Start Album der Woche Jesu/Sun Kil Moon – Jesu/Sun Kil Moon (Kritik)

Jesu/Sun Kil Moon – Jesu/Sun Kil Moon (Kritik)

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Nach wie vor scheiden sich an „Universal Themes“ die Geister. Als würde Sun Kil Moon Kopf Mark Kozelek nicht schon genug polarisieren, warf sich der grantlige Eigenbrötler 2015 für den Nachfolger des allseits gefeierten „Benji“ in einen elegischen stream of consciousness, der mehr mit Tagebucheintragungen als  regulären Songtexten zu tun hatte. Unter den notierten Erlebnissen befand sich allerdings auch der Besuch eines Konzertes der britischen Post-Metal-Band Godflesh, der auf dem Rest der Platte immer wieder dann ins Gedächtnis gerufen wurde, wenn Kozelek seine Stimme zum Schrei erhob. Wie würde das wohl klingen, wenn man diesem offensichtlich diffus-wütenden Mann wirklich verzerrte Gitarren zur Seite stellte?

Eine Kollaboration mit Godflesh ist Kozeleks neustes Projekt nun nicht geworden, immerhin aber mit Jesu, dem Quasi-Soloprojekt von Godflesh Frontmann Justin K. Broadrick. Kozelek und ihn verbindet eine längere Freundschaft, die leicht in die mittelgute Platte hätte münden können, die sich nach den ersten drei Songs auf „Jesu/Sun Kil Moon“ abzeichnet. Die beiden Musiker basteln bei diesen Stücken tatsächlich ihre beiden Ansätze so zusammen, wie das eigene Unterbewusstsein sich das nach „Universal Themes“ vorgestellt hat: Broadrick fährt langsam walzende, repetitive Riffs aus dem Niemandsland Post-Metal auf, während Kozelek seine Texte darüber nuschelt.

Dabei entstehen tolle Momente, doch man fragt sich schon, ob dieses Konzept über 80 Minuten hinweg tragen wird, als die beiden sich plötzlich in Richtung Unberechenbarkeit verabschieden. Mit „Sally“ gibt es im Laufe der Platte noch einen Grunge-inspirierten Gitarrengruß, der Rest arbeitet mal mehr, mal weniger mit Elektronik, kommt aber ungleich entspannter daher. So kommt es auch, dass der Closer „Beautiful You“ in ganz anderer Form an „Universal Themes“ erinnert: Kozelek berichtet hier 14 Minuten lang teils wahllos aus seinem Leben, doch statt einer Akustikgitarre begleitet ihn nur ein sanftes Ambientbett.

Auch wenn beide Künstler sich auf Augenhöhe begegnen, muss man spätestens hier festhalten, dass der Genuss der Platte mit der eigenen Einstellung gegenüber Kozelek steht und fällt. Wer mit seiner Art zu texten und dem eigenwilligen Sprechgesang nichts anfangen kann, der hat verloren. Alle anderen erleben die klassischen Sun Kil Moon Ingredenzien (kruder Humor, clevere Montage von Themen, Aufarbeitung von Familiengeschichte) in einem neuen, unheimlich einnehmenden Rahmen aufbereitet. Das ist auch mal ein bisschen anstrengend und fordert heraus, führt aber eben auch zu wirklich großen Momenten.

Höhepunkt der Platte ist sicherlich die einfühlsame Ballade „Exodus“. Kozelek nimmt den Tod von Nick Caves Sohn als Ausgangspunkt, um über einen ähnlichen Fall in seiner Familie und den Verlust von Kindern im Allgemeinen zu referieren, in Szene gesetzt von einem verspielten Klavier und einem verschleppten Beat. Erst im Kontrast zu solchen Stücken können die aggressiven Songs vom anderen Ende der Platte richtig glänzen und „Jesu/Sun Kil Moon“ zu dem vielseitigen, epischen Werk machen, das es letzten Endes geworden ist.

8,5/10

„Jesu/Sun Kil Moon“ erscheint am 22. Januar via Caldo Verde auf Platte, CD und digital.