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Handys aus, Lampen an! Jack White in der Verti Music Hall in Berlin

Jack White live in der Verti Music Hall Berlin (alle Fotos: David James Swanson)

„Häh, wo spielt der? Kenn ich nicht.“ waren die Sätze, die immer wieder aufkamen, als bekannt wurde, dass unser aller verehrter Jack White endlich wieder nach Berlin kommt. Ich kannte die Verti Music Hall auch nicht. Ist auch kein Wunder, denn Jack ist der allererste Künstler, der in dieser nigelnagelneuen Halle neben der Mercedes Benz-Arena auftreten darf.
Ich frage mich kurz, ob ich mich verlaufen habe, als ich die Halle suche und auf dem Mercedes-Platz von protzigen Werbeleinwänden und einem relativ peinlichen Mode- und Laufsteg-Event fast erschlagen werde. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, auf das ich mental vorbereitet bin (Rock ‘n Roll!!!). Aber egal – Hauptsache Jack Gitarrengott. Für ihn sind wir auch alle gerne bereit, unsere Handys in komisch grüne Neopren-Taschen zu stecken und so über zwei Stunden ohne unser wichtigstes Gerät auszukommen.

So ein bisschen neu riecht die Verti Music Hall noch und ein paar unfertige Kleinigkeiten sind auch zu entdecken. Interessanterweise kann ich in der Vorhalle am Getränkestand direkt erkennen, wer wirklich wegen Jack White hier ist und welcher Sponsor/Architekt/Kooperationspartner eingeladen wurde, um dem ersten Event dieser Halle beizuwohnen. Business-Gespräche unter leitenden Architekten sind also ebenso auszumachen wie typische Jack White-Jünger in schwarz.

Der Support „Gewalt“ sorgt leider nicht unbedingt dafür, dass die Stimmung zu Beginn angeheizt wird . „Was soll das?“ ist die Frage, die den meisten Zuschauern ins Gesicht geschrieben steht. Der tiefere Sinn der sich ständig wiederholenden Sätze kommt offenbar nicht an. Wenigstens der Schotte neben mir freut sich über seine kostenlose „Deutsch als Fremdsprache“- Unterrichtsstunde, denn der Text dieser Band umfasst in erster Linie sehr wichtige Konjugationen („Ich lebe, du lebst, er lebt“ – das ist leben. „Ich spiele, Du spielst, er spielt – das ist spielen.“).

Dann aber versüßen sehr stylishe Roadies die Minuten bis zum großen Auftritt. Hier gibt es keine löchrigen T-Shirts mit den obligatorischen saggy pants. Hosenträger, Anzughose und Hut sind hier heute Dresscode. Das macht vor allem in dieser neuen und schlichten Halle ziemlich Eindruck und in mir kommt sowas wie ein festliches Gefühl auf.

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Und dann kommen sie endlich: Jack White und seine Band. Sie legen direkt mit „Over and over and over“ los und sofort ist die Präsenz beeindruckend. Nicht nur, weil ohne Handybildschirme die Halle richtig schön dunkel bleibt, sondern weil spürbar ist, dass sowohl Jack als auch diese faszinierende Schlagzeugerin Carla Azar richtig Bock auf die Show haben. Mit „Sixteen Saltines“ und „Corporation“ geht’s mit bester Performance weiter, aber irgendwie will das Publikum noch nicht so richtig. Liegt es am Respekt vor der neuen Halle, die man nicht zertanzen will, am teilweise doch eher älteren Publikum oder den Gästen auf den VIP-Plätzen, die sich wahrscheinlich mehr über Garfunkel oder Elton John gefreut hätten? Während ich mich das noch frage, geht es dann aber doch langsam aber sicher aufwärts. Es werden einfach die großen Knaller gebraucht und bei „The Hardest Button To Button“ ist die Stimmung dann auch genau so, wie man sie sich von Anfang an erhofft hat. Jack White beweist mühelos, dass er sich den Titel „Gitarrengott“ redlich erarbeitet und verdient hat. Der erste Zigarettenrauch (teilweise sogar mit Spezialinhalt) erfüllt die jungfräuliche Halle, die ersten Plastikbecher fliegen durch die Gegend und es wird endlich so getanzt und gepoged, dass auch mal der eine oder andere blaue Fleck verteilt wird.

Klar also, dass die Zugaben noch einen draufgeben müssen – was mit „Steady as she goes“ dann auch passiert. Deshalb ziehe ich mich jetzt von meinem eigentlich perfekten Platz in der vierten Reihe zurück, denn nun brauchen die treuesten Fans Platz zum Dancen.

Dass „Seven Nation Army“ am Ende dieses Konzerts zu einem ergreifenden gemeinsamen Mitsingen und -gröhlen führt, muss ich wahrscheinlich nicht extra erwähnen. Hier sind wir uns alle einig und sogar von den VIP-Sitzplätzen sind jetzt Gesänge zu vernehmen.
Mein Abschlussgefühl: Die Halle wurde anständig eingeweiht, das Konzert hat Spaß gemacht, alles in allem war das eine runde Veranstaltung.

Für das nächste Jack White-Konzert würde ich aus atmosphärischen Gründen dann aber doch lieber wieder eine stinkende und dreckige Location mit Geschichte bevorzugen.

Nora aus Berlin, immer alleinerziehend und ohne Betreuung gewesen (für's Kind), kann jetzt endlich abends wieder raus und macht das auch noch.