Start Musik Interviews „Vermisst ihr die kleinen Läden?“ – „Nö.“ – Muse im Interview

„Vermisst ihr die kleinen Läden?“ – „Nö.“ – Muse im Interview

Muse (Foto: Patrick McPheron)

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wann ich Muse das erste Mal live gesehen habe: Es war beim Bizarre Festival 2000, irgendwann am frühen Nachmittag. Ich war 17, die Band selbst war auch noch blutjung; „Showbiz“ war das Album, mit dem sie gerade tourten, und Matt Bellamy hatte lila Haare. Und irgendwie haben damals alle auf den Headliner Limp Bizkit gewartet.

Seit diesem Sommertag vor 18 Jahren ist viel passiert: Für meine Limp Bizkit-CDs schäme ich mich heute ab und zu ein bisschen (hey, die waren Zeitgeist!), aber Muse sind zu einer Stadion-Band herangewachsen, haben millionenfach Platten verkauft, ihre Shows sind Spektakel, etwa in einer Liga mit Coldplay (die waren übrigens auch beim Bizarre Festival 2000). Die drei Male, die ich sie danach gesehen habe: In Nijmwegen, etwa zu der Zeit als sie mit „Twillight“ etliche Mainstream-Pop-Fans hinzugewonnen hatten, dann noch mal in Hamburg in der Barclaycarcarena mit einer nochmals pompöseren Show, und dann noch als Headliner beim Sziget-Festival vor ein paar Jahren. Und bei letztgenannten kommen wir dann auch mal zu Kritischen. Ein Konzertbesucher dort gab mir mit auf dem Weg: „Das war mal eine geile Band. Bis die angefangen haben, Radiopop zu machen.“

Etwa diese Meinung teilten auch viele beim Reeperbahn Festival 2018, und doch haben alle völlig entgeistert geschaut, als Muse als geheimer Act des Warner Abends im Docks angekündigt wurden. Stadionband, vor knapp 1.500 Leuten? Das ist doch mal was. Kann man seinen Enkeln noch von erzählen, oder zumindest als Insta-Story geil posten. Auch das ist Zeitgeist. Dementsprechend war schon mittags eine amtliche Schlange vor dem Laden, selbst als das Konzert noch lief, standen viele Leute noch brav an, ohne jedoch hineinzukommen.

Einen Tag später treffe ich zwei Drittel der Band im Park Hyatt Hotel, eine Nobel-Adresse in der Hamburger Innenstadt. Nachts hatte ich mir die neue Platte „Simulation Theory“ via geheimen Album-Stream angehört. Während ich mich mit Kaffee wieder halbwegs wach trinke, sitzt Sänger, Gitarrist, Pianist und überhaupt Alleskönner Matt Bellamy (im zugegebenermaßen fragwürdig-hässlichem Pullover) auch in der Lobby und gibt schon fleißig Interviews. Wenig später kommt Drummer Dominic Howard runter, gibt ebenfalls Interviews; Bassist Christopher Wolstenholme bittet lieber in einer Hotelsuite zum Gespräch.

Die frühen Tage (der lila Haare)

Nett begrüßt er mich, er nimmt auf einem Sofa, ich auf einem Sessel Platz. Wie es ihm geht, frage ich Dom, sehr gut, versichert er mir – tatsächlich habe das Tourleben auch seine Vorteile: „Gestern Abend hatte ich glaube ich zum ersten Mal seit drei Monaten acht Stunden Schlaf. Weißt du, Kinder und so…“

Rockstars als Familienmenschen, das gefällt mir. Ich erzähle ihm von meinen ersten Muse-Erfahrungen von vor 18 Jahren und frage ihn, ob er sich an die Zeit der Lila-Bellamy-Haare erinnern kann. Sehr gut sogar:
“Ich erinnere mich sehr gut an diese Tage. Ich denke, das war das Jahr, in dem wir… Ich glaube, wir hatten 57 Festivals in diesem Sommer. Ja, ich erinnere mich heute sehr an diese Zeit, weil… alles geschah zum ersten Mal. „Showbiz“ war schon eine Weile draußen, wir begannen auf Festivals zu spielen, es war aufregend. Wir wussten nicht wirklich, was passieren würde, aber wir spürten, das etwas passiert. Plötzlich spielten wir auf all diesen Festivals, die wir als Kinder auf MTV gesehen haben. Also für uns war das damals ziemlich, ziemlich mega. Aber es war auch anstrengend, denn wir… waren jung. So 20, 21 Jahre alt, drei Kinder aus Teignmouth. Diese verschlafene Stadt in der Nähe von Devon. Aber plötzlich, um die Welt reisen, durch Europa fahren, all diese Festivals. Aber, ja, es war eine sehr, sehr aufregende Zeit.“

