Start Musik Interview mit Max Herre: "Meine Privilegiertheit ist quasi ein Spiegel."

Interview mit Max Herre: „Meine Privilegiertheit ist quasi ein Spiegel.“

Max Herre (Foto: Robbie Lawrence)

Ich habe mich zusammen mit Max Herre auf einen Roadtrip eingelassen. Einen Roadtrip durch sein Album „Athen“, vorbei an wiederkehrendem Faschismus, blinden Passagieren auf der Flucht, bis hin zum Sehnsuchtsort: der Hauptstadt Griechenlands. Gesprochen haben wir über dunkle Kapitel, Konformitätsdruck, strukturellen Rassismus und die eigene Herkunft, das Leben als Musiker und die Eigenarten, die es mit sich bringt. Dabei haben wir uns aus den Seitenfenstern heraus die Krise Griechenlands und die aktuellen politischen Spannungen in Deutschland angesehen, die Max Herre beim Schreiben des Albums geprägt und inspiriert haben. Ein Interview, das sich viel mehr wie ein Gespräch anfühlte als wie ein Schlagabtausch von Frage und Antwort. Und ein Künstler, der sich stets im Prozess mit sich selbst befindet und als alter Hase des Rapgames trotzdem einige der erfrischendsten Anstöße der Szene gibt.

Du hast an deinem Album “Athen” sehr lange geschrieben. Teilweise ging dir das Schreiben, aber auch die Promophase ein wenig an die Substanz. Bist du da mittlerweile wieder raus? Wenn du jetzt diese Phase mit Distanz betrachtest: Wie geht es dir? Bist du zufrieden? 

Max Herre: Es geht mir gut und es ging mir auch eigentlich die ganze Zeit gut. Es war sehr intensiv und es bleibt auch spannend zu sehen, wie ein Album aufgenommen wird. Ich habe lange daran gearbeitet und irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sein Album zeigen will. Dann ist man gespannt auf das Feedback. Ich bin total zufrieden und glücklich. Aber es war einfach sehr viel Arbeit, auch weil so viele Dinge parallel passiert sind. Hinzu kommt, dass ich aufwendig produziere. Dann haben wir einen Kurzfilm an den Start gebracht und auch für das Fotobuch, das ich gemacht habe, war ich ein paar Mal in Athen. Ich bin froh, dass das alles geklappt hat und freue mich darauf, im März auf Tour zu gehen. Dann fängt das eigentlich erst an, richtig zu leben. 

Dein neues Album heißt „Athen“. Mit Athen verbindest du viele Gefühle, aber es gibt auch viele autobiographische Schnittstellen. Dein Album bemüht sich stark um Reflektion und das Aufarbeiten der Vergangenheit. Du hast es mit Musik, Film und Fotoband herausgebracht. “Athen” ist für dich dennoch kein Konzeptalbum – Warum nicht? 

Max Herre: Es wäre geschummelt, wenn ich sagen würde, dass es ein reines Konzeptalbum ist. Aber ich glaube, das kommt schon nah dran und hat einen bestimmten Vibe, hat eine Klammer und ein Thema mit “Athen” und dem Roadmovie im Titelsong. Das zieht sich durchs ganze Album. Und ich habe es auch so kompiliert, dass man sich ins Auto setzen kann und diese neun Songs fahren kann. Aber irgendwann bricht das auf mit Songs wie “Dunkles Kapitel”. Diese Songs zeigen nochmal eine andere Farbe des Albums. Es gibt aber schon viel Konzeption und mir macht es immer viel Spaß, die Sachen ganzheitlich zu denken: Nicht nur “Wie hört sich das an”, sondern auch “Wie sieht es dann am Ende aus”. Da spielen Cover Art, Bühne, Visuals eine Rolle. 

