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Bob Dylan in der Barclaycard Arena Hamburg: Handys weg und keine Angst vor His Bobness

„Hast Du Lust zu Bob Dylan zu gehen und etwas darüber zu schreiben?“ Klar, dachte ich mir und sagte zu – denn His Bobness hatte bisher noch auf meiner Konzerte-Bucketlist gefehlt. Über Jahre habe ich mich erfolgreich davor gedrückt, eines seiner Konzerte anzuschauen. Auf Platte liebe ich den Mann. Die Phrase ist echt platt, aber der Typ ist wortwörtlich eine lebende Legende: einer der größten Poeten des letzten Jahrhunderts, ein Gott, für den man noch Karten kaufen kann. Einer der zu cool ist, um seinen Nobelpreis abholen zu kommen. ABER: Live genießt er einen, naja, etwas „schwierigen“ Ruf. Traditionell ist Dylan in seiner Karriere schon immer unberechenbar gewesen, sein Live-Image ist furchteinflößend: angeblich würde er bei Konzerten nur nuscheln, keine Hits spielen – und wenn doch, dann seien sie bis zur Unkenntlichkeit verändert. Kurz: Er gilt nach van Morrison als der ca. zweitmiesgelaunteste Typ im Biz. Mein ganz persönliches Bild von Dylan wollte ich mir nicht von einem Konzert verunstalten lassen. Am 5. Juli 2019 wollte ich trotzdem Klarheit haben, ob sich der Mann live nun lohnt oder eher nicht.

Bei Bob Dylan herrscht Fotoverbot (Pressebild: Live Nation)

Tatort Barclaycard Arena in Hamburg: Im Foyer gibt’s noch ein bisschen Gewusel – die Ticketbesitzer der oberen Ränge dürfen ihre Karten umtauschen und bekommen bessere Plätze angeboten. Guter Move, sieht dann auch voller aus und klingt für alle Beteiligten besser. Bei der letzten Zigarette kurz vor dem Konzert sieht man draußen auch Andreas Dorau stehen, ich nicke ihm kurz zu (er hat mich vermutlich nicht erkannt), dann werden wir in unsere Loge geführt. Schöne Plätze, super Sicht, eine nette Bedienung, die uns vorwarnt: „Heute gibt es ein striktes Fotoverbot – der Künstler möchte das so.“ Wir erfahren: Wenn ein Handy gezückt wird, würden Securities erst eine Verwarnung geben und beim zweiten Mal tatsächlich rausschmeißen. Ich trinke ein weiteres Beruhigungsbier, nach einer Saaldurchsage zu eben jenem Fotoembargo noch eins, und dann kommt Bob Dylan plus vier Musiker auf die Bühne. Der bestuhlte Innenraum klatscht, der Rest der Mehrzweckhalle tut’s ihnen nach. Auf ein „Hallo Hamburg“ oder ähnliches verzichtet Dylan komplett, er nimmt seinen Hut ab, setzt sich ans Klavier und legt direkt mit „Things Have Changed“ los.

Das angenehme Fotoverbot

Von einem Fan neben uns erfahren wir, dass Bob Dylan vor kurzem wirklich ein Konzert in Wien abgebrochen hätte; der Künstler habe wohl ein hochgehaltenes Handy entdeckt. Egal. Heute ist Fan Tobias schon nach wenigen Songs begeistert von der Setlist – ich bin’s auch. Ja, man muss genau hinhören, da die Songs schon ordentlich verändert wurden. Ansonsten gibt es wirklich nichts zu meckern.

Bob Dylan, 78 Jahre alt, gefühlt tausende Songs im Repertoire, hat heute Abend anscheinend Bock. Seine Stimme ist rau, aber klar und kraftvoll. Er bellt seine Songs ins Mikro, von Nuscheln keine Spur. Auch wenn heute Abend nicht unbedingt das Insta-Zielpublikum anwesend ist: Die Leute halten sich an das Fotoverbot (oder sind zumindest sehr vorsichtig im Umgang mit dem Smartphone), und das ist ehrlich gesagt verdammt angenehm. Die Drohung mit dem Rausschmiss oder Konzertabbruch sitzt, alles konzentriert sich auf die Show; so wie es eigentlich immer sein sollte, aber aus Gewohnheit irgendwie nicht mehr ist. Pics or it didn’t happen? Heute mal nicht: Dylan und seine Musiker stehen und sitzen auf der Bühne, als schlichte Deko gibt’s einen schlichten Vorhang und ein paar Scheinwerfer, zackfertig ist das Bühnenbild.