Video: Muse live beim Bizarre Festival 2000

Kleine Clubs versus Stadion-Shows

Zurück in die Gegenwart, beziehungsweise an den gestrigen Abend im Docks. Kleine Clubs, sind die für sie nicht eher Proberäume? Darin aufzutreten fänden sie gut, erzählt er – zumindest Chris würde das ab und an auch vermissen.
„Wir lieben es in kleinen Läden zu spielen, es ist etwas, was wir vermissen… nun, ich vermisse es definitiv. Weißt du, ich liebe es, in diesen kleinen Räumen zu spielen, und ich liebe es, in den Arenen zu spielen, in Stadien zu spielen – aber es gibt da definitiv etwas, das verloren geht. Je mehr Menschen du hast, desto größer wird der Raum… es gibt eine Art von Intimität, die verschwindet. Und das spürt man, sobald man wieder in einen kleineren Raum geht. Man spürt es fast im Soundcheck: Du gehst rein, und selbst wenn der Raum leer ist, kannst du es irgendwie… es ist , als ob du den Schweiß aus der Nacht zuvor riechen kannst.“

Wenig später sitze ich wieder in der Lobby, Bellamy ist schon verschwunden, dafür hält Dom immer noch Stellung. Ich frage noch mal sicherheitshalber nach: Vermissen sie es, in relativ kleinen Clubs zu spielen? Er sagt: „Nö.“ Anschließend lacht er schallend und relativiert:
„Ist ist schon schön in kleinen Läden zu spielen. Aber es ist etwas komplett anderes. Bevorzuge ich die größeren Dinger? Vermutlich. Weil es etwas überwältigender sein kann; wenn es mehr ist, wenn es zehntausende sind, die mitsingen. Es ist wirklich „Something“. Zum Beispiel in einem Stadion: Vor einer Ewigkeit war ich mal in einem in San Siro, in Italien, um Depeche Mode zu gucken. Kurz bevor wir wussten, dass wir da auch bald auftreten würden. Ich bin hin, um mir die Stimmung, den Vibe anzuschauen. In Italien ist es eh einzigartig – die mögen es, sich zu amüsieren. Aber bei Stadionkonzerten geht es eben nicht nur um die Band und die Musik, es geht um das gemeinsame Treffen und das Drumherum. Für mich ging es damals darum, wie viele Leute aus der Perspektive des Publikums etwas erleben, und für mich war das unglaublich. Es war wie… „WOW“. Ich habe die Band nicht mal gesehen, nur, wie alle anderen eine gute Zeit hatten, und das war unterhaltsam genug. Also es gibt definitiv eine überwältigende Sache, die man bei so großen Auftritten geliefert bekommt. Wenn man dann auch auf der Bühne steht – ich meine jetzt bei den großen Gigs – also… Ich meine, ich mag beides. Wenn du schon lange in großen Hallen spielst und dann wieder in kleinen – das ist aufregend. Und umgekehrt.“

Macht ihn sympathisch – und hey, wenn man Aufnahmen (zum Beispiel aus dem Wembley Stadion) kennt, das muss für einen Musiker eine Relevanz haben und zumindest ein bisschen berühren, egal wie oft man nun schon in Stadien gespielt hat. Aber zurück zu der Zeit, als das noch alles ganz weit weg war: Kann er sich denn an die lila Haare und die Zeit damals erinnern?
„Ja, ich erinnere mich vage an diesen Auftritt, aber ich erinnere mich definitiv an diese Zeit. Es war das Ende unseres ersten Albums, der Beginn unserer zweiten Platte. Ja, das waren lustige Zeiten. Auch etwas seltsame Zeiten. Wir fingen gerade an, bekannt zu werden, Leute fingen an uns ständig Fragen zu stellen. Und ich denke, in jenen Tagen, in diesen sehr frühen Tagen, fanden wir es – in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Album – da fanden wir es ziemlich schwierig. Wir entwickelten uns damals von einer sehr introvertierten Band auf der Bühne, also ziemlich schüchtern und so, zu einer etwas kontaktfreudigeren, kunstvolleren Band. Alles wurde etwas aufwändiger. Auch die Musik entwickelte sich, zu einer etwas schwereren, eher abgedrehten Musik, anstatt so introvertiert zu sein. Es war eine schräge Zeit, aber es war gut. Es war eine Reise, eine Weltentdeckung, die da vor sich ging und cool war.“

