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Die Alben der letzten Wochen: Birds In Row, Deafheaven, Laurel Halo, Body/Head, Denzel Curry, Santigold

An den Wahnsinn des vergangenen Juni konnte der Juli zwar nicht ganz anknüpfen, dennoch ging die Dichte an hochwertigen Releases an jedem gewohnten, auch von mir gerne gepflegten Sommerlochgeschwafel vorbei. Grund genug, Grammatik und Form des Albums der Woche erneut zu beugen und die Zahl der Auszeichnungen auf sechs zu erhöhen.

Verantwortlich ist hierfür nicht zuletzt der hochwertige Output, den die Metal/Hardcore/Rockszene in den letzten Wochen verfügbar gemacht hat. Vorne mit dabei waren die Franzosen Birds In Row, die nach internen Quereln, ein wenig öffentlicher Misskommunikation und dem Fokus auf andere Formate mit “We Already Lost The World” endlich ihr zweites Album vorgelegt haben. Die investierte Zeit merkt man der Musik an: Statt formelhafter Stilexperimente, sucht das Trio nach individuellen Wegen, seine brachiale Musik auszubauen: “Triste Sire” ist ein reduzierter Klopper, “I Don’t Dance” lässt seine Aggression von unerwarteten Breaks aufmischen, “15-38” ist live schon zu einem kleinen Hit zwischen Brodeln und schwofigem Groove gereift, “Fossils” mäandert so lange zwischen Chaos und schneidender Atmosphäre, bis der Platte einfach die Luft abgeschürt wird. Intensiv ist das nicht zuletzt, weil die Musik so vehement auf die aktuelle Spannung zwischen persönlicher Gemüts- und politischer Gesamtlage verweist, ohne allzu plakativ zu werden. Aus der zweiten Reihe haben sich Birds In Row hiermit nach vorne gespielt. (VÖ: 13.07.2018, via Deathwish/Epitaph/Indigo)

Wem das zu heftig war, der durfte sich noch in der gleichen Woche unverhofften Trost bei Deafheaven abholen. Liebäugelte die Band auf “New Bermuda” noch mit Thrash Metal als Plattform, auf der sich ihre stilprägende Mischung aus Shoegaze, Postrock und Black Metal weitertreiben ließe, vollführt “Ordinary Corrupt Human Love” auf dem Papier genau den Sprung, den alle nach “Sunbather” erwartet hatten: mehr Melodie, weniger Zerre, mehr Sonne, weniger Kopf-unter-Wasser-drücken. Wie das nun zu machen ist, ohne einfach die Gitarren ein bisschen harmonischer zu gestalten und die Blastbeats ins Kaffeehaus zu schicken, ist die spannende Aufgabe, über deren Gelingen sich bereits mit dem Opener “You Without End” trefflich streiten lässt. Ein sanftes Klavier schmiegt sich an seichte Drums, die cleane Gitarre darf auch noch gerne dazu, und irgendwann kreischt George Clarke von hinten dermaßen deplatziert und stimmig zugleich rein, dass man je nach Standpunkt von künstlerischem Bankrott oder eben der nächsten Ebene sprechen kann. Die folgenden Songs geben weitere Rätsel auf, versuchen sich mit Chelsea Wolfe an einem tristen Duett, in “Canary Yellow” am großen Clash zwischen Harmonie und Untergang und mit “Honeycomb” an einer ausgewaschenen Alternative zum großen Pappkameraden Postrock. Black Metal ist bei all dem eher Nuance, Störelement, oder eben Kontrast, vor dem der Rest erstrahlen darf. Dass er strahlt, ist bei allen vorerst noch offenen Fragen die wichtige Erkenntnis. (VÖ: 13.07.2018, via Epitaph/Indigo)

Ebenfalls