Start Interviews Samy Deluxe im Interview: „Es gibt keinen zweiten Samy Deluxe in Deutschland“

Samy Deluxe im Interview: „Es gibt keinen zweiten Samy Deluxe in Deutschland“

Samy Deluxe (Foto: Pascal Kerouche)
Samy Deluxe (Foto: Pascal Kerouche)

Samy Deluxe veröffentlicht am 29. April sein neues Album „Berühmte letzte Worte“. Gerade ist er auch in der TV-Show „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ auf VOX zu sehen. Wir haben uns kurz nach dem Dreh in Südafrika mit ihm im Manager Room des East Hotels in Hamburg getroffen.

1999 habe ich Samy Deluxe, damals noch mit Tropf und DJ Dynamite als Dynamite Deluxe, als Support von den Absoluten Beginnern zum ersten Mal live erlebt. Seitdem habe ich ihn nicht mehr aus den Augen verloren und ihn einige weitere Male live erleben dürfen. Zuletzt habe ich Samy vergangen Sommer bei seiner Show zum 20jährigen Bühnenjubiläum im Hamburger Stadtpark erlebt. Die Show ging fast drei Stunden und die Liste der Gäste an diesem Abend war lang. Einer stand jedoch immer auf der Bühne und das war natürlich Samy. Ich habe mich schon immer gefragt, wie er sich die vielen Wörter alle merken kann. Super Einstieg in das Interview, dachte ich.

Wie kann man sich so viele Wörter merken? Arbeitest Du mit Teleprompter?
Nein, aber ich wusste damals noch nicht, dass der Aufwand für einen Teleprompter eigentlich relativ überschaubar ist. Zwei Monate nach dem Konzert im Stadtpark, kommt bei einer Tabaluga-Presse-Veranstaltung auf einmal eine Frau beim Soundcheck auf mich zu und sagt: „Hallo, ich bin Blablabla, ich bin die Teleprompter-Fahrerin. Musst mir sagen, wenn dein Text irgendwie größer, schneller oder langsamer sein soll.“ Und ich auch so: „Was? Okay.“ Und da hatte ich dann echt einen Teleprompter. Aber privat habe ich nie einen genutzt. Ich merke mir die Worte teilweise mit meinem muscle memory. Sachen, die ich oft live gerappt habe, könnte ich dir auch gar nicht rezitiere, aber sobald der Beat läuft, kommt das einfach raus. Manche Sachen, die ich lange nicht geübt und gerappt habe, muss ich mir dann auch mal wieder raufschaffen.

Kannst Du die Jubiläumsshow überhaupt noch toppen?
Oh ja. Die Show war krass genug, um zu denken: „Okay, das war es jetzt. Es gibt nach oben hin keine Luft mehr.“ Aber so bin ich nicht veranlagt. Meine Skills waren noch nie besser. Und deshalb glaube ich, dass auf jeden Fall Raum nach oben ist.

Ré­su­mé Onetakewonder

Es gab das Resumé Onetakewonder zur Jubiläumsshow. Wird es noch mehr zu sehen geben?
Ja. Ich habe gerade vorgestern die DVD abgesegnet. Das ist ein 60-Minuten-Zusammenschnitt von der ganzen Show. Natürlich fehlt mach geiler Moment, aber ich glaube, dass die besten Momente drauf sind. Viel, viel guter Stuff. Viel von mir, aber auch viel von den ganzen Gästen. Und ein paar coole Backstage-Momente und Kommentare, auch ein cooler Kommentar von meiner Mum. Ein schönes Resümee meiner Karriere bis heute.

Also wird es ein extra Release dafür geben?
Nein, das ist die Bonus-DVD von der Limited Box, aber eigentlich ist das Ding zu gut, dass es nur mit den paar Tausend Limited Boxen erscheint. Eigentlich muss der Film auch auf Filmfestivals laufen. Es ist wirklich ein cooler Kunstfilm geworden. Das ist ein sehr, sehr guter Film über Rap-Kultur in Deutschland. Ich wüsste nicht, welcher besser wäre bisher.