Das neue Album „Simulation Theory“: ein bisschen mehr Farbe

Soviel also zu damals. Wir sitzen aber tatsächlich vordergründig wegen der neuen Platte hier, deswegen waren sie ja auch gestern beim Reeperbahn Festival. Mein erster Eindruck: Bunter klingt es, kommt mit einem Cover daher, das ein bisschen wie der Soundtrack zu „Stranger Things“ aussieht. Chris erklärt, dass zunächst eigentlich gar kein Album geplant war. Es wurden zunächst einzelne Songs aufgenommen – Spotify und so, wer hört eigentlich noch wirklich Alben am Stück, hätten sie sich gefragt, und dennoch ist hinterher ein Album dabei rausgekommen.
Das, so habe ich während meiner nächtlichen Listening-Session festgestellt, klingt gar nicht so verkehrt – ich hatte schlimmeres erwartet. Geimpft von Freunden und Kollegen, für die Muse in den letzten Platten irgendwie zu abgehoben und abgedreht wurden. Es gibt Reminiszenzen an diverse Soundtacks („Blade Runner“ und alles von John Carpenter, bestätigen sie mir beide), und: Es ist nicht so düster wie der Vorgänger „Drones“. Inwiefern das Absicht war, frage ich Dom:
“Ich denke, wir wollten, dass dieses Album viel bunter, etwas heller und hoffnungsvoller wird. Definitiv etwas positiver, ähm, als das letzte Album. Die letzte Platte war ziemlich düster und schwer, ziemlich dunkel im Ton. Die Themen von „Drones“, die waren… nun, sehr grau und schwarz, weißt du. Und ich denke, hier wollten wir mal etwas Farbe reinspritzen… nur ein bisschen mehr Farbe. Etwas mehr Positivität.“

Farbe, Hoffnung, alles gut und schön also. Braucht man das gerade, als Band und Zuhörer? Oder muss man als Band in einer ziemlich wirren Welt Haltung zeigen? Okay, Bellamy gilt als Alu-Hut-Träger (zum Beispiel: Der 11. September 2001 wäre inszeniert gewesen, von seiner eigenen Aussage hat er dann aber später Abstand genommen) – und drückt sich, sagen wir es mal so, ab und zu etwas schwerfällig-pathosreich aus. Ihn selbst kann ich es leider nicht fragen. Dom selbst begegnet mir mit dem Wort Eskapismus.
„Ich denke, das hängt von der jeweiligen Band ab. Ich denke, dieses Album bietet ein wenig mehr Eskapismus. Die letzte Platte die wir gemacht haben, die war ziemlich politisch, sehr politisch… es ging auch um die Angst vor der Technologie, die die Menschen einnimmt. (…) Aber ich denke, dieses Album ist viel mehr die Erschaffung einer Welt des Eskapismus. Eine Flucht vor den Dingen, die uns früher paranoid gemacht haben. Deswegen haben wir es auch „Simulation Theory“ genannt.“

Christopher Wolstenholme (oben) und Dominic Howard (unten) von Muse (Foto mit und von Matthes Köppinghoff)

„Torture The Artist“

Fair enough. Relativ schnell ist die Interviewzeit vorbei, beide neigen insgesamt zu sehr langen Antworten, sodass ich gefühlt so langsam zum Ende kommen muss. Immerhin habe ich hier zwei Drittel von einer Stadion-Poprock-Band vor mir sitzen, ohne Entourage von mindestens sechs Label- und Promo-Menschen (national und international) geht da nichts. Daher noch eine Frage zu Literatur. Beide spreche ich auf das Buch „Vincent“ von Joey Goebel, im Englischen „Torture The Artist“ an. Wer ist nicht kennt, sehr lesenswert: Im Buch soll ein „wahrer Künstler“ gezüchtet werden, und dieser muss für echte Inspiration leiden. Die These: große Kunst gibt’s nur mit großem Leiden. Also wird der Hund des Hauptdarstellers abgemurkst, er bekommt nie eine Freundin ab, außerdem wird er im Glauben gehalten, dass er schwer krank ist und bald sterben muss; und trotzdem liefert er großartige Drehbücher, Songs und ganz allgemein Kunst ab. Mit dieser These konfrontiere ich zunächst Chris:
“Ich weiß nicht, ob ich damit völlig einverstanden bin. Ich denke, dass einige der besten Kunstwerke, die die Menschen produzieren, aus Negativität entstehen. Ich glaube, dass ist die menschliche Natur, Negativität mehr als Positivität auszudrücken, auch im täglichen Leben. Weißt du, wenn du mit deinen Freunden oder deiner Familie sprichst, geht es so oft um die schlechten Seiten. Keiner läuft herum und sagt: „Mir geht es super heute, und dir?“ – „Ja, mir geht es auch super.“ – „Super!“ Das macht ja keiner. Weißt du, die Leute entpuppen sich als… Ich habe das Gefühl, das Menschen im Allgemeinen mehr negativ sind oder dazu gebracht werden, Negativität auszudrücken. Sehe ich jedenfalls so, zumal vieles von der besten Kunst, sei es Filme, Bücher oder Musik, dazu neigt, von einem dunklen Ort zu kommen. Ich denke, dass wir unsere Seelen irgendwie befreien müssen. Und ich bin mir sicher, dass es große Kunst gibt, die eine gewisse Positivität hat. Ich glaube es ist nicht fair, dass alle große Kunst aus Traurigkeit und Krankheit entsteht. Aber dann wiederum gibt es dieses „gequälte Genie-Ding“. Das scheint es eine Korrelation mit einer Art Genie zu geben… Ich will jetzt nicht sagen psychische Probleme, aber historisch gesehen: Schau dir Leute wie Brian Wilson an. Mein musikalischer Held. Ich denke, er ist einer der letzten wahren Genies der modernen Musik. Eine unglaublich gequälte Seele, die viele Probleme in seinem Leben hatte. Aber all diese Negativität ist zu unglaublicher Musik geworden – und vieles davon ist eigentlich sehr, sehr positiv. Also, ich kann es irgendwie verstehen, bin aber mit der These nicht ganz einverstanden.“