ATHEN – Ein Musikfilm von Leonel Ruben

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Im Album finden sich an einigen Stellen immer wieder autobiographische Referenzen. Auch wenn nicht alle Songs unter einem Konzept stehen, hast du sie in deinem Musikfilm miteinander verbunden. Besonders eindringlich war für mich die Szene des Songs “Sans Papiers”, in der du von einer Tankstelle zurück zu deinem Auto gehst und die Kamera auf vermeintliche Geflüchtete schwenkt, die als blinde Passagiere auf einen LKW aufspringen. Wie kam dir die Idee, Songs und Szenen miteinander zu verschränken? 

Max Herre: Das war auch schon für die Platte geplant. Es gibt dieses Motiv des Roadtrips. Das gilt als eine romantische Reise in die eine Richtung, die Balkanroute runter, die E75 entlang; die alte Transitstrecke durch Ex-Jugoslawien. Das ist etwas, das man heutzutage vor allem als eine Route kennt, die Menschen auf der Flucht in die andere Richtung genommen haben. Diese Tankstelle wird zum Ort der Begegnung. Eine Kamera fängt eigentlich immer nur das ein, was im Fokus ist, und so funktionieren wir ja auch in unserem Bewusstsein. Wir haben alle ganz viele Dinge, die außerhalb unseres Sichtfeldes passieren. Die Idee war, vom Protagonisten weg zu schwenken und in einer ganz anderen Geschichte zu landen. Das finde ich interessant, und daraus wollte ich einen Song machen. “Sans Papiers” beschreibt einen, der es geschafft hat zu flüchten, der aber unentdeckt bleiben muss in der Stadt, in der er ist, weil er keine Papiere hat, und was es bedeutet, papierlos zu sein.

Diese Mühe unentdeckt zu bleiben und dieser Konformitätsdruck, der Druck nicht auffallen zu dürfen, das spiegelt sich in zwei verschiedenen deiner Songs wider. Du gehst in “Dunkles Kapitel” auf die Memoiren deiner Großmutter ein. Gibt es hier eine bewusste Parallele? 

Max Herre: Diese Spiegelungen sind mir wichtig gewesen. Ich finde es gut, das auch immer wieder ranzuholen. Ursprünglich wollte ich “Dunkles Kapitel” auch noch näher an “Athen” ranrücken und eine Geschichte über meinen ältesten Onkel erzählen, der in Athen aufgewachsen ist und dann später wieder da war, in den späten 60ern, frühen 70ern, der Zeit der Obristen. Der war dort Programmdirektor des Goethe Instituts und hat Veranstaltungen mit oppositionellen Schriftstellern gemacht. Der wurde auch so groß, dass er ausreisen musste irgendwann. Das fand ich eine interessante Geschichte, aber die Strophe ist mir dann leider nicht geglückt. Ich habe das dann anders gelöst, in der zweiten Strophe des Remix mit Fatoni. Aber auch dort hätte ich ihn in meiner Vorstellung noch näher an diesen “Athenkosmos” rangeholt. 

Dunkles Kapitel feat. Fatoni, Sugar MMFK, MEGALOH, Dirk von Lowtzow

(Musikvideo)

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War Athen für dich beim Schreiben eine Art Fluchtpunkt des Albums?

Max Herre: Ja, das ist eine Klammer geworden für mich. Nach fünf Songs habe ich das gemerkt. Ich würde gerne noch ein Song machen über Verlustangst oder über meinen Vater, und das ist eben genau der Ort, wo sich das aufhält. Es war Inspiration und wie eine Art Fluchtpunkt, der gesagt hat: “Guck da mal hin, dort können Dinge zusammenlaufen, die vielleicht auf den ersten Blick auch mal nicht zusammen gehören.”

Dieser Fluchtpunkt ist gleichzeitig ein starker Sehnsuchtsort für dich?

Max Herre: Die Dinge, die in der Erinnerung stattfinden, sind zum Teil Dinge, die auch wirklich so stattgefunden haben. Zum Teil geht es aber auch um die Frage, was gewesen wäre, wäre ich anders abgebogen. Dafür ist der Roadtrip sinnbildlich. Als Songwriter ist so etwas immer interessant, zurückzukehren zu solchen Ereignissen. Dann entstehen auch Songs über ungeliebte Leben und ungeliebte Lieben. Das macht es dann spannend, weil es auch wieder Sehnsüchte freisetzt. 

