Start Film & TV Papst Franziskus und der magische Teleprompter – Wim Wenders im Vatikan

Papst Franziskus und der magische Teleprompter – Wim Wenders im Vatikan

„Herr Wenders, stimmt es dass sie am liebsten katholischer Priester geworden wären?“ fragte kürzlich Die Zeit und Wim bejahte – jedenfalls war das Stand der Dinge bis er 16 war. Heute bezeichnet sich der Regisseur (u. a. „Der Himmel über Berlin“) als ökumenischer Christ. „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ entstand infolge einer direkten Anfrage aus dem Vatikan, mit dem Versprechen, völlige künstlerische Freiheit zu gewähren. Wenders schlug ein und finanzierte den Film – er wird nicht müde dies zu betonen – ganz unabhängig.

© Universal Pictures

In seinen dokumentarischen Werken will der Autorenfilmer oft die persönliche Begeisterung für bestimmte Themen an den Zuschauer übertragen – besonders gut gelungen ist ihm dies mit „Buona Vista Social Club”. Aber auch bei den Arbeiten zu Pina Bausch („Pina”) oder den Fotografen Sebastião Salgado („Das Salz der Erde“) wird dieses Prinzip der Ehrerbietung verfolgt. Eine derartige Hofberichterstattung über ein kontroverses Amt wie das des Papstes wäre selbstredend unangebracht. Also: Wie unterscheidet sich Wenders dokumentarische Strategie bei dieser „Auftragsarbeit”? Leider rein gar nicht. Der Film zielt darauf ab, die Integrität von Papst Franziskus unter Beweis zu stellen, was ja schon der Titel verrät. Einer der nicht nur Bescheidenheit predigt, sondern auch selbst Kleinwagen mit niedrigen Emissionswerten in seinem Fuhrpark stehen hat.

Zu Klängen die auf Teufel komm raus Rührung erzwingen wollen, werden Bilder nebeneinander gestellt, die Papst Franziskus’ Mission begleiten. Er trifft Leute wie Mahmud Abbas zum Plausch, spricht ein paar Worte bei einer Shoah-Gedenkveranstaltung und hat sogar den Mut, auf die Frage einer Journalistin bezüglich zahlreicher systematischer Missbrauchsfälle innerhalb katholisch-kirchlicher Strukturen zu antworten, dass er das nicht gut findet. „Was für ein tapferer Mann” schwingt stets treudoof mit. Versprochen wird eine besondere Kameratechnik, die einem das Gefühl geben soll, dass Franziskus einen ganz unmittelbar anspreche. Das Geheimnis dabei ist, dass Wenders’ Gesicht auf einen Teleprompter projiziert wurde, welches bei den vier mehrstündigen Interviewtreffen die Zielscheibe für die Monologe des Papstes darstellte.

Dass seine Unfehlbarkeit vor tausenden Zuschauern gigantische Stock-Footage-Aufnahmen von zusammengepferchten traurigen Küken, vermüllten tropischen Gewässern und hungernden Kindern auf seinen Palast projizieren lässt, beeindruckt nicht nur die sich ans Gitter pressende Pilgerschaft, sondern auch den konsequent affirmativen Beobachter Wenders stark. Macht man es sich mit so einem kaum greifbarem Gegner, mit einem Zerrbild der so schrecklichen Moderne, nicht etwas leicht? Wer konkret verteidigt denn ernsthaft diese Katastrophen, die mit unser aller Konsumverhalten zu tun haben? Geht überhaupt noch mehr Konsens? Der Papst jedenfalls rät nicht davon ab, seine Eier beim Discounter zu kaufen – vielmehr oszilliert seine Rhetorik zwischen Fatalismus über die düstere, dem Untergang geweihte Welt und der naiven Hoffnung auf eine strahlende Zukunft, für die sich die gerade ach-so-sehr-erneuernde katholische Kirche einsetzt. Unterm Strich bleibt es also bei den traditionellen Psychospielchen auf die sich die meisten religiösen Gemeinschaften gut verstehen – zunächst Angst einjagen und sich dann als Behüter des selbst inszenierten Schreckens anbieten.

„Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes” startet am 14. Juni in den Kinos.

Wechselte 2013 für ein M.A.-Studium von Münster nach Bochum. Das Studium ist fertig und das Ruhrgebiet bildet den neuen Arbeits- und Lebensmittelpunkt.