20 Live DVD-Teaser

Was hat es denn mit dem Albumtitel „Berühmte letzte Worte“ auf sich?
Zunächst wollte ich gar keinen Albumtitel, der irgendwie inhaltsprägend ist. Das letzte Solo-Album war „Männlich“. Die ganze Interviewtour habe ich gefühlt nur damit verbracht, mir von dummen Journalisten anzuhören: „Na, jetzt sag doch mal, was männlich heißt, Männlichkeit heißt, in einem Satz“. Ich hatte gerade ein ganzes Jahr damit verbracht, 20 Lieder darüber zu schreiben und ein TV-Format zu entwickeln, damit dieses Thema eben nicht so platt wie dieser eine Satz ist.

Beim neuen Album wollte ich mich auch ein bisschen von Themen entfernen, aber ich habe mich im Nachhinein komischerweise dann noch tiefer reingestürzt. Es gibt nicht aber ein Thema, es gibt „Berühmte letzte Worte“. Deshalb auch das Cover mit mir am Rednerpult in so einer Klamotte, die man nicht direkt mit mir in Verbindung bringt, weißes Hemd und schwarzer Schlips. Ich habe mich wirklich ein bisschen gesehen wie der Typ, der noch einmal seine Ansprache ans Volk hält. Am Ende meines Albums sterbe ich ja auch.

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„Berühmte letzte Worte“ Albumcover

In „Haus am Mehr“ fragst du dich, wie viele Jahre du als Rapper noch relevant sein kannst. Was ist deine Antwort auf diese Frage?
Es kommt darauf an in was für einer Position man ist. Hier bin ich in der Situation eine Subkultur zu haben, in der ich auf jeden Fall nicht der Beliebteste bin. Ich bin schon ein Typ der sich genug Sachen geleistet hat die Hip-Hopper nicht mögen. Bei manchen bin ich dadurch in Ungnade gefallen, aber eigentlich wissen die meisten Leute in der Szene, dass ich wirklich gut bin in dem, was ich mache, also technisch ein super Rapper. Und ich habe einen Mainstream, der mich auch noch nicht vergessen hat. Ich kenne die ganzen jungen Rapper in diesem Land. Die sind auch bei mir alle ab und zu mal im Studio. Keiner von denen ist so fleißig, umtriebig oder so gut wie ich es bin. Die können teilweise Sachen besser als ich, versteh mich nicht falsch, aber in dem Gesamtbild gibt es keinen zweiten Samy Deluxe in Deutschland. einer kann, was ich kann, aber ich könnte was viele andere können, easy.

Glaubst du nochmal die Leute so berühren zu können, wie du es mit deinen alten Songs gemacht hast?
Also berühren kann man auf jeden Fall zu jedem Zeitpunkt. Fragst du nach Einzelpersonen oder fragst du nach einer Masse?

Die, die mit dir alt geworden sind in den letzten 20 Jahren.
Ich glaube schon.

Ist dir als Künstler bewusst, dass Menschen mit deinen Songs in den letzten 20 Jahren musikalisch sozialisiert worden sind?
Ich mache mir nicht viele Gedanken drüber, was irgendjemand alles denken könnte. Ich glaube ich habe generell eine ganz gute Gesamteinschätzung, was Leute von mir mögen und nicht mögen. Das „Herr Sorge“ nicht mein größter kommerzieller Erfolg werden würde, hätte ich dir auch vorher sagen können. Ich musste es eben machen, weil es für mich künstlerisch zu dem Zeitpunkt wichtig war. Ich definiere mich zum Glück eben nicht nur über Chart-Positionen. Deshalb glaube ich dieses Jahr mit dem Album und auch der TV-Präsenz, wo ich im Übrigen auch sehr gut abschneide, viele Leute emotionalisieren. Einige werden mich auch wieder kennenlernen, viele werden mich neu kennenlernen. Und alle werden sehen, dass ich einer der unaustauschbarsten Künstler Deutschlands bin.

Wie forderst du dich neu heraus, wenn du gerade mit jungen Rappern zusammen bist? Im normalen Berufsleben spricht man immer von der Komfortzone, aus der man raus soll, um sich weiterzuentwickeln. Wie ist das als Künstler, als Rapper?
Generell ist bei Rappern die Komfortzone eigentlich ziemlich groß. Ich habe mich da schon graduell immer weiter rausbewegt und mehr Sachen gemacht. Ich habe mit einer Liveband angefangen zu spielen noch bevor das so ein Ding war. Jetzt spielen auch andere Rapper mit Liveband, aber nur weil die Venues so groß sind und du nur mit DJ albern aussiehst. Bei mir war es wirklich ein bewusstes Ding.