Man hört auf deinem Album die starke Bemühung um Selbstreflektion heraus. An vielen Punkten des Albums reflektierst und spiegelst du dich? Glaubst du, es gibt auch den Punkt, an dem Selbstreflektion seine Grenzen haben muss? Hat es nicht auch etwas Destruktives, immer wieder darüber nachzudenken, was hätte passieren können?

Max Herre: Das Songschreiben ist ein künstlicher Ort. Du bist auf dich und dein Selbst zurückgeworfen. Mein erster Impuls beim Schreiben war, überhaupt nicht über mich selbst zu schreiben. Ich wollte Musik machen in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Leuten, wie zum Beispiel jetzt mit Melina Kana. Ich dachte, ich interviewe die Leute wie so ein Feld Reporter und mache Songs aus deren Geschichten. Die einzige Geschichte, die übrig geblieben ist, in der ich eine Geschichte von jemandem anderes erzähle, ist die von “Sans Papiers”. Das hat für mich so nicht funktioniert und war nicht ergiebig. Ich habe dieses Konzept in die Schublade gesteckt und mir gesagt: “Lauf jetzt mal nicht vor dir weg, habe mal keine Angst davor, dich und diese Texte ins Zentrum zu stellen”. Was ich dann später beim Vorspielen der Songs gemerkt habe, ist, dass meine Songs eher als Aufforderung zu einem Gespräch verstanden werden.

Wenn du von deinem Vater oder von deiner Oma sprichst, dann klingt aus diesen persönlichen Konfliktlinien meistens mehr Gesellschaftliches heraus, als man im ersten Moment denkt…

Max Herre: Absolut! Das sind Muster. Durch diese Muster gehen wir alle. Unter meinen Hörern sind viele junge Leute, darunter aber auch Menschen, die parallel mit mir laufen und parallel mit mir erwachsen geworden sind. Die haben dann ähnliche Stationen und stellen sich ähnliche Fragen. Das ist dann immer spannend auf Leute zu treffen, die mir sagen: “Hey, das hast du auch irgendwie für mich mit formuliert”. Wenn einem das gelingt, dann ist das glaube ich mit die schönste Sache. Das ist toll, wenn man etwas macht, was bei einem losgeht, aber nicht bei einem bleibt. 

In einem Interview hast du die aktuelle Situation in Athen mit der Zeit nach der Wende in Berlin verglichen. Das Projekt des Albums “Athen” hat ja schon 2015 angefangen. In der Zeitspanne der Albumarbeit hat sich auch in Griechenland vieles getan oder eben auch nicht getan, sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Aktuell macht vor allem die Situation geflüchteter Menschen Schlagzeilen. Welchen Einfluss hatte das für dich auf das Schreiben? 

