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Interview mit Herrenmagazin: „Wir bieten keinen Urlaub vom Alltag“

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Heute erscheint „Sippenhaft“, das vierte Album der Hamburger Band Herrenmagazin. Wir haben uns kurz vor Veröffentlichung der Platte mit Deniz Jaspersen und Rasmus Engler getroffen, um über das neue Album zu sprechen.

Im Begleittext zum Album heißt es, der Titel „Sippenhaft“ beschreibt ein konzeptionelles Dach. Ist „Sippenhaft“ ein Konzeptalbum im klassischen Sinne?

Deniz: Nein, es ist kein klassisches Konzeptalbum, aber es gibt aber so etwas wie einen thematischen Überbau, der sich in allen Liedern wiederfindet. Im Prinzip haben wir uns schon immer inhaltlich mit den Beziehungen der Menschen zueinander beschäftigt und ein wichtiger Teil davon ist eben die Familie, weil sie fundamentalen Einfluss auf unsere Entscheidungen nimmt und unsere Verhaltensweisen prägt. Das gleiche gilt für Freunde, soziale Netzwerke oder eine Szene und irgendwann merkt man, dass man gar nicht so selbstbestimmt handelt wie man immer gedacht hat, sondern vielmehr das Opfer einer Konstruktion aus Regeln und Codes ist. Diese Erkenntnis war beim Schreiben eine Art Quell der Inspiration und so kam es letztendlich auch zum Titel „Sippenhaft“.

Den Titel empfinde ich, wenn man die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Sippenhaft“ zugrunde legt, als sehr negativ. Viel negativer als die Platte an sich. In den Texten geht es ja auch darum, neues anzufangen und sich von Dingen lösen zu können.

Deniz: Ja, das kann schon sein. Finde ich gut, dass du das nicht alles so negativ empfindest. Es ist natürlich auch nicht alles negativ, aber wir bieten eben auch keinen Urlaub vom Alltag oder schenken dir das Vergessen darüber, dass du ein miserables Leben führst. Sondern wir appellieren an deine intrinsische Kraft, dass du dich da raus bewegen kannst, aber das muss man selbst erkennen und Dinge verändern.

War mit dieser thematischen Eingrenzung von Anfang an klar, dass „Sippenhaft“ eine melancholische Platte wird? Es wäre ja durchaus auch vorstellbar gewesen, sich mit einer lauten, wütenden Platte an dem Thema abzuarbeiten.

Deniz: Das hat sich erst beim Schreiben ergeben. Wir haben uns vorher keinen Plan gemacht, wie die Platte werden soll. Der rote Faden hat sich dann mit der Zeit herausgebildet. Eigentlich ist mir erst recht spät bewusst geworden, dass es immer um dasselbe geht und der rote Faden bereits da ist.

Mit dem Klavier habt ihr das Spektrum an Instrumenten erweitert. Habt ihr das von Beginn an geplant oder hat sich das erst beim Ausarbeiten der Songs ergeben?

Deniz: Als wir mit Dear Reader auf der TV Noir Tour waren,haben wir gemerkt wie schön das Klavier sein kann und haben beschlossen, dass wir das ausprobieren möchten. Dann haben wir unseren Kumpel Albrecht Schrader dazu geholt und ihn bereits früh beim Arrangieren der Songs eingebunden, umso die Komfortzone Herrenmagazin bewusst zu verlassen und uns neue Optionen zu eröffnen. Wir werden das Klavier auch mit auf unsere Tour im Herbst nehmen, auf die wir uns wahnsinnig freuen.

Nach dem Delikatess Tonträger, wo ihr das letzte Album veröffentlicht habt, im Mai in Hamburg ihre große Abschiedssause gefeiert haben, erscheint „Sippenhaft“ beim Grand Hotel Van Cleef. Wie schnell war klar, dass ihr die neue Platte dort rausbringen werdet?

Deniz: Wir haben das Album komplett selber vorfinanziert und in Eigenregie aufgenommen und sind dann beim Grand Hotel Van Cleef aufgeschlagen, weil sie definitv unsere erste Wahl waren und wir gerne mit der Platte dort hin wollten.

Rasmus: Für uns es sehr wichtig, dass man mit dem Label auf Augenhöhe zusammenarbeitet. Das war bei Delikatess schon super und beim Grand Hotel kommt da von Seiten des Labels enorm viel Erfahrung dazu, weshalb wir uns da sehr gut aufgehoben fühlen..

Auf Vinyl gibt es ein Bundle mit Bonus 7-Inch. Warum bietet ihr den Vinylkäufern etwas Besonderes. Seid ihr selber Vinylfans?

Rasmus: Eine Hälfte der Band ja. Ebenso wie 50 Prozent der hier Anwesenden (Gelächter bei Deniz Jaspersen). Am Ende des Tages hatten wir mehr Lieder als auf die Platte gepasst haben, die wir aber auch nicht wegschmeißen wollten. Ich finde es selber total doof, wenn Outtakes und Bonustracks nur den iTunes Hörern zugänglich gemacht werden. Als Vinylkäufer freue ich immer über irgendwelche Basteleien oder besonders gestaltete Cover, weshalb wir entschieden haben die Songs auf eine 7-Inch zu packen.

Deniz: Jede 7-Inch ist ein Unikat, da jede ein einzigartiges Cover hat, die wir und befreundete Künstler gestaltet haben. Außerdem legen wir als weiteres Highlight der Vinyl- und auch der CD-Version noch ein Brillenputztuch bei.

Wahrscheinlich weil ihr alle Brillenträger seid und nie genug Tücher am Start sind?

Ursprünglich hatten wir mal die Idee Erfrischungstücher beizulegen. Da musst du aber direkt 10.000 Stück abnehmen. Daher kamen wir dann auf das Brillentuch, was wir irgendwann den Leuten beim Grand Hotel Van Cleef erzählt haben. Die haben das gecheckt und zwei Wochen später kam die Info, dass wir das machen und der Platten beifügen.

Das Vinyl-Bundle und die CD samt Brillentuch sind heute bei Grand Hotel Van Cleef erschienen.