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Romano im Interview: „In allen Bereichen fehlt es an Nächstenliebe!“

In Interviews, Musik von ErikKommentar hinterlassen

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„Wollt Ihr einen Sekt? Wir haben die Flasche gerade aufgemacht!“ So schön und entspannt werde ich selten zum Interview empfangen. Sektchen süffeln mit dem Berliner Phänomen Romano. Ich schau mir diesen Mann an und weiß nicht so recht, wie ich ihn einordnen soll. Sein Style – Sneakers, Jogginghose, 49ers-Jacke, links und rechts blonde geflochtene Zöpfe – fällt auf und brennt sich ins Gedächtnis. Was hört der jetzt eigentlich gerne für Musik? Hip-Hop, Electro oder doch Metal? Die Antwort liegt auf der Hand, sobald man sich näher mit seiner Musik beschäftigt: Alles! So einen interessanten Typen musste ich einfach persönlich treffen. Umso aufgeregter bin ich, als er endlich vor mir steht. Mit dem Sekt in der Hand setzen wir uns auf bequeme graue Sessel und legen los.

Wie waren die vergangenen Tage Deiner Tour?

Ich freue mich, einfach wieder hier im Norden zu sein. Hamburg ist geil, der Mojo Club ist ausverkauft, geiler Club, geht schön in die Tiefe, guter Sound.

Wie oft warst Du schon in Hamburg?

In Hamburg gab es für mich zwei wesentliche Momente im vergangenen Jahr: Einerseits das Reeperbahnfestival [im Moondoo, Anm. d. Redaktion], das war richtig krass, weil keiner mehr reingekommen ist und sich alle gedrängt haben. Es war der Oberhammer! Meine Mutter kam auch aus Berlin rum, war einfach schön, so familiär. Und dann war ich beim Dockville, das war auch schön. Dort war leider mein Schlagzeuger Basti nicht dabei, dafür ist er heute am Start. Wir hegen eine langjährige Freundschaft und haben über sechs Jahre eine Rockband gehabt, Maladment.

Ich hatte mir gestern noch das Video zu „Babe“ angeguckt.

Ach, hast Du das gefunden?

Ja, war eigentlich ganz einfach.

Ach echt? Krass! Es gab eine lange Zeit, da hat es irgendjemand aus Russland eingestellt und es kamen vorab 12 Minuten Interviews mit irgendjemanden und ganz am Ende verwackelt „Babe“. Das ist schön, dass man es wieder findet. Für das Video war ich damals auch in Kalifornien, genau wie vor kurzem für das „Köpenick“-Video.

Ich war leider noch nie in Köpenick, ich kann mir nicht ganz vorstellen, wie es da ist.

Ich hab ja ne Menge im Songtext erzählt. Einfach Augen schließen, Text genießen. Da ist schon ne Menge drin.

Im Text hast Du z.B. den Millionenberg erwähnt, aber es gibt bestimmt auch abgefucktere Gegenden, oder?

In Köpenick? Zwischen Müll und Palmen sag ich mal. Ich war ja in LA und man denkt da auch nur an Melrose Place und Sunset Boulevard. Aber da gibt es auch so viele Müllberge, die liegen da neben Palmen. Köpenick hat für mich grundlegend alles. Du hast vom Arbeitslosen bis zum Akademiker bis zum Dichter und Denker bis zum Millionär eine breite Spanne von Menschen und viele Alteingesessene, die sich mit Köpenick identifizieren. Die Gentrifizierung ist nicht so stark.

Wie würdest Du das im Vergleich zum Rest Berlins beschreiben?

Köpenick ist der grünste Stadtbezirk und hat den Müggelsee, du kannst Ski fahren in den Bergen, surfen und FKK machen. [lacht] In Köpenick kann ich mich fallen lassen, da kommen mir Textideen. Ich mag die Nähe, unterhalte mich gerne mit den Bäckern und Postfrauen und steh sonntags in Bademantel und Hausschuhen mit einem Kaffee in der Hand am Bahnhof. [lacht]

Romano nach dem Interview, Foto: Johanna-Marie Funke

Romano, Foto: Johanna-Marie Funke

Du hast über „Brenn die Bank ab“ gesagt, dass Du oft auf der Straße bist, deine Hörer und Fühler ausstreckst und verarbeitest, was die Leute auf der Straße sagen und in welcher Situation sie sich befinden. Wie würde ein Lied klingen, wenn Du heute deine Fühler ausstreckst?