Bei „When I Paint My Masterpiece“ ist Fan Tobias begeistert – Grateful Dead hätten den wohl auch öfter gespielt, spätestens als Bob himself mit der Mundharmonika loslegt, bin ich ganz beseelt. Die „Never Ending Tour“ läuft für Bob Dylan seit dem Jahr 1988, mehr als dreißig Jahre später sitzt oder steht er heute meistens an seinem Piano. Er legt sich ins Zeug, steht ab und an mit seinen Wuschelhaaren auf und schleicht sich zu einem Mikrophon.
Folk, dann Rock, Country, Blues, Gospel, Americana, in den 80ern eine Krise, ein Jahrzehnt später ein gelungenes Comeback; Dylan hat in seiner Karriere einen endlosen Vorrat an Geschichten gesammelt. Und die gibt es heute nur in Songs, wie zum Beispiel „Make You Feel My Love“ vom 1997er Album „Time Out Of Mind“.

Keine Zeit für Raucherpausen

Ich freue mich des Lebens, würde allerdings gern rauchen – aber auch nichts verpassen. Habe ich sehr selten gehabt in den letzten Jahren, eine Raucherpause mache ich eigentlich immer. Während des Konzerts gibt es keinerlei Ansagen, aber doch recht viele Hits, notiere ich mir als dann „Pay In Blood“ kommt, dicht gefolgt von „Like A Rolling Stone“. „Der Sadist will mich echt nicht zum Rauchen raus lassen“ schreibe ich anschließend in mein Notizbuch, bei „Love Sick“ stehlen wir uns trotzdem mal kurz raus. In der kleinen Lücke hat er hoffentlich seinen schlechtesten Song gespielt, sonst schreie ich. Wieder auf unseren Plätzen spielt Bob weiterhin Favoriten, oder macht Songs zu Favoriten.

Nach anderthalb Stunden geht Dylan dann von der Bühne. Hat jemand ein Foto gemacht? Will er auch eine rauchen? Fan Tobias verrät, das gleich „Blowin‘ In The Wind“ kommt. Stimmt auch. Die Fans dürfen jetzt anscheinend nach vorne kommen, jetzt sieht man auch ein paar Handys. Der Bob-Gott lässt seine Jünger aber gewähren und an sich ran, ein schönes Bild. Als zweite Zugabe gibt’s „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“; dann kommen Bob und Band nach vorn. Sie verbeugen sich und gehen endgültig von der Bühne. Sekunden später wird relativ unromantisch die komplette Saalbeleuchtung angeknipst, der Traum ist aus.

Fazit: Ein gelungener Abend

Fazit: Meine Sorge(n) im Vorfeld war unbegründet, es war ein gelungener Abend. Der Typ, der zu cool ist um irgendwelche Preise abzuholen (selbst wenn es der Nobelpreis ist) – er hat neben seinen Songs heute nicht ein gottverdammtes Wort gesagt und (vermutlich) trotzdem Spaß gehabt. Irgendwie macht es den großen Zampano aber auch sympathisch, dass er seinen Schuh so derartig strikt durchzieht. Kurz: Es war ein richtig gutes Konzert. Wer noch ein bisschen mit sich hadert, ein Konzert der „Never Ending Tour“ anzuschauen – habt keine Angst, macht es.

Setlist:
1. Things Have Changed
2. It Ain’t Me, Babe
3. Highway 61 Revisited
4. Simple Twist Of Fate
5. Cry A While
6. When I Paint My Masterpiece
7. Honest With Me
8. Tryin’ To Get To Heaven
9. Scarlet Twon
10. Make You Feel Me Love
11. Pay In Blood
12. Like A Rolling Stone
13. Early Roman Kings
14. Girl From The North County
15. Love Sick
16. Thunder On The Mountain
17. Soon After Midnight
18. Gotta Serve Somebody
19. Blowin’ In The Wind
20. It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry

Mit freundlicher Unterstützung von Barclaycard.