Max Herre: Um ehrlich zu sein, war Athen für mich erst einmal dieser innere Ort. Natürlich habe ich mitbekommen, was dort passiert und habe mit Leuten gesprochen. Sowohl mit Leuten, die ich kenne, als auch mit Familien, Freunden – kurz gesagt mit Menschen, die das direkt betroffen hat. Das ist ja die so genannte “Griechenland-Krise”, die letztendlich einfach eine Finanzkrise ist. Ich fühle mich sowohl mit der Stadt, als auch mit dem Land und den Leuten dort verbunden und fand das natürlich oder finde das natürlich furchtbar. Auch die Berichterstattung in dieser Art und Weise der Rezeption fand ich furchtbar. Diese Rassisten, die dort durchkamen und diese Zuschreibung von Leuten, die dort nichts tun würden. Die “faulen, auf Kosten anderer lebenden Pleite-Griechen”. Dieses Narrativ fand ich einfach unglaublich furchtbar, weil es einfach nichts damit zu tun hatte, was die Leute vor Ort an Lebensqualität hatten. Ich habe einen Freund, Wolfgang Schorlau heißt der, der schreibt Bücher. Und ein Protagonist in diesen Büchern ist ein Privatermittler namens Dengler. In seinem letzten Fall hat er zum Thema Griechenland recherchiert. Er wollte verstehen, wie diese ganze Finanzkrise überhaupt zu Stande kommt und was dort passiert ist. Das fand ich hochinteressant. Von all dem Geld, von all diesen Milliarden, die den Griechen geliehen wurden, sind nur 5 % im griechischen Haushalt angekommen. Der Rest floss zurück an Banken im Ausland, nach Deutschland oder Frankreich. Unter dem Druck der Sanierung des Haushalts wurde letztendlich Griechenland ausverkauft. Alles, was noch Staatseigentum war, wie der Hafen und alle Flughäfen, wurde privatisiert. Es fand eine riesige Umverteilung aus dem Land heraus nach Nordeuropa statt. Ich wusste das alles, aber das war für mich jetzt nicht das Thema der Platte. Die Vorstellung und die Analogie von Krise, die Beschreibung prekärer Lebenssituation, das Aufwerfen bestimmter Fragen, das waren schon gewollte Assoziationen. Aber auch vor allem eine Umkehrung des Narrativs. Für mich ist Athen der schönste Ort der Welt und hat für mich mit dieser Beschreibung nichts zu tun. 

Gab es für dich auch den Moment, dass du auf deinem Roadtrip des Albums mit deiner eigenen Privilegiertheit als gebildeter, weißer, männlicher Künstler konfrontiert wurdest? 

Max Herre: Das gibt es auf jeden Fall. Meine Privilegiertheit ist quasi ein Spiegel. Ein Spiegel der Ausgrenzung und Diskriminierung, die andere erfahren. Das merke ich auch in meinem direkten Umfeld, in meiner Familie zum Beispiel. Meine Frau wird auch trotz deutschem Pass an der Grenze völlig anders behandelt als ich. Auch bei meinen Kindern merkt man das zum Teil. Der Diskurs ist mittlerweile ein anderer geworden und das finde ich gut. Als weißer Deutscher sieht man nicht nur die Zuschreibung der Ausgegrenzten, sondern auch die eigene weiße Privilegiertheit. Das eine ist die Empathie und vielleicht auch noch die Solidarität. Wenn jemand zum Beispiel nicht durch eine Grenze kommt und man sich fragt, was dort los ist. Aber was haben wir selbst für ein Selbstverständnis von den Dingen, die man selber tut? Man selber hat ein weltoffenes Bild von sich, aber ist dieser Mensch, der einfach durch die Welt reisen kann. Wir können durch alle möglichen Länder reisen, einfach nur, weil wir hier zufällig geboren worden sind. Dieses Selbstverständnis ist etwas, was ich auch noch lerne infrage zu stellen. Aber es ist eben etwas, das sich gerade in dem Diskurs ändert. Die Diskussionen werden feinstofflicher. Und sie werden auch angestoßen von anderen Leuten. Es gibt viel mehr verschiedene Menschen, die jetzt zu Wort kommen. Nicht nur Künstler, die immer vorne standen, sondern Menschen mit dem unterschiedlichsten Background. Ich bin da selber in einer Lernerfahrung. Es gibt viele Selbstverständnisse, die ich gelebt habe und mittlerweile anders infrage stelle. So etwas findet in Universitäts Kontexten statt, aber ich habe zum Beispiel auch einen Freund, der Theater macht. Da gab es eine große Diskussion darum, dass die Ensembles meistens weiß, männlich und deutsch sind. Auch wenn man guckt, wer in den Intendanzen sitzt. Während der sogenannten “Flüchtlingskrise” wurden aber auch viele Themen behandelt, die eigentlich ganz andere Repräsentanten bräuchten. Dieses “Stellvertreter-Ding” genügt dann einfach oftmals nicht mehr. Beim Song “Sans Papier” war es mir auch wichtig zu wissen, was ich dort überhaupt mache. Wir brauchen mehr ein nebeneinander-Sprechen, als ein übereinander-Sprechen.

