Start Musik Album der Woche DIIV – Is The Is Are (Kritik)

DIIV – Is The Is Are (Kritik)

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Ein ausgeblichenes Polaroid hängt an der Wand, jemand hat mit Filzstiften kleine, bunte Figuren in die Ecken gekritzelt. Die Fotografie zeigt einen jungen Mann in verwaschener Kleidung, in der einen Hand hält er ein Bier, die andere liegt auf der Schulter einer ebenfalls jungen, derangiert aussehenden Frau, um die er seinen Arm geschlungen hat. Subkulturell gefärbter Hedonismus umgibt die Szenerie, man denkt an Mittelstandskids mit zu viel Zeit und zu vielen Optionen, die sich langsam in einem Strudel aus Bedeutungslosigkeit zu verlieren drohen.

Unter diesem Polaroid liegt Zachary Cole Smith auf einer harten Matratze und schreibt weiche Stücke, die den gleichen Ort einfangen wollen, den das Polaroid versucht abzubildet. Im Hintergrund laufen Sonic Youth und Neu!, My Bloody Valentine und Joy Division. „Is The Is Are“ entsteht.

Ein Album wohlgemerkt, das ebenso gut nicht hätte entstehen können. Coles Band DIIV generierte 2012 mit ihrem Debüt „Oishin“ zwar einen kleinen Hype, das nächste große Ding waren sie damit aber noch lange nicht geworden, sondern einfach eine unter vielen Gruppen, die den 90er Indie/Shoegaze/Slacker Sound wieder aufleben ließen. Den guten Ruf hätte man sich mit weiteren Platten erspielen müssen, doch da kamen Cole andere Dinge in die Quere, zum Beispiel Sängerin Sky Ferreira, eine Schreibblockade sowie Konsum illegaler Drogen, der ihn in Konflikt mit dem Gesetz brachte. Und plötzlich waren zwischen Debüt und Album Nummer zwei vier Jahre vergangen.

Die vergangene Zeit reflektiert „Is The Is Are“ schon durch seine Masse; über eine Stunde lang mäandern Cole und seine Kollegen durch verschiedene Rockstile, ohne jemals an so etwas wie einem Höhepunkt anzukommen. Der Hörer soll es nicht nur einfach haben, die Musik möchte zugleich gefallen und vor den Kopf stoßen. Exemplarisch für dieses Prinzip steht etwa „Bent (Roi’s Song)“, das in seiner Verbindung aus ruppig-bröselnder und verträumter Gitarre überdeutlich an Thurston Moore erinnert, während der stoische Rhythmus zumindest formal auf Krautrock verweist. Generell haben DIIV ihre Einflüsse verfeinert, die schwammige Kategorie Dream Pop wird seltener bedient, stattdessen setzt die Band auf Details.

Mit „Under The Sun“ hat Cole dennoch einen Song geschrieben, der sicherlich auch den beiden Personen auf dem Polaroid gefallen würde. Wer mit elegischer Musik nichts anfangen kann, der darf sich hier seine komprimierte Portion Verträumtheit abholen, vielleicht noch ein Ohr bei „Blue Boredom“ riskieren, auf dem Ferreira einige Worte ins Mikro haucht, und dann wieder seiner Wege gehen. Der Rest des Albums präsentiert Rockmusik für Menschen, die keine Erwartungen mehr an Rockmusik und ihre pathetischen Versprechen haben.

Die große Kunst hinter diesem Ansatz ist, als Musiker zu keiner Zeit das Schlingern im Ungenauen mit Ziellosigkeit zu verwechseln. DIIV meistern diesen schmalen Grat in Stücken wie dem irrlichternden „Mire (Grant’s Song)“ nahezu perfekt und versetzen den Hörer damit permanent in einen Zustand wohliger Unsicherheit, schließlich könnte der schöne Song ebenso gut jeden Moment zerbröseln und hinter den melancholischen Akkorden eine hässliche Fratze offenbaren.

Melodien tauchen ohnehin nur sporadisch auf und verschwinden einfach wieder, Hymnen sollen doch die anderen schreiben. „Is The Is Are“ klingt, als würde man sich in eine Wolke fallen lassen. Der Moment zählt, ihn festzuhalten ist eigentlich sinnlos. Ebenso wie das verblichene Polaroid versucht das Album aber zumindest, diese Vergänglichkeit zu reflektieren und dadurch irgendwie greifbar zu machen. Das Ergebnis hat das Zeug dazu, den Hype um DIIV nachträglich zu zementieren.

8,5/10

„Is The Is Are“ erscheint am 05.02. via Captured Tracks auf Platte, CD und digital.