Wenig später ist Dom dran – wie kaputt muss man also sein für große Kunst?

“Ich habe neulich etwas darüber gehört. Du weißt schon, dass große Künstler, ob Maler, Musiker oder Dichter, Schriftsteller oder so… gefoltert werden müssen. Jetzt nicht körperlich, aber irgendwie mental gefoltert. Eine Art von Sorge um Dinge. Ich weiß nicht, Künstler sind ein gewisses… es gibt ja alle Arten von Künstler. Da ist der extrem gequälte Künstler, der vielleicht erstaunliche Arbeiten erschafft und es wirklich schwer hat, mit dem normalen Leben klarzukommen. Und dann ist da noch… das „Dazwischen“. (…) Leute die Dinge erschaffen, sind interessante Leute. Ich denke, sie sind Menschen wie wir, Musiker oder was auch immer für Menschen, die sich auf verschiedene Weise ausdrücken müssen. (…) Die meisten Künstler mögen es nicht sonderlich, sich an alles anzupassen. Sie sind nie wirklich glücklich damit, von jemandem kontrolliert zu werden. Es geht darum… Kunst zu machen bedeutet doch, frei zu sein, oder nicht? Es kommt ein bisschen darauf ein, wie schlecht es dir gehen soll: Zum Beispiel, als ich auf der Schule und auf dem College war. Da habe ich viel gezeichnet und gemalt. Das war mein größtes Bildungsinteresse – außerhalb der Musik – denn: Ich habe die Schule gehasst. Das gilt glaube ich auch für Matt. Ich meine, die Schule war in Ordnung, eine ganz normale Schule halt. Heutzutage wünschte ich mir, ich hätte mehr gelernt, aber denke, damals konnte ich es einfach nicht ertragen wenn mir jemand gesagt hat was ich tun soll. Ich wollte nie unter jemandem oder für jemanden arbeiten, ich wollte immer mein eigenes Ding machen. Und ich denke, das gilt für uns alle drei, wirklich. Wir würden es nie schaffen, einen Job zu behalten. Weil ich nie einen Boss haben könnte. So fühlte es sich an… und ich denke diese, ähm, milden psychologischen Überlegungen führen einen dazu, dass man einfach sein eigenes Leben erschaffen – wirklich erschaffen – will, nach seinen eigenen Regeln. Und wenn man dieses Interesse an Kunst, Musik und dergleichen hat, wird man natürlich in diese Dinge hineingezogen.“

Der allseits bekannte Mittelweg – selten klangen Songs toll, wenn millionenschwere Rock/Pop-Stars über ihre nierenförmigen Pools und Beischlaf darin singen. Man muss aber nicht völlig fertig sein um Songs zu schreiben, ein bisschen Schmerz ist aber ab und an ganz hilfreich.

Aber zurück zu dem Vormittag im Park Hyatt Hotel: Als ich fertig bin bedanke ich mich höflich für die Gespräche und gehe mit dem Gefühl nachhause, dass das nette Typen waren, der Chris und der Dom. Von Matt kann ich nur sagen, dass der Pulli hässlich war, er aber brav den Journo-Kolleginnen zur Verfügung stand. Zur neuen Platte: Wer Muse irgendwann mal gut fand, meinetwegen auch nur ganz am Anfang, dann aber irgendwie nicht mehr – gebt den Jungs eine Chance, hört euch das neue Album zumindest einmal an. Live ist es garantiert wieder opulent.

Das Album „Simulation Theory“ erscheint am 9. November 2018.
Nachhören könnt Ihr das Interview am 05. November 2018 in der Sendung Champagne Supernova bei ByteFM um 22 Uhr.

Vorab veröffentlicht haben Muse bereits die beiden Singles „The Dark Side“ und „Pressure“ samt Musikvideos.