Wenn du so einen hochpolitischen Song schreibst, machst du dir viele Gedanken darüber, ob du damit vielleicht auch jemandem auf die Füße trittst?

Max Herre: Bei “Dunkles Kapitel” hatte ich nicht das Gefühl, dass ich irgendjemandem nicht auf die Füße treten will, der sich davon angesprochen fühlt (lacht). Da ging es darum, auf die Füße zu treten. Aber bei einem Song wie “Sans Papiers” mache ich mir natürlich Gedanken darüber. Da gibt es schon solche Fragen wie: “Kann ich einfach aus dieser Position heraus sprechen?”. In diesem Fall fand ich es interessant, da ich über eine Gruppe spreche, die keine Stimme hat qua Definition. Diese Leute dürfen kein Gesicht haben, kein Gesicht zeigen, weil es bedeuten würde, sich zu offenbaren, sich der Abschiebung preiszugeben. Diese Gruppe hat gar keine eigene Plattform. YONII und ich teilen uns dann diesen Charakter. YONII hat auch keine Geflüchteten-Biografie, aber immerhin eine marokkanische Einwanderer-Biografie. Als er im Studio war, haben wir uns darüber unterhalten, ob wir das wollen und ob wir das können. Wir haben das dann im Intro so gelöst, dass er quasi ein Gespräch führt mit jemandem, den er dort trifft und fragt: “Hey, was ist los, warum bist du hier, was machst du hier? Wie geht es dir?”. Ich übernehme dann den anderen Part. Auch dort gab es also eine Klammer. Es war also für uns okay an dieser Stelle als Repräsentanz zu sprechen. Ohne sich das so einzukaufen. 

Villa auf der Klippe feat. Trettmann (Musikvideo)

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Den Song “Villa auf der Klippe” fand ich besonders interessant. Ich hatte das Gefühl, es ist ein Song, den jeder auch ein wenig auf sich selbst projizieren kann. In dem Song geht es, so habe ich es zumindest herausgehört, um die eigene Selbstoptimierung, die soweit geht, dass beim Gegenüber etwas zerbricht. Im Deutschrap spielt Selbstoptimierung eine nicht unwesentliche Rolle. Zwar in einem ganz anderen, nicht selbstreflexiven oder intellektuellen Kontext, aber immer noch im selben Genre, in dem du dich auch aufhältst. Hört man sich Modus-Mio Playlisten durch, geht es viel um Selbstoptimierung im Sinne von Erfolg, Luxus, Fitness und einem bestimmten Bild von Männlichkeit. Woher kommt dieser einschlägige Hang zur Selbstoptimierung im Deutschrap?

Max Herre: Ich habe als 22-Jähriger auch noch anders geklungen. Es gibt dort auch viele Phasen. Ich habe vielleicht damals auch mehr postuliert, habe aus einem Gefühl der Stärke und der Idee, zu wissen, wo es langgeht geredet, um eine Festigkeit und ein Sendungsbewusstsein zu haben. Ich glaube, dass ist sowohl eine Frage des Alters als auch des Genres. Es ist ein Genre, das davon lebt, dass etwas nach vorne geht und sich zeigt und standhaft bleibt. Und sich eben so gibt. In meinem Song kann das eine Metapher für Vieles sein. Zum einen eben für diese Selbstoptimierung und diese Vorstellung davon, sich immer etwas Besseres bauen zu können. Und es damit an einen Punkt zu treiben, an dem die Imperfektion des Gegenübers in dieser Perfektion keinen Platz mehr findet. Das ist wie bei Tinder. Da klopft man auch jemanden ab: “Passt es, passt es nicht?”. Man hat dann zwei oder drei Dates und alles muss funktionieren. Daraus wird, glaube ich, so eine Unruhe produziert. Das ist quasi eine Druckvorstellung davon, dass es diesen einen Menschen gibt, der alles haben muss. 

