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The Age of Spin: Dave Chappelle meldet sich mit zwei Stand-Up Specials zurück

Vor 13 Jahren schrien Jugendliche auf den Schulhöfen aller Länder „I“™m Rick James Bitch“. Die Sketche von Dave Chappelle, von Clayton Bigsby (the blind black white supremacist) bis zum basketballspielenden Prince, waren einst komödiantisches Allgemeingut, ein humoristisches Referenzwerk, vergleichbar mit den Simpsons. Dave Chappelle war in den frühen 2000ern der größte und einflussreichste Komödiant der Welt. Dann lies er einen Multimillionen Dollar Deal für die dritte Staffel von Chapelle“™s Show platzen und verzog sich für ein Jahrzehnt aus dem Rampenlicht. Jetzt ist er mit gleich zwei Stand-Up Specials zurück aus dem Ruhestand. Angeblich 20 Millionen Dollar pro Stand-Up Special hat es sich Netflix kosten lassen, den alten Meister zurück zu holen.

The Age of Spin und Deep in the Heart of Texas sind seit zwei Wochen auf Netflix zu sehen. Die gute Nachricht: Es handelt sich hier im Großen und Ganzen um zwei gute und unterhaltsame Stunden Stand-Up Comedy. Chappelle kommt mit viel Energie und großer Präsenz aus dem Ruhestand. Man merkt ihm an, dass er seinem Platz im Pantheon der Komiker gerecht werden will. Wer sich nun aber, mit Jugenderinnerung von den großen Fernsehmomenten der Chappelle“™s Show im Hinterkopf, eine Netflix-Account anlegt, der sollte, um größere Enttäuschungen zu vermeiden, seine Erwartungen zügeln.

Vor allem den Vergleich mit seinen alten Stand-Up Specials muss das neue Werk des alten Meisters leider scheuen. Seine letzten beiden Specials, Killing them Softly und For what it“™s Worth, gehören zu den besten Stand-Up Werken aller Zeiten. Es kamen hier ein einmaliges komödiantisches Timing und eine große Begabung alltägliche Begebenheiten zu beobachten, humoristisch aufzubereiten und sie zugleich quasi soziologisch in einen großen gesellschaftlichen Kontext einzuordnen zusammen. For what It“™s Worth beginnt mit Einlassungen über das Grasrauchen mit Weißen und Schwarzen und endet mit einer Tour-de-Force durch die soziale Konstruktion von Alter und Rasse, anhand von R. Kelly und Kindesentführungen. Chappelle führt in einem der großen Momente der Humorgeschichte durch Abgründe der amerikanischen Gesellschaft. Doch anstatt im Gestus moralischer Überlegenheit den didaktischen Zeigefinger in die Wunde zu legen, wendet er sich von Pointe zu Pointe. Jeder Satz führt in eine unerwartete Richtung. Diese Schnelligkeit vermisst man im jüngsten Werk des Comedian.

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Mehr als über Chappelles humoristische Fähigkeiten diskutieren Blogger und Kritiker derzeit über seine politischen Ansichten. Manche werfen ihm Ignoranz vor, manche gar Boshaftigkeit gegenüber marginalisierten Minderheiten. Überraschend ist das nicht. So tief Chappelles Einsicht oft reichte, bediente er auch immer Stereotype, vor allem klischeehafte Darstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit (sank dabei aber nie aufs Barthsche „šmeine Freundin“™ Niveau). In den neuen Specials geht es erstaunlich oft über LGBTQ Themen und seine Einlassungen sind gelinde gesagt nicht immer von mitfühlender Natur. So besteht zum Bespiel eine Pointe darin, dass zwei Transsexuelle in den Club gehen um dort heterosexuelle Männer hinters Licht zu führen. Dass es das größte Lebensziel von Transsexuellen sei, heterosexuelle Männer in ihre Betten zu locken, ist ein ewig wiedergekautes Klischee unter dem Transsexuelle schon lange leiden. So nennt Patrick Malborough die Witze in der Vice faul und gemein. Tatsächlich trifft aber nur der letztere Vorwurf zu. Wenn Dave Chapelle über Schwule und Transsexuelle witzelt ist da keine böser Wille zu erkennen. Es spricht kein Hass aus ihm, dagegen aber auch nicht der Wille eingefahrene Vorstellungen von Sexualität zu hinterfragen.

Die Humorkritik ist eine der schwierigsten Formen der Kulturkritik. Die ästhetischen Parameter, die wir bei anderen Kunstformen anwenden, kauern nieder vor der alles übertrumpfenden und gänzlich subjektiven Frage: „habe ich gelacht?“. Natürlich kann man sich die Frage stellen warum habe ich gelacht, bzw. warum nicht. Aber universalisieren kann man ein solches Urteil kaum. Komische Kunst wird, im Mangel an gemeingültigen Bewertungskriterien, in der Rezeption daher zu oft als politischer Text verstanden. Aus humorkritischer Perspektive ist das Problem mit Dave Chappelles Witzen über Schwule und Transsexuelle nicht deren politische Unkorrektheit, sondern deren Faulheit. Die besten Witze überraschen uns. Wenn ein Witz über Transsexuelle in dem ältesten Klischee über Transsexuelle mündet, ist das alles andere als überraschend.

Abschreiben sollte man Chappelle aber auf keinen Fall. Wer die neuen Specials beurteilt, muss sich dabei unbedingt vor Augen halten, dass sie vor ein bis zwei Jahren aufgenommen wurden, also in einer Zeit prä-Trump. Die Zeiten haben sich so schnell geändert, dass bereits ein Comedy Special aus dem Jahr 2015 aus der Zeit gefallen scheint. Wer wissen will was wir von Chappelle in der Trump-Ära erwarten können, sollte sich seinen Eröffnungsmonolog bei der ersten Saturday Night Live Folge nach Trumps Wahlerfolg anschauen. Hier zeigt er, dass er mit dem Alter zwar einen Teil seiner quirligen Schnelligkeit und seines einzigartigen Timings eingebüßt hat, als Beobachter der Befindlichkeiten einer Nation aber immer noch relevant ist.

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