Start Interviews Trümmer im Interview: „Wir sind freier geworden, in dem was wir tun“

Trümmer im Interview: „Wir sind freier geworden, in dem was wir tun“

Paul Pötsch und Tammo Kasper von der Hamburger Band Trümmer. (Foto: Björn Buddenbohm)
Paul Pötsch und Tammo Kasper von der Hamburger Band Trümmer. (Foto: Björn Buddenbohm)

Am Freitag veröffentlichen Trümmer ihr zweites Album „Interzone“. Wir haben uns mit Sänger und Gitarrist Paul Pötsch und Bassist Tammo Kasper in der Hamburger Bar Central Congress getroffen, um mit ihnen über die neue Platte, Hamburg und das, was sie in den letzten zwei Jahren so getrieben haben, zu schnacken.

Vor zwei Monaten hat ein Brand den Golden Pudel in Hamburg zerstört. Ihr habt euch im Umfeld des Clubs kennengelernt und gegründet. Welche Bedeutung hat der Pudel für euch?

Paul: Als ich damals nach Hamburg gezogen bin, ist der Pudel einer meiner ersten Anlaufpunkte gewesen, wo ich mich direkt wohl gefühlt habe. An einem Montagabend haben wir dort unser zweites Konzert als Band gespielt und sind mittlerweile ein Mal im Monat selber Veranstalter mit unseren Euphorie-Abenden, die wir gemeinsam mit Freunden organisieren. Ich lege des Öfteren da Platten auf. Für mich ist der Pudel so etwas wie ein Spielplatz für Erwachsene.

Tammo: Ich habe irgendwo den schönen Satz gehört: „Ohne den Pudel ist Hamburg Hannover“. Da ist leider viel Wahres dran. Der Pudel ist szeneübergreifend und für das, was wir an dieser Stadt mögen einfach enorm wichtig.

Das letzte Interview mit euch haben wir 2014 in Pauls alter Wohnung auf St. Pauli geführt. Damals solltest du längst ausgezogen sein, hast dich aber geweigert zu gehen. Wie ist die Sache ausgegangen?

Paul: Zwischenzeitlich war eigentlich alles gut, aber vor ein paar Tagen kam erneut die Kündigung ins Haus geflattert. Damit ist das Thema gerade wieder brandaktuell.

Tammo: Eigentlich ist es ja so, dass wir immer dann eine neue Platte aufnehmen, wenn Paul die Kündigung bekommt.

Das Thema Stadt und Gentrifizierung war damals zentrales Thema eures Debütalbums. Auch wenn ihr euch damit nicht explizit auf Hamburg bezogen habt, war die Problematik damals durch den Abriss der Esso-Häuser und die Einrichtung der Gefahrengebiete sehr spürbar. Wie sehr beschäftigt euch diese Thematik heute noch?

Paul: Das ist natürlich immer noch eine Sache, über die es sich zu reden lohnt, aber persönlich haben wir dazu mit der ersten Platte eigentlich alles gesagt. Für mich wurde das Thema mit der Zeit viel zu präsent. Es hat mich natürlich interessiert und ich habe auch gerne darüber gesprochen und angeboten darüber zu reden, aber am Ende ging es dann in den Interviews nur noch um mich, St. Pauli und diese Wohnung. Das war in meinen Augen zu weit weg von der Band und der Musik und in aller erster Linie sind wir eben Musiker.

Ihr seid aufgrund der Musik viel unterwegs. Arbeitet sowohl in Hamburg als auch Berlin am Theater. Ist Hamburg weniger wichtig für eure Musik als früher?

Paul: Hamburg war nie unwichtig. Wir leben und arbeiten total gerne hier. Wir haben uns gegen dieses Hamburg Label auch nie gewehrt, weil wir die Stadt nicht mögen. Wir wollten vielmehr diesem Fangnetz der „Hamburger Schule“ und dem was damit assoziiert wird entkommen. Andererseits gibt es auf der neue Platte einen expliziten Verweis auf St. Pauli. Man muss halt aufpassen, dass man sich nicht so lokalmäßig klein macht und nur darüber definiert.

Inwiefern hat eure Arbeit am Theater in Berlin Einfluss auf die neue Platte gehabt?

Tammo: Wir waren in den letzten zwei Jahren sehr viel unterwegs und haben ja nicht nur Theater gemacht, sondern auch einen Haufen Konzerte und Festivals gespielt. Das erweitert natürlich den Horizont.

