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Album der Woche: Chelsea Wolfe – Hiss Spun (Kritik)

Salem, eigentlich ein beschauliches, bemerkenswert gut erhaltenes Städtchen im Bundesstaat Massachusetts, hat als Schreckgespenst einen besonderen Platz in der US-amerikanischen Geschichte: 1692 kam es dort zu Hexenprozessen, die in ihrer Drastik für Zeit ebenso wie Ort beispiellos sind und Salem bis heute eine Atmosphäre zwischen puritanischem Gruselkabinett und Schandfleck einer um Fortschrittlichkeit bemühten, aufklärerischen Nation verleihen. Beigetragen haben dazu auch die wiederholten Aktualisierungen die dem Mythos widerfuhren, ob nun abstrakt bei H.P. Lovecraft, als Parabel bei Arthur Miller oder überdeutlich als Namensgeber der unbeständigen Witch House Pioniere aus Chicago.

Nun passt es zu nahezu all diesen Lesarten und Ansätzen, dass Chelsea Wolfe ihr fünftes Album dort oben im verschneiten, heimgesuchten Norden aufgenommen hat, wo es vielen Kritikern doch in ihrer Heimat Kalifornien sowieso immer viel zu warm und freundlich für ihre gruftigen Todesgrüße schien. Der Grund für den Ortswechsel ist tatsächlich ungleich banaler, aber nicht weniger folgenreich für das vorliegende Material: Nachdem der Vorgänger „Abyss“ seine Fühler bereits deutlich in Richtung Metal ausstreckte, nistete Wolfe sich dieses Mal in den Studios von Kurt Ballou ein, der wie wohl kein anderer Produzent seiner Generation für konstant hochklassige Arbeiten im extremen Rockbereich steht.

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„Hiss Spun“ schert aus dieser Reihe nicht aus, im Gegenteil: Wo zuletzt noch mit Industrial kokettiert und ein paar Songs lang nach klassischem Wohlklang gesucht wurde, da ersäuft Wolfe nun durchgängig im Lärm. Als Gradmesser für die Brachialität des Materials kann Aaron Turner, treibende Kraft hinter apokalyptischen Elegikern wie Isis und Sumac, herangezogen werden, dessen unheilverkündendes Bellen sich im tosenden „Vex“ organisch einfügt und keinesfalls wie ein forcierter Konterpart wirkt. Die Gitarren agieren mal schnittig dissonant, mal prügeln sie sludgig auf den unter ihnen liegenden Song ein, selten stellt sich alte Versöhnlichkeit ein und wenn doch, dann wird sie kaltblütig erstickt wie in „Twin Fawn“.

Krach ist nun keine Komponente mehr, er steckt der Platte in den Knochen – es gibt grundsätzlich keinen Moment hier, in dem kein weißes Rauschen den Hintergrund dominiert oder field recordings irgendwo durch den Mix huschen. Nach wie vor klingt Wolfes Musik geisterhaft, selbst wenn sie sich dieses Mal mit weltlichen Problemen auseinandersetzt. Angestoßen wurde diese Beschäftigung tatsächlich durch einen Ortswechsel, allerdings innerhalb Kaliforniens. Aus L.A. zog sie zurück in den Norden des Staates wo sie viel Zeit mit alten Freunden verbrachte und ihre eigene Vergangenheit wieder und wieder vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen durchwälzte. Beklemmende Episoden des Aufwachsens als junge Frau, wie sie in „16 Psyche“ skizziert werden, verschwimmen auf der Platte nun mit solchen, die gesamtgesellschaftliche Probleme thematisieren.

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Die Zeit eignet sich zu derartigen Gedankenspielen hervorragend und erhält mit der Wahl des Ortes Salem eine zusätzliche, infernalische Komponente, Stichwort puritanisches Gruselkabniett, Stichwort „Grab her by the pussy“. Vereinzelt erinnert das an die Bilder, die Lars von Trier in seinem individuelle Depression und globale Apokalypse zusammendenkenden „Melancholia“ heraufbeschwört, gerade wenn es mit dem flirrenden „Welt“ bereits dem Namen nach planetarisch wird. Dem allgegenwärtigen, kosmischen Surren setzt Wolfe jedoch mehr denn je eine stabile Rockband entgegen, die ihr neustes Mitglied ebenfalls jenem bereits angesprochenen Wohnortwechsel zu verdanken hat.

Jugendfreundin Jess Gowrie, mit der gemeinsam Wolfe einst eine Rockband unterhielt, stützt das unheilverkündende Spiel der übrigen Akteure mit einem milde groovenden, aber vor allem stützenden Schlagzeug. Auch sie sorgt dafür, dass „Hiss Spun“ noch stärker in Richtung Doom und Desert Rock blickt, sich die Finger etwas dreckiger macht, als das entrückte „Abyss“; damit gelingt vor allem, ohne die Qualität des Vorgängers schmälern zu wollen, der eigenwilligere Klangentwurf, bis hin zum konsequent düster-brutalen Finale „Scrape“.

„Hiss Spun“ erscheint am 22.09. auf Vinyl, CD und digital.

Sebastian
Sebastian stammt aus Saarbrücken, lebt und studiert gerade aber in Münster. Konzerte besucht und Musik hört er dort ebenfalls, wovon gelegentlich hier zu lesen ist: http://mordopolus.tumblr.com/

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