Für das neue Album bin ich etwas mehr in meiner Comfort Zone geblieben. Ich musste mich zensieren im Sinne von, ich könnte jetzt auch alles mehr mitproduzieren. Aber ich will eigentlich auch nur von diesem Album der Rapper und das Brain dahinter sein und nicht der Typ, der jede Hi-Hat gesetzt hat. Aber was du sagst ist schon sehr richtig. Diese Comfort Zone ist eigentlich auf jeden Fall für viele Leute in the long run der Tod. Denn es führt dazu, dass du irgendwie stagnierst, dich nicht weiterentwickelst. Weiterentwicklung kann manchmal aber ein Schritt zurück sein. Ich mache mein siebtes Album, klinge wieder genau wie beim ersten Album, was dann auch für Leute voll cool ist. Es kann eben auch richtig scheiße sein. Das Ding ist, es gibt in diesem ganzen Musikding keine Faustregel, die man aufstellen kann um danach sicher zu sein, ein erfolgreiches Album zu haben. Deshalb muss eben ganz viel durch Gefühl funktionieren. Ich versuche, mich bei der Songauswahl und wie ich die Songs aneinanderbaue am Ende einfach auf mein Bauchgefühl zu verlassen.

Was ist denn für dich der Maßstab Erfolg oder wann ist ein Album erfolgreich für Dich?
Das ist von Projekt zu Projekt verschieden. Ich kann überall immer meinen Erfolg drin finden. Das ist auch ganz gut so, denn wenn du mal ein Paar Nummer 1 oder 2 oder Top-5-Alben hattest , dann ist natürlich auf einmal alles unter Top 5 scheiße. Ich hatte das Glück, dass alle Samy-Alben immer in die Top 5 eingestiegen sind. Die 1 habe ich erst einmal geschafft. Und natürlich ist das ultimative Ziel immer ein Nummer-1-Album. Im Idealfall ein Goldalbum, wenn es geht, sogar ein Platinalbum, das ist alles cool. Aber ich konnte eben auch aus Alben, die nicht diese Faktoren haben, irgendeinen Erfolg rausziehen. Bei „Herr Sorge“ war es so. Extrem wenig verkauft, aber ich hatte auch niedrig gepokert und hatte mir nur ein kostendeckendes Produktions-Budget geholt, kein extra Geld. Deshalb konnte ich mit dem Album auch schnell auf Null kommen. Daher war das Album kein Misserfolg, aber gemessen an meinen sonstigen Verkaufszahlen als Samy Deluxe wenig. Daraus hat sich dann ergeben, dass ich das nächste Nena-Album geschrieben und mitproduziert habe. Von dem großen Verlagsvorschuss habe ich mir dann das Restaurant gekauft.

Klopapier (Official Video)

Zwei essentielle Tracks auf dem Album sind „Klopapier“ und „Mimimi“. Status Quo Deutschland und Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land sind die Themen der Songs. In „Klopapier“ gefällt mir insbesondere die Line „Im Vergleich geht’s Deutschland gut, doch keinem geht’s in Deutschland gut“.
Genauso. Bei „Klopapier“ stelle ich mich auf eine Plattform, in der ich in alle Richtungen gucken kann, und schaue Zeile für Zeile auf ein neues Problem im Land. „Mimimi“ ist meine Story. Ich bin deutsch, bin sogar ein deutscher Dichter und werde jeden Tag in ganz vielen Situationen damit konfrontiert, dass viele Leute es nicht als normal empfinden, dass ich deutsch bin.

Mimimi (Official Video)

In „Mittendrin“ rappst Du „Kann die Welt nicht retten, aber ich finde die Idee sehr gut“. Kann Musik nichts verändern?
Musik kann verändern, aber Musik ist wie Samen säen auf irgendeinem Feld, wo du die Bewässerung nicht kontrollieren kannst. Vielleicht fruchten ein paar von den Samen oder vielleicht verdorrt ganz viel. Politik ist eher mehr dieser Ansatz: Ändere jetzt tatsächlich etwas. Da scheitert man aber noch mehr in der Umsetzung. Als Politiker würde ich sehr unglücklich werden, weil ich als Politiker direkt nach den Resultaten suchen würde. Ich habe jetzt die Kampagne gegen Fremdenhass gemacht, gibt es jetzt auch weniger Fremdenhass? Nein. Dann hast du ja vollkommen versagt.

