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Jan Windmeier von Turbostaat im Interview: „Wir haben über den Namen Turbostaat einfach am meisten gelacht“

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Seid gestern sind Turbostaat auf ihrer „Auf dem Weg nach Abalonia“ Tour zum aktuellen Album „Abalonia“. Vorab hat die Band im Januar eine kurze Release-Tour in kleinen Clubs gespielt. Im Rahmen des Konzerts im Hamburger Hafenklang, einen Tag nach der Veröffentlichung der neuen Platte, habe ich die Gelegenheit genutzt, um mit Turbostaat-Sänger Jan Windmeier vor ihrem Auftritt kurz zu quatschen.

Als ich zur vereinbarten Zeit im Club ankomme, ist die Band mitten im Soundcheck, der sich noch fast eine Stunde hinziehen wird. Als Außenstehender merkt man gleich, dass es der Band enorm wichtig ist, dass alles perfekt klingt. Schließlich ist es das erste Mal, dass Turbostaat die neuen Songs öffentlich präsentieren.

„Abalonia“ ist seit gestern draußen. Wie fühlt sich das beim sechsten Album an? Immer noch aufregend oder mittlerweile Routine?

Jan Windmeier: Nein, Routine stellt sich da eigentlich nie ein. Letztendlich zieht sich die Entwicklung so einer Platte ja über einen recht langen Zeitraum. Nachdem wir im Juli fertig aufgenommen hatten und wussten, was wir haben, war das letzte halbe Jahr stark geprägt durch Layout-Entwicklung und solche Dinge. Da hielt sich die Aufregung eher in Grenzen, da man sich an das neue Material ganz gut gewöhnt hatte. Die Aufregung kam bei mir dann in der letzten Woche und vor allem letzte Nacht, wo ich wach im Bett lag und mir Gedanken über Lieder, Übergange, Texte und so was mache.

Das bezieht sich dann bereits auf eure Liveauftritte und die Performance der neuen Stücke?

Eher allgemein darauf, ob man fit dafür ist, was man sich alles vorgenommen hat. Schließlich will man, wenn man mit einer neuen Platte eine neues Lebenszeichen von sich gibt, 150 Prozent geben und nicht nur 120. Das sind dann so die Dinge die mich letzte Nacht ziemlich beschäftigt haben.

Liest du denn die Reviews, die jetzt zum Release der Platte überall erscheinen?

Nein, das mache ich bewusst nicht, da ich sonst vermutlich nur noch vor Facebook sitzen und mir die ganzen Kommentare reinziehen würden. Ich hole das sicherlich in einem ruhigen Moment nach, aber momentan bin auch viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt.

In vielen Ankündigungen zur Platte stand, dass Turbostaat mit „Abalonia“ ein Konzeptalbum aufgenommen haben.

So würden wir es nicht bezeichnen.

Aber war denn im Entstehunsgprozess etwas anders als bei den Alben davor?

Marten, der bei uns für die Texte zuständig ist, kam irgendwann auf die Idee gezielt in dieses Erzählerische und Märchenhafte mit dieser Protagonisten, die von Lied zu Lied springt, zu gehen. Ich glaube er konnte sich da zu Hause recht gut vorstellen, welche Geschichten er erzählen möchte. Augen zu und Kopfkino laufen lassen.

Ihr habt immer schon auch längere Songs auf euren Platten gehabt. Auf Abalonia haben nur drei oder vier Songs das klassische Radioformat von 3:30 Minuten. Warum diese Entwicklung zu längeren Liedern.

Das ist schon ein bewusster Bruch mit der klassischen Pop-Song-Struktur und die Neugier zu schauen, was passiert, wenn man ein Song mal in sich komplett verändert. Nimm „Ruperts Gruen“ zum Beispiel, was in sich komplett zusammenbricht und dann eigentlich ein komplett neues Lied wird. Das finden wir spannend.

Ihr habt mit Moses Schneider in den Hansa Studios aufgenommen. Was ist das Besondere an diesem Ort?

Für mich ist es im Grunde dieser legendäre Charakter an sich. Ich bin nicht der Typ, der sich irgendwelche Geräte anschaut und an der Nummer erkennt, dass das ein total geiles Teil aus den 80ern ist. Ohne Moses wären wir auch sicherlich nicht dort gelandet. Natürlich stand das schon im Raum, dass wir da gerne mal was aufnehmen möchten. Am Ende hat sich Moses unseren neuen Songs im Proberaum angehört und gesagt, das schreit total nach Hansa Studios.

Und das hat sich dann auch bewahrheitet?

Es war von Anfang an total super. Schon bei den ersten Aufnahmen, als wir nur mal getestet haben, wie die einzelnen Instrumente so rüberkommen, klang das so gut, dass wir eigentlich gleich wussten, dass das nur super werden kann. Wir haben unseren Alben ja immer live aufgenommen und waren dabei als Band immer in einem Raum. Zwar haben wir zwischen uns Wände gestellt, um möglichst geringe Übersprechungen zu haben, die es aber minimal trotzdem gab und damals auch durchaus ein gewünschter Effekt waren. In den Hansa Studios war es für mich total geil, dass die Gitarren, das Schlagzeug, der Bass und ich in separaten Räumen waren, wo man sich den Sound so hindrehen konnte, wie man wollte, sich aber trotzdem gesehen hat. Das war für mich das Großartige an dem Studio.