[überlegt] Kommt verdammt endlich mal zur Ruhe. Hört auf, permanent Grenzen aufzubauen, euch Schranken zu setzen. Nächstenliebe! Nächstenliebe in allen Bereichen, davon fehlt es. Hört auf Feindbilder aufzubauen. Das hat sich doch seit der Antike nicht geändert. Wir leben davon, Feindbilder aufzubauen. Quatscht doch mal miteinander! Wie oft unterhält man sich denn mal in Krisensituationen mit den anderen Beteiligten? Das regt mich richtig auf! Man muss nicht immer gleicher Meinung sein, aber genau das macht doch das Ganze aus. Der Menschheit fehlt Kritikfähigkeit! Ich will mich auf keine Seite schlagen, aber hab meine Meinung. Ich sehe das mit einem großen Abstand und gleichzeitig einer unglaublichen Nähe. Wir alle haben Fehler und es ist einfach, auf die Fehler anderer zu zeigen. „Maskenball“ handelt von so was. Dann kotzt es mich an, dass Deutschland viertgrößter Rüstungsexporteur ist und in Regionen rumnervt und rumkriselt und dann so etwas mit entsteht. Hört auf damit!

Also steckt in Deinem Album auch viel Politik und Gesellschaftskritik?

Bei „Brenn die Bank ab“ steckt Politik drin. Die anderen Songs handeln eher von der Gesellschaft. Ich sehe mich nicht als reinen Politrapper, so wie manche auch sagen durch „Metalkutte“ bin ich der Black-Metal-Rapper. Die Message ist genau das, was ich eben schon gesagt habe: Nähe zwischen Menschen herstellen. Mein Publikum ist immer gemischt und damit hochinteressant. Das ist total schön.

Du hast in deiner Musikkarriere schon viele Musikrichtungen durch und warst mit manchen auch erfolgreich, hattest etwa einen Nr. 1 Hit in Australien. Würdest Du sagen, dass Du deine Musikrichtung nun endgültig gefunden hast?

Jetzt gerade schon. Ich weiß nicht, was in der Zukunft passiert. Ich bin immer an den Dingen des Lebens interessiert und entwickle mich gerne weiter. Ich stelle mir gerne vor, wie all meine Projekte Schiffe sind. Je nachdem, wie viel Zeit und Mühe man reingesteckt hat, kommt da ein Kutter, ein Fischerboot, ein Frachter oder ein Dampfer heraus. Und die fahren alle in den Romano-Hafen und feiern richtig ab.

Hast Du vorab ansatzweise erwartet, dass „Jenseits von Köpenick“ so abgehen wird?

Nee! Ich bin gerne jemand, der macht. Zeug machen und in die Welt rausstreuen. Das war so schön, das Album in den Händen zu halten. Als „Metalkutte“ rauskam, hatte ich vorher gesagt, ich hätte so gerne mal in einem halben Jahr irgendwas mit dem „Metal Hammer“ zu tun. Ein paar Tage nach dem Release kam schon die Interviewanfrage, das war großartig. Das hat mich so gefreut, weil ich ein jahrelanger Metal-Hörer bin.

Stichwort „Metalkutte“: Du erwähnst Bands der norwegischen Szene, etwa Mayhem, Gorgoroth. Was fasziniert Dich an der Musik? Es war ja auch eine Szene, die aktiv in die Gesellschaft eingegriffen hat, etwa durch Kirchenbrände, Morde.

Meine Faszination entsteht in der Rebellion der Dinge. In den 70ern war es Punk, davor Rock and Roll, davor Blues. Ich bin ein Kind der Wende und fand es damals total reizvoll, als die Mauer weggebrochen ist und alles wild wurde. In der DDR hieß es „Das darfst Du nicht sagen! Da darfst Du nicht hin! Pass ja auf bei dem Thema!“ Die Jugendlichen konnten plötzlich alles machen, was sie wollten. Fick den Staat, man konnte durchdrehen! Es wurden Häuser besetzt, hinter Löchern waren riesige Technopartys. Ich bin mit meinem Kumpel Eric, der Gabba-DJ war, so 1992/93 durch die ganzen Berliner Techno-Clubs gezogen, Tresor, Exit, Berliner Bunker. Unten lief Acid, da drüber Gabba und ganz oben war eine Gangbang-Party. Und das mit 14,15 – ich hab die Welt nicht mehr verstanden! Beim Black-Metal gab es auch diese Anarchie und das Chaos. Das hat immer was kreatives, aber auch was aggressives. Das hängt irgendwie zusammen. Und diese Szene war auch eine kleine Rebellion gegen das geordnete Leben in Norwegen. Die haben Kirchen abgebrannt, wo früher heidnische Stätten waren und die Christen das ignoriert haben. Im Nachhinein haben sie gemerkt, dass es sinnlos war und sind selbst an ihre Grenzen gekommen. Ich hab diese Zeit mitbekommen, es hatte irgendwie einen Reiz, der mich beeinflusst hat.