Paul: Die Arbeit an dieser Punkrockoper, die wir geschrieben haben, hat den Horizont extrem erweitert, was aber nichts mit Berlin zu tun hatte. In dem Stück erzählen wir die Geschichte von diesem Typen namens Vincent, der sich gelangweilt vom Berliner Partyleben dem Islamischen Staat anschließt. Beim Spielen der Rolle habe ich tatsächlich gemerkt, dass ich mich ganz anders bewege, anders singe und ganz anders Texte schreibe. Wir haben auch ganz anders Musik gemacht und gemerkt, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, als in dem eher beschränkten Rahmen, den dir Indie-Rock bietet. Das war so ein Klick-Moment für uns. Daraufhin sind auch ganz neue Dinge mit auf das Album gekommen.

Tammo: Wir sind freier geworden, in dem was wir tun.

Und schneller. Bei den Aufnahmen zum ersten Album habt ihr vieles ausprobiert und immer wieder neu aufgenommen. Das ging bei „Interzone“ deutlich zügiger.

Paul: Diese Limitierung haben wir uns selbst auferlegt. Wir wollten innerhalb von zwei Monaten die Platte schreiben, aufnehmen, mischen und auch mastern. Das hat geklappt und war sehr befreiend.

Tammo: Befreiend in dem Sinne, dass wir nicht ständig Leuten unsere Sachen vorgespielt haben, um zu schauen wie sie wirken.

Helge Hasselberg, der bereits das erste Album mit euch produziert hat, ist jetzt festes Mitglied bei Trümmer. Wie kam es dazu?

Tammo: Als die erste Platte fertig war und haben wir im Proberaum recht schnell gemerkt, dass den Songs total viel fehlt, wenn wir nur zu dritt sind. Deswegen haben wir Helge gefragt, ob er live mit uns spielen möchte. Wir verstehen uns total gut mit ihm und er ist da so reingewachsen. An „Interzone“ hat er von Anfang an mitgeschrieben.

Beim Albumtitel „Interzone“ bezieht ihr euch auf den Beatnik-Autor William S. Burroughs, der mit dem Begriff die Internationale Zone im marokanischen Tanger beschrieben hat.

Paul: Das kann man so nicht sagen. Das ist eher ein lustiger Aspekt am Rande, dass Burroughs den Begriff auch verwendet hat. Ich wollte auf der neuen Platte ganz anders schreiben, da mir das erste Album rückblickend teilweise zu privat war. Die Texte sind viel unbewusster und mit weniger nachdenken entstanden. Dabei sind viele lustige Wörter aufgeploppt. „Interzone“ war eines davon und das tauchte immer wieder. Irgendwann haben wir gemerkt, das funktioniert total gut als Klammer für die gesamte Platte.

Tammo: Und fasst gut zusammen, was wir als Band in den letzten zwei Jahren erlebt haben.

Paul: Im Vergleich wirkt die alte Platte total brav zu dem, was wir als Band auf Tour und den ganzen Festivals erlebt haben – vor allem zu dem, was so abseits der Bühne passiert. Die Nächte, die man verbringt, und die Orte, an die man sich begibt, sind zum Teil echt crazy. Deswegen musste die Platte etwas weirder werden und ist so etwas wie ein Bericht aus den letzten zwei Jahren. Zusammengefasst haben wir das in dieser Bar namens „Interzone“, die auch auf dem Cover zu sehen ist. In die kannst du als Gast einfach reingehen, dir einen Drink bestellst und gucken was so passiert.

Ihr seid zudem deutlich grooviger unterwegs auf der neuen Platte. War das eine bewusste Entscheidung, die ihr im Vorfeld getroffen habt?

Paul: Es war mir schon wichtig, dass das Album ein bisschen tanzbarer wird. Ansonsten gab es wenig Absicht, Plan und Kalkül. Jeder hat angeschleppt, was er so im Kopf hatte und das haben wir dann zu viert beackert.

Für euer Debütalbum gab es neben viel guter Kritik, auch Auszeichnungen wie den Preis der deutschen Schallplattenkritik und eine ECHO Nominierung. Was bedeuten euch diese Auszeichnungen?

Tammo: Das ist schon cool, so etwas zu bekommen. Mir persönlich bedeutet es aber wesentlich mehr ein Konzert zu spielen, wo das Publikum total brennt für das was in dem Moment passiert.

Paul: Es ist natürlich total gut, um seinen Eltern zu beweisen, dass man was Anständiges tut.