Ihr ward dann auch viel kürzer im Studio als beispielsweise bei „Stadt der Angst“, der Vorgängerplatte.

Ja, am Ende haben wir fünf Tage in den Hansa Studios aufgenommen. Wenn wir fünf Wochen gehabt hätten, hätten wir die sicherlich auch rumbekommen. Aufgrund der finanziellen Situation, schließlich kostet so ein Studio ja auch Geld, wollten wir dann einfach so gut vorbereitet sein, um es in dieser kurzen Zeit zu schaffen. Es gab dann Tage an denen wir fünf Songs geschafft haben. Genauso gab es Tage an denen nicht wirklich etwas Gutes rumgekommen ist. Alles in allem waren wir aber immer im Zeitplan.

Zur Veröffentlichung von „Stadt der Angst“ erschien in der Intro ein Deutschpunk-Spezial, in dem euch Linus Volkmann die Schlüsselrolle in der schleichenden Rehabilitation des Genres zuschrieb. Wie seht ihr eure Rolle für das Genre Deutschpunk?

Ich selber denke über so was eigentlich nicht nach und wäre der Letzte, der sagen würde: Ja Linus, damit hast du total recht. Wenn er das so sieht, freut mich das, denn es ist ja ein Lob. Uns ist bewusst, dass wir viel Glück gehabt haben, dass wir mit dieser Art von Musik mehr Leute erreichen konnten, weil wir nicht nur im AZ oder im Jugendzentrum spielen, sondern so ein Ding auch mal auf eine große Bühne bringen dürfen. Ob wir daran maßgeblich beteiligt sind, dass es jetzt so was wie eine neue Deutschpunk-Welle gibt, den Begriff habe ich letztens irgendwo gehört, kann ich dir nicht beantworten.

Den Begriff habe ich in der Visions auch gelesen. Unter anderem verbindet die neue Deutschpunk-Welle demnach, dass die Bands eben deutsche Texte schreiben ohne dabei die klassischen Punk-Parolen runterzubeten, an denen sich bereits zu Genüge abgearbeitet wurde, und die Wut über die aktuellen gesellschaftlichen Missstände deutlich komplexer ist.

Ich freue mich natürlich, wenn sich Leute zusammentun und denken, was die können das können wir auch und gründen eine Band. Natürlich fange ich den Ball gerne auf, der uns da gerade zugespielt wird und bedanke mich, aber wenn wir es nicht wären, dann wäre es irgendeine andere Band. Wir hatten halt das Glück mal auf eine große Bühne zu dürfen.

Apropros Bühne, mittlerweile habt ihr einen riesigen Fundus an Songs. Wonach entscheidet ihr, welche Songs ihr auf der Tour spielt?

Ja, das ist tatsächlich schwierig. Eigentlich hatten wir das Problem schon nach der zweiten Platten und mit jedem neuen Album wird es schwieriger (lacht). Wenn wir erst mal unterwegs sind und live spielen, zeigt sich was gut funktioniert und was weniger. Mit der Zeit entsteht ein Grundgerüst an Liedern, in das wir dann schon mal kleinere Änderungen einfügen. Der Fokus wird aber klar auf der neuen Platte liegen.

Noch eine Frage zum Schluss: Ende letzten Jahres gab es für kurze Zeit Schweinemotor Merchandise, da ihr euch beinah so genannt hättet. Wie knapp davor war das?

Gute Frage. Ich glaube ich wir haben einfach über den Namen Turbostaat mehr gelacht.

was wäre gewesen, wenn wir uns 1999 statt TURBOSTAAT tatsächlich SCHWEINEMOTOR genannt hätten? (siehe posting vom 7.1.)…

Posted by Turbostaat on Dienstag, 12. Januar 2016

Aber Schweinemotor war tatsächlich eine Option?

Ja, wobei der ein oder andere aus der Band sicherlich behaupten würde er kann sich daran nicht mehr erinnern. Ich kann mich auf jeden noch daran erinnern, wie wir da in diesem Speicher saßen, der unser Proberaum war, und rumgewitzelt haben. Ich kann mich aber nicht mehr an die Situation erinnern, als es dann letztendlich Turbostaat geworden ist, aber über den Namen haben wir tatsächlich am meisten gelacht. Als wir den etwas später dann mal gegoogelt haben und der Begriff ja durchaus in der politischen Diskussion verwendet wurde, dachten wir das passt doch ganz gut zu einer Punkband.

Hier könnt ihr Turbostaat in den nächsten Tagen live erleben:

23.03.16 – Wiesbaden, Schlachthof
24.03.16 – Köln, Gloria (ausverkauft)
25.03.16 – Zürich, Dynamo
26.03.16 – Freiburg, Café Atlantik
27.03.16 – München, Strom
30.03.16 – Wien, Arena
31.03.16 – Dresden, Beatpol (ausverkauft)
01.04.16 – Berlin, Huxley“™s (ausverkauft)
02.04.16 – Hamburg, Markthalle (ausverkauft)
21.01.17 – Hamburg, Große Freiheit 36 (Zusatzkonzert)
28.01.17 – Köln, Live Music Hall (Zusatzkonzert)