Glaubst du denn, dass es diese eine Person gibt? 

Max Herre: Ich glaube das nicht. Ich glaube, es gibt ganz viele Personen. Ich glaube, das ist ein Prozess und ein gemeinsamer Weg. Aber das war eben eine Analogie dafür. Für mich zählt hier aber auch dieses “Höher, Schneller, Weiter”. Eben dieses systematische An-einen-Punkt-treiben, an dem es nur noch in den Abgrund geht. Das auf “Modus-Mio Playlisten” zu beziehen, habe ich noch nicht geschafft (lacht). Formell geht das vielleicht, dass man sagt, man bediene sich an Genre immanenten Dingen wie einer “808-Drummachine” oder einer Form von Autotune.

Stichwort Autotune. Der Song “Fälscher” hat eine ähnliche Stimmung und transportiert eine ähnliche Welt… 

Max Herre: Das bei “Villa auf der Klippe” zu benutzen, fand ich interessant, weil es eben auch diese Technologie zu dieser Selbstoptimierung darstellt. 

Auf der einen Seite bietest du viel Projektion an, auf der anderen Seite erzählst du aber sehr, sehr persönliche Dinge von dir. Gelingt dir das immer gut?

Max Herre: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich durch meine Musik gläsern werde. Das sind sehr normale Dinge, die ich durchmache. Ich halte mich da nicht für speziell. Ich glaube, das jetzt ist ein Gespräch, was wir umkehren und trotzdem fortführen könnten. Dann würdest du deine Geschichte erzählen. Aber ich halte gerade das Mikro in der Hand für diesen Moment. Ich habe da aber einfach nie so eine Angst gehabt. Die Musik, mit der ich groß geworden bin, ist eine Musik, in der Musiker Dinge verhandeln und Dinge erzählen, die ihnen wichtig sind. Das macht für mich Musik irgendwie echt und dringlich und ich kenne das irgendwie nicht anders. 

Das Wenigste feat. Joy Denalane

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Im Song “Das Wenigste” erzählst du davon, nicht nur die Liebe füreinander zu teilen, sondern auch dieselbe Leidenschaft. Joy und Du seid gemeinsam auf die Bühne vor tausenden von Menschen gegangen und gemeinsam wieder runter und wart zu zweit. Mittlerweile macht ihr das ja so, dass ihr euch absprecht, wer wann arbeitet. War das für euch immer nur kreative Befruchtung oder sind auch manchmal negative Emotionen wie unerfüllte Geltungsbedürfnisse zwischen Beziehung und Karriere kollidiert?

Max Herre: Ich glaube, das gab es bei uns nicht so. Es war irgendwie klar, dass wir beide Musiker sind und beide Karrieren haben, die wir eben nicht gleichzeitig haben können. Das lag einfach daran, dass wir Kinder haben. Es gibt Phasen, in denen ist das weniger ausgewogen. Ich habe aber auch bei Joy mitproduziert, das heisst, meine Studiophase war zum Teil auch länger. Der Ansatz war aber schon immer, zu sagen, dass wir das ausgewogen und beide machen. Wenn man guckt, wie viele Soloplatten wir rausgebracht haben, dann waren das glaube ich genau gleich viele. Es war für uns klar; wenn einer etwas gemacht hat, dann ist der andere wieder dran. Neid und Konkurrenz waren bei uns nicht die Faktoren. Aber wir sind natürlich auch durch Phasen gegangen, und es wäre Quatsch zu sagen, dass sich das nicht auch widerspiegelt in der Zusammenarbeit. Aber das sind zum Glück nicht unsere Währungen. 

