich aber nicht. Naja, um mir Caligula anzuhören hat es immerhin gereicht. Zum Glück!

Denn der neueste Output der selbsternannten “Survivor Anthems”-Schreiberin könnte nicht brachialer sein. Und das auf so vielen Ebenen. Caligula – das römische Scheusal – fühlt sich gewissermaßen ekelhaft an. Das Werk klingt, sofern man es darauf herunterbrechen wollte, wie eine Mischung aus Chelsea Wolfe, den frühen Mayhem und naja – was denn noch? Alles was Ambient, Industrial und Noise so an Abgründen zu bieten haben.

Das vorherrschende Thema des Albums ist das Ende einer intimen Beziehung. Womit wir wieder beim Herzschmerz wären. Nur hat der sich selten bis noch nie so zermürbend, auszehrend und einfach echt angefühlt, wie auf Caligula. Der Konflikt zwischen Affektion und Abneigung war nie schmerzlicher. Der aufmerksame Zuhörer erlebt eine Reise durch die einzelnen Phasen dieser Trennung. Dass die Emotionen dabei so tiefschürfend und roh daher kommen, wird vermutlich nicht zuletzt an Hayters Vergangenheit mit Fällen von häuslicher Gewalt liegen.

Der Opener “FAITHFUL SERVANT FRIEND OF CHRIST” nimmt einen zunächst noch sanft an die Hand. Einzig das atonale Cello lässt schon vermuten, dass hier irgendetwas nicht ganz so stimmt. Überleitend zu “DO YOU DOUBT ME TRAITOR” erklingen dann alle Streicher schon fast wimmernd.

Die ersten dumpfen Klaviersaiten erklingen. Man fühlt sich an die frühe Soap&Skin oder „If I had a Heart“, dem Titelsong zur Serie Vikings, von Fever Ray erinnert. 

“If you rise up to heaven 

I’ll turn the sun to blind you

If you sleep deep in hell

I have chains to bind you.”

Die Talfahrt vom Himmel in die Hölle beginnt. Ein treffender Vergleich, skizziert Lingua Ignota doch immer wieder religiöse Holzschnitte. Zunächst noch tief grollend, dann mit einem Lichtblick – chorischer Gesang, der dann in kehlige Fragmente zerbricht: 

“Satan, Satan, 

Satan, fortify me, 

I don’t eat, 

I don’t sleep 

[…] I let it consume me.” 

Machtlosigkeit, die auf Verzweiflung, Horror und Wahnsinn trifft. Alles zerbricht, einzig das Klavier sticht, sich weiter an die eigene Melodie krallend, aus dem musikalischen Chaos hervor. Am Ende des ersten Akts bleibt Wut und Verzweiflung zurück: 

“My friends all wear your colors

Your flag flies above every door

But bitch, I smell you bleeding

And I know where you sleep.” 

Eine fast 10 minütige Strapaze endet.

Aber dabei soll es halt nicht bleiben. Über die weitere Distanz des Albums erlebt man immer wieder das Aufbegehren und Zerbrechen, ja sogar Zerbersten jeglicher Emotion. Ich fühle mich immer wieder an Rob Zombies “Lords of Salem” oder Luca Guadagnino “Suspiria” erinnert. Vermutlich wäre dieses Album schon fast der bessere Soundtrack für die Filme gewesen. Nichts gegen Zombie oder Yorke.

Jeder Titel auf “Caligula” steckt voller nennenswerter, lyrischer Fragmente. Mal schon fast schmeicheln gesungen, mal animalisch geschrien, mal überwältigend geschluchzt. Alles gipfelt in den Zeilen: 

“Beast he named me

Beast I am 

I am

Grief 

[…] All I want is boundless love. 

All I know is violence

Violence“

Ja, das Thema einer verlorenen Liebe ist ausgelutscht. Aber noch nie war es so epochal, so erstickend und so außer Kontrolle. Natürlich ist Caligula ein Album, dass man hören wollen muss. Etwas zu dem man sich bekennen muss. Aber auch etwas, dass man vermutlich der Schwiegermutter nicht als Paradebeispiel zeigen sollte, was man so hört – aber verdammt nochmal: Es ist ein Meisterwerk!