Weil es in Berlin ähnlich war?

Genau, guck mal was Ende der 80er, Anfang der 90er alles an Musikrichtung und Bands entstanden ist. Thrash-Metal aus den Staaten, Death-Metal aus Schweden. Nicht mehr dieser Schicki-Micki-Hairspray-Stil, andere Sachen wurden endlich angesprochen. Genau wie beim Hip-Hop. Damals bestand der aus Mülltonne und Goldkette, beides wurde angesprochen. Denk nur an N.W.A. oder Public Enemy. Das kam in den vergangenen Jahren oft zu kurz, aber immer mehr Rapper beschäftigen sich wieder mit den politischen und gesellschaftlichen Themen.

Wie schätzt Du dann den aktuellen deutschen Hip-Hop ein?

Ich höre ganz wenig deutschen Hip-Hop, meine Prioritäten liegen woanders. Ich bin einfach ein Fan der Westküste und meine musikalischen Helden wie Ice Cube, Dr. Dre, Snoop Dogg oder 2Pac kommen von dort. Ich hab tausende CDs daheim, die ich mir schon früher mit meinem mickrigen Taschengeld gekauft habe. Manchmal auch so „halbe Weise“ [lacht].

Romano ist einfach ein tiefenentspannter Typ, der sich aber bei politischen Themen schnell in Rage reden kann. Zu Recht. Zum Abschied gibt es leider keinen Klaps auf dem Po, der Soundcheck ist wohl längst überfällig. Später am Abend öffnen sich die Pforten des Mojo Clubs auf der Reeperbahn. Ich muss mich erst einmal zurecht finden, wo die einzelnen Türen und Gänge hinführen. Ich stell mich in die Mitte des Saals, beobachte ein paar Menschen auf den Rängen über mir. Manche haben sich eine 49ers-Jacke angezogen, dazu eine Perücke mit blonden Zöpfen. Romano hatte Recht, sein Publikum ist sehr durchmischt. Von kleinen Kindern bis hin zu Familienvätern, wütend tanzenden Junggesellen und volltätowierten Frauen tummelt sich hier alles herum. Die Show ist der Hammer, voller Energie, Romano ist im ständigen Kontakt mit der ersten Reihe. Schüttelt Hände, hält Menschen das Mikro hin und verteilt Sekt. Bei „Brenn die Bank ab“ werden falsche Dollarnoten ins Publikum geschmissen, zu „Romano & Julia“ ein Double (Stichwort: blonde Perücke) auf die Bühne geholt. Mit einer selten gesehenen Leichtigkeit dirigiert er das Publikum, hat es stets fest im Griff. Bei dem ein oder anderen wird die Energie des Tanzens unter den Achseln seh- und riechbar. Die Dame neben mir erinnert mich jedes Mal daran, wenn sie ihre Arme in die Höhe reißt. Aber der Rauch meines Nachbarn, der sich zu „Marlboro Mann“ völlig unbeeindruckt eine Zigarette anzündet, überdeckt alles. „Einfach nur rauchen“ singt Romano. Und ich denke mir: Danke.

Romano Live

09.03.16 Köln, Luxor
10.03.16 Weinheim, Café Central
11.03.16 Darmstadt, Centralstation
12.03.16 Stuttgart, Schräglage
14.03.16 Zürich, Eldorado (ausverkauft)
15.03.16 Linz, Posthof
16.03.16 Wien, Arena
17.03.16 München, Hansa 39
19.03.16 Chemnitz, Atomino
20.03.16 Dresden, GrooveStation
21.03.16 Leipzig, UT Connewitz
23.03.16 Berlin, Astra-Kulturhaus (ausverkauft)
27.05.16 Konstanz, Fresh – Open Air am See


über den Autor

Erik

Musik-Enthusiast, Popkultur-Suchti, 89er Jahrgang, Vinylsammler