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Album der Woche: Fever Ray – Plunge (Kritik)

Der Punkt, an dem meine jahrelang von Unentschlossenheit geprägte Haltung zu Adele sich endlich auf die Seite von Pro oder Kontra schlug, lässt sich erstaunlich leicht benennen. Es genügten dazu bereits die ersten Zeilen, die aus ihrem dritten Album „25“ an die Öffentlichkeit drangen: „Hello, it’s me/I was wondering if after all these years you’d like to meet“. Für eine Comebacksingle schon ganz schön cheesy-programmatisch, doch das wirklich Peinliche an der ganzen Sache ist das Ausmaß an Adele-typischem Pathos, in das sich Adele im Anschluss an diese pseudo-augenzwinkernden Worte wirft: Der Gruß ans Publikum darf nicht nur unbeholfene Geste sein, sondern muss auch noch als Einleitung für die bedeutungsschwangere Aussprache mit einem verletzten Liebhaber und dem eigenen, früheren Ich zugleich herhalten.

Dementsprechend alarmiert war ich ob der Worte, die Karin Dreijer Andersson ihrem zweiten Album unter dem Alias Fever Ray vorrausschickte: „Hey, remember me?/I’ve been busy working like crazy“. Ja, verdammt, natürlich erinnern sich die Leute, gerade nach dem Konsensalbum von 2009, das für viele spätestens seit dem – diplomatisch formuliert – schwierigen vierten und vermutlich finalen The Knife Album das große, uneingelöste Versprechen einer der definitiven Stimmen elektronischer Musik diesseits der Jahrtausendwende darstellt. Dass so intensiv wie in der zweiten Zeile angedeutet an dieser Platte, auf die man immerhin acht Jahre warten musste, gearbeitet wurde, davon darf wohl ausgegangen werden, schließlich schreiben sich düster funkelnde Synth-Pop-Abseitigkeiten wie „Fever Ray“ nicht von alleine. Und dann also das in der Comebacksingle „To The Moon And Back“: Holterdiepolterbeats, Palimpalimsynths, Retro-Cyberpunk-Fetisch-Ästhetik und ein schelmischer, mit Banalitäten gefüllter Gruß zu Beginn.

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Was folgt, sowohl innerhalb des Songs als auch auf „Plunge“ selbst, versucht die Lächerlichkeit dieses Einstiegs nicht zu leugnen, sondern nimmt sie offenherzig auf, macht sie zum Prinzip und damit vielleicht den größten Unterschied zum Vorgänger. Wo der um einheitliche Stimmung, um entrückte Klangflächen und eine gewisse Melancholie bemüht war, da fliegt auf „Plunge“ alles durcheinander: Grüblerisch-kontemplatives, offensichtliche 80er-Zitate (besonders groß: die Depeche Mode Klangreminiszenz in „Mustn’t Hurry“), Black-Metal-Schriftarten, quirlige Beats, düstere Romantik, verdrehte Electronica, teils nicht mal ordentlich nebeneinander sortiert, sondern ineinaner verschlungen.

Grundsätzlich laden solche Collagen zur Spurensuche ein, und tatsächlich findet sich rein klanglich der frühe The-Knife-Synthpop ebenso wie die Atmosphäre von „Fever Ray“ oder die Attitüde der verdrehten, zwischen Äther und Beat schwankenden Stücke auf „Shaking The Habitual“. „Plunge“ bündelt diesen Eklektizismus jedoch, fasst das Chaos des letztgenannten Albums etwa im zugleich mäandernden und kompakten „Falling“ zusammen, presst aufgekratzte Melodien und Rhythmen, die an ein schattiges Update von Santigolds Tribal-Synth-Pop erinnern, in das ohrwurmige „IDK About You“ und fährt Big-Beat-informierten Electroclash in „Wanna Sip“ auf Lo-Fi-Niveau herunter.

Der Flow dieser uneinheitlichen Platte besteht also gerade darin, permanent Haken zu schlagen, etwa den beiden ruhigen, einfühlsamen Stücken am Ende der Platte („Red Trails“ und „Mama’s Hand“) noch das holprige „An Itch“ zwischen die Beine zu hauen, ebenso wie das kraftwerkige Titelstück zwischen „This Country“ und „To The Moon And Back“ nach Möglichkeit die Energie herausnimmt und krautig in der Vergangenheit herumlungert. Eben dort, nur ein paar hundert Jahre zuvor hat sich „Red Trails“ derweil seine Fideln ausgeborgt, die den synthetischen Klangcharakter des restlichen Materials erfolgreich kontrastieren, ohne dabei nach einer Albernheit zu klingen. Zum einen liegt das an Anderssons Performance, die nicht nur gewohnt obskur die Konfrontation mit Hörgewohnheiten sucht, sondern abseits aller kindlichen Euphorie eine neue Einfühlsamkeit erkennen lässt, vor allem dürfte jedoch der spielerische Charakter des Albums entscheidend für das Gelingen solcher Manöver sein.

Das geht durchaus mit dem angesprochenen Stimmeinsatz, den permanenten Brüchen in Sachen Stimmung und den Texten, die sich mit Sexualität irgendwo zwischen gesellschaftlichem Kampffeld, Queerness und Intimität auseinandersetzen, einher, die eben nicht die krampfhaft große, salbungsvolle Geste suchen, um elementare Probleme zu verhandeln, sondern dazu einen beweglichen, mit Blick auf die Beats wortwörtlich dynamischen Ansatz wählen. Bei aller Manifestartigkeit, den Klangexperimenten und dem offensichtlichen Willen zur Überforderung trug auch „Shaking The Habitual“ eine ähnliche Attitüde mit sich, hier wird sie jedoch noch konsequenter und nicht zuletzt unterhaltsamer ausgespielt. Vermutlich ist „Plunge“ tatsächlich das Ergebnis manischer Arbeit, doch bereits „To The Moon And Back“ weiß diese neoliberale Qualitätsbehauptung direkt im Anschluss zugleich zu entkräften und einzulösen: „I know you like tangerine/And your kiss is sweet and creamy“.

Plunge erscheint am 27.10. überraschend via Rabid/PIAS vorerst nur digital, im Februar nächsten Jahres dann auch auf Platte und CD.

Sebastian
Sebastian stammt aus Saarbrücken, lebt und studiert gerade aber in Münster. Konzerte besucht und Musik hört er dort ebenfalls, wovon gelegentlich hier zu lesen ist: http://mordopolus.tumblr.com/

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