Du hast vorhin schon „Sing meine Song – Das Tauschkonzert“ erwähnt. Warum machst du da eigentlich mit?
Ich habe zweimal abgesagt und fand es das erste Mal pauschal nicht gut.

Das Angebot?
Nicht die Geldsumme oder so. Ich habe das erste Mal abgesagt, ohne zu wissen was ich dafür kriege und was es mir bringen würde. Einfach nur so, weil es Privatfernsehen ist. Beim zweiten Mal hat Xavier mich persönlich angerufen, mir sehr nette Sachen gesagt und mir viele Argumente genannt, warum ich gut in die Runde passen würde. Dann habe ich mir es mal angeguckt und gemerkt, dass es eine gute Sendung ist. In beiden Staffeln waren aber immer ein paar Leute wie z.B. Hartmut Engler, der PUR-Dude drin, die ein anderes Niveau haben und in deren Fahrwasser ich mich ungern gesehen hätte. Da habe ich dann nochmal abgesagt. Dann hat mich Derek, Nenas Produzent , angerufen und meinte: „Die haben Nena gefragt und sie hat gesagt, sie macht nur mit, wenn du mitmachst.“ Wir haben uns das Recht rausverhandelt, dass solange die Runde nicht vollständig ist, wir noch rauskönnen, wenn die auf einmal noch einen Schlagersänger oder Andrea Berg gebucht hätten. Darüber hinaus haben wir unseren eigenen Musical Director und eigene Musiker mitgenommen, die die Band verstärkt haben. Das hat echt Spaß gebracht.

Was sagst du denen, die dich dafür kritisieren, dass du bei einer Show mit Xavier Naidoo mitmachst?
Warum sollte man das machen? Weil Xavier ein homophober Menschenfeind ist?

Nein, ich könnte mir aber z.B. vorstellen, dass man seine Auftritte vorm Brandenburger Tor in Frage stellen könnte.
Darauf lasse ich mich nicht ein. Ich rede mit ihm über andere Sachen. Ich kenne ihn schon sehr lange und sehe, wie vielen Leuten er Jobs gibt, wie vielen Leuten er hilft und wie viele Leute ihre Familien durch ihn ernähren können. Das ist mir ein bisschen wichtiger, als dass er manchmal vielleicht in irgendwelche politischen oder politisch unkorrekten Fettnäpfchen tritt. Ich verfolge ja keine Medien wie du. Für dich hat das eine Relevanz. Ich kenne ihn als Mensch, du kennst ihn als Namen.

Würdest du auch den Juror in einer Castingshow machen?
Ich habe jede Art von TV-Format, nach der du mich fragen könntest, schon abgesagt. Ich hatten Anfragen für Superstar, Popstars, Dschungelcamp, Promi Dinner, ich hatte jede Anfrage, aber ich habe mich bewusst die letzten Jahre aus diesem Fernsehding rausgehalten, außer ein paar Sachen für Arte, die ich mal gemacht habe. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass das eigentlich eine gute Sendung ist, die man als Plattform sehr gut nutzen kann, sowohl um seine Musik live zu spielen als auch Musik überhaupt mal live im deutschen Fernsehen zu spielen. Das war auch wirklich ein sehr krasses Erlebnis, weil die Runde mit BossHoss, Wolfgang Niedecken und Annett Louisan einfach cool war.

Hast du eigentlich Feature auf dem neuen Beginner-Album?
Ich weiß gar nicht, wie weit die sind (das Album kommt am 26. August, Anm. d. Red). Ich meinte auch zu denen, die sollen auf jeden Fall mal irgendwas mit mir machen, aber bisher noch nicht, nein.

Was flasht dich gerade, wenn hörst Du gerade?
Ich mag diesen Anderson.Paak. Beide Alben von ihm höre ich gern. Als Einzelsong fand ich den neuen Fat Joe Song „All the Way up“ mit Remy Ma und French Montana supergut. Das ist ein cooler und krasser New York Rap Banger.

„Berühmte Letzte Worte“ erscheint am 29.04. bei Vertigo Berlin. Im Oktober geht Samy Deluxe mit der Deluxe Band auf Tour. Die Tourdaten findet ihr hier.