StartMusikEy, es ist 337% zu warm! - Unstatistik des Monats

Ey, es ist 337% zu warm! – Unstatistik des Monats

Winter in Hamburg

Ihr kennt das: Klimawandel, Sorge, Risiko, Warnung, Hilfe! Das der Winter mal warm sein kann, kommt vor. Der Aufschrei geht dann los, wenn die Menschen dem Skifahren und Snowboarden nicht mehr nachgehen können. So, wie aktuell in Österreich. Hier funktionieren die Schneekanonen nicht mehr und Menschen sitzen sonnenbadend im Wiener Burggarten. Damit beschäftigt sich die Unstatistik des Monats Februar 2016. Die Unstatistiker haben sich diesmal die Berichterstattung der Tageszeitung „Österreich“ und des Wetter-Portals www.wetter.at vom 7. Februar über den „wärmsten Winter aller Zeiten“ angeschaut. Ein Klimamensch erklärt, dass jedes Kind wisse, wie der Ausstoß von Treibhausgasen an diesem warmen Winter schuld sei. Sensationsgeil kommen die Österreichischen Journalisten also auf die innovative Idee, die Erwärmung zu messen. Was ist daran innovativ? Naja, sie messen die Erwärmung halt in Prozent (nicht in Celsius) und verkünden: Leude, Leude, hört her! Im Januar ist es 337% zu warm!

Ja…und was heißt das jetzt? Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn es 337% wärmer ist? Gar nicht so viel wärmer. Denn alles was man dafür braucht, ist die gewöhnliche Durchschnittstemperatur im Januar und die 2016er Durchschnittstemperatur im Januar. Ersteres ist 0,8 C°, letzteres ist 3,5 C°. Das macht 2,7 C° Unterschied, wenn man die Durchschnittstemperatur im Januar mit der aktuellen Durchschnittstemperatur im Januar vergleicht. Leider klingt „Achtung: es ist dieses Jahr durchschnittlich 2,7 C° wärmer“ nicht sensationell oder dramatisch, wie man es gerne hätte. Also: her mit den Prozenten! Dazu teilt man 2,7 durch 0,8, in Prozent umrechnen und schwupp, hat man „337% wärmer“.

Das Problem mit den relativen Zahlen in Berichterstattungen ist nicht neu und wurde hier schon oft erwähnt. Der Vorteil dieser Zahlen ist, dass man Menschen einfacher beeindrucken kann. Man kann sie dadurch aber auch nach Belieben irreführen. Ein relativer Anstieg ist immer relativ zum Ausgangspunkt. Die Unstatistiker verdeutlichen das wie folgt: wenn man in Wien nicht mit Celsius, sondern mit Fahrenheit rechnen würde, wäre die relative Angabe direkt weniger beeindruckend. Das entspräche nämlich einem Anstieg von 33,4 auf 38,3 Grad Fahrenheit. Wir hätten also einen Unterschied von 4,9 Grad Fahrenheit. Das sind dann allerdings nur noch 15% wärmer. Würde in den Staaten also nicht so gut funktionieren. Oder aber man wechselt mal die Jahreszeit. Sagen wir, die durchschnittliche Temperatur im August ist 26 C° und jetzt haben wir einen hypothetischen August 2016, mit 28,7 C°. Sind auch 2,7 C° Unterschied. Aber in relativen Zahlen nur noch 10%. Würde wieder nicht so gut klappen. Also: Keep it real und werdet mal transparent, liebe Medien.

Für meinen Geschmack ging der Wecker heute morgen übrigens 500% zu früh.

PS: Das soll natürlich alles nicht heißen, dass der Klimawandel nicht ernst genommen werden sollte. Intransparente Sensations- und Panikmache ist allerdings nicht der richtige Weg.

Roman
Geboren im Ruhrgebeat und nach 6 Jahren Ausland, hat Roman 2013 Berlin zu seiner Wahlheimat gemacht. Neben der täglichen, leidenschaftlichen Suche nach neuer, guter Musik (fast) aller Genres, ist er Wissenschaftler.

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