Start Album der Woche Pup – The Dream Is Over (Kritik)

Pup – The Dream Is Over (Kritik)

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Kurze zeitliche Einordung: Wir schreiben nicht mehr 1977. Als Band wird man keine Legende mehr, man etabliert sich vielleicht ein bisschen, verdient gerade genug, um die Kosten zu decken, aber von einem ordentlichen Lebensunterhalt ist man weit entfernt. Aus Hobby und Leidenschaft werden irgendwann dennoch Verpflichtung und Druck, und spätestens auf Tour, eingepfercht in einen engen Van, fragt man sich, wie man es mit diesen Trotteln aushalten soll, die man mal seine Freunde nannte. Die Mythen von Groupies, Drogen, Reichtum und Exzessen sind, sollten sie je eine reale Entsprechung genossen haben, Geschichte. Der Traum ist vorbei.

Mit dieser Floskel sah sich auch Stefan Babcock konfrontiert, als man ihm mitteilte, eine Stimmbandzyste mache es im Grunde unumgänglich, seine Karriere als Sänger von Pup an den Nagel zu hängen. Im Angesicht dieser Aufforderung muss eine merkwürdige, paradoxe Entscheidung in ihm gereift sein: Ja, ich hasse diese Band, aber lieber ruiniere ich meine Stimme, als nicht mehr Teil von ihr zu sein. Eben dieser Widerspruch treibt „The Dream Is Over“, das zweiten Album der Kanadier, an.

Dementsprechend ist der Opener „If This Tour Doesn’t Kill You, I Will“ keine siegessichere Hymne geworden, sondern eine rein textlich gesehen vollkommen zerpflückte Austrittserklärung zwischen Verzweiflung, Morddrohung und persönlicher Anklage. Verletzlichkeit und Anspannung prägen Babcocks Lyrics, und immer wieder schimmern diese Empfindungen auf dem Album hindurch, das die Kampfzone jedoch auf das gesamte Leben ausweitet. Der Sound dazu ist, trotz Babcocks einsamer Eröffnung an der Gitarre, melodiöser, traditionsbewusster Hardcore-Punk, der Garage, Emo und Indierock dennoch im Hinterkopf hat und im rechten Moment ausspielt.

Anders wäre dieser Wust aus negativen Emotionen wohl auch nicht zu bewältigen, der auch mal in Titel wie „My Life Is Over and I Couldn’t Be Happier“ mündet. Noch besser bringt das Aggressionspotential der permanenten Selbstenttäuschung jedoch der ebenfalls gekonnt betitelte Batzen „Old Wounds“ auf den Punkt; hier zeigen Pup, dass sie weder Angst vor dem Berserkermodus noch vor dreckigen Fingernägeln haben. Der Motor des Ganzen lautet Selbsthass, was in der Rockmusik nun kein neues Konzept ist, hier aber im Gegensatz zur herbeigesehnten Eigentilgung eines Trent Reznor einen stark karthartischen Charakter trägt.

In den zugehörigen, meist pointierten rock bottom Texten kann sich am Ende des Tages jeder Mittzwanziger wiederfinden, der so seine Erfahrungen mit amourösen Fehlschlägen und alkoholbedingten Ausfällen gemacht hat. Die Stimmung rettet im Zweifel das hochenergische Klangbild, welches im Fall von „DVP“ einen spannenden Kontrast mit seinem lebensmüden Versagerportät eingeht. „The Dream Is Over“ gibt sein Bestes, in der halben Stunde Spielzeit den Energiepegel selten absacken zu lassen. Einer der wenigen ruhigen, aber dennoch gelungenen Momente ist „Family Patterns“, das die Paradoxie des Singens über die Leiden einer Band innerhalb einer Band thematisiert.

Vor allem zeigt der Song jedoch, dass Pup die veränderten Regeln des Spiels verstanden haben. Das große Rock-Illusionstheater ist zu Ende, AC/DC rationalisieren sich selbst weg, um nur die Maschine nicht aufzuhalten, keiner glaubt mehr an die Band als Gang, an den alten Traum von ein paar Freunden, die gemeinsam bis ans Ende ihres Lebens in Dissidenz musizieren. Dennoch versuchen Pup, weiterzumachen. Ihre Musik ist durch den Schmutz gegangen, hat sich aber ihre Melodien bewahrt. Teils klingt „The Dream Is Over“ dadurch vielleicht ein wenig zu versöhnlich, doch dem Gesamtkonzept schadet das kaum, nämlich die Frage zu stellen, wie man weitermacht, nachdem man auf die Fresse gefallen ist und festgestellt hat, dass all das, was man sich erträumt hat, weder Freude noch wirkliches Leid mit sich bringt. Entwickelt haben Pup zehn Strategien, um erhobenen Hauptes aus dem Schlammassel des 21. Jahrhunderts zu entkommen.

7,6/10

„The Dream Is Over“ erscheint am 27.05. via SideOneDummy auf Platte, CD und digital.