Im Song “Dunkles Kapitel” greift ihr die Parolen “Nie wieder Faschismus” und “Wehret den Anfängen” auf. Sätze, die oft auch in politische Reden bürgerlicher Parteien eingespeist werden. Dennoch haben wir das Problem des strukturellen Rassismus. Entwicklungen, die nicht nur militanten Antifaschisten Sorgen machen, sind rassistische Anschläge und Morde, aber auch zum Beispiel die Aberkennung des gemeinnützigen Status vom VVN/BDA. Wie gefährlich schätzt du momentan die Entwicklungen von rechts-moderater bis rechtsradikaler, faschistischer Seite ein? In sozialen Netzwerken liest man oft davon, dass Menschen bereits den Vergleich zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ziehen und warnende Sätze wie: “Was werden wir unseren Kindern erzählen?” schreiben oder ankündigen, bei einer Mehrheit der AfD auszuwandern. Hältst du das für übertrieben?

Max Herre: Ich glaube, das ist sehr ernst, und für viele Leute ist es auch noch sehr viel ernster. Zum Beispiel für Menschen die politisch aktiv sind. Wenn Sie zum Beispiel in Kleinstädten wohnen. In Sachsen und Thüringen haben wir dieses Problem zum Beispiel. Aber auch die Band “Feine Sahne Fischfilet”, die wirklich körperlich bedroht wird. Es ist absolut ernst zu nehmen. Da gibt es gar nichts drumherum zu reden. Das hat mittlerweile eine komplett neue Dimension angenommen. Vor zehn Jahren gab es noch keine Landtage und Parlamente, in denen der Rassismus institutionell geworden ist. Jetzt sind dort xenophobe Menschen bis hin zu Faschisten, die dort sitzen. Auch die Polizei hatte immer Probleme, aber ich glaube, das ist mittlerweile viel, viel struktureller. Auch im Verfassungsschutz. Diese Leute sind legitimiert. Das ist eine Situation, die komplett ernst zu nehmen ist. “Sie sagen “Nie wieder” und “Wehret den Anfängen”” singen wir in dem Song. Das sind Formeln, die zur Zeit ad absurdum geführt werden. Wir sind mittlerweile über den Anfang hinaus. 1930 hat die NSDAP 18 % der Stimmen gehabt und nur drei Jahre später war sie demokratisch legitimiert und stärkste Partei. Das war auch eine Entwicklung dorthin und ich sehe durchaus zur Zeit Parallelen. Das zu bagatellisieren mit Politikverdrossenheit der Menschen und Denkzettelwahlen ist meiner Meinung nach gerade das Falsche.

[Anm. d. Redaktion: Das Interview und die Beantwortung dieser Frage hat vor der „Polit-Krise“ und der Wahl zum Ministerpräsidenten in Thüringen stattgefunden.]

Und das Richtige wäre? 

Max Herre: Das Richtige wäre, zu sagen: Das sind Menschen, die bereit sind, eine rassistische Partei zu wählen. Eine Partei, die einen Flügel beheimatet, der offen faschistische Theorien verbreitet. 

“Monchi” von “Feine Sahne Fischfilet”, die du ja eben schon angesprochen hattest, hast du dir mit auf dein Album geholt. Ihr zitiert beide letztendlich Rainer Werner Fassbinder mit “Angst essen Seele auf”. Monchi hatte dieses Zitat schon auf einem eigenen Song thematisiert, den er für die Landtagsabgeordnete der Linken Thüringens, Katharina König, geschrieben hatte. Wie kam es zu dieser neuen Zusammenarbeit?

Max Herre: Ich hatte den Song geschrieben, und dann kam der Song von “Feine Sahne Fischfilet” raus und ich habe mich gefragt, was ich jetzt mache, und dann haben wir uns gemeinsam bei Tocotronic getroffen und ich habe ihm davon erzählt, dass ich auch noch so ein Ding rumliegen habe und habe ihn gefragt, ob er nicht Lust hat, diese Line noch mal zu singen. Ich hatte aber auch Lust, diese Verbindung herzustellen. Sowohl in diesem Song als auch in “Dunkles Kapitel” geht es gerade darum, ein breites Band zu bilden. Von Leuten, die bereit sind mit ihrer Musik und ihrer Plattform etwas zu machen und dafür einzustehen. 

Max Herre ist im März 2020 mit „Athen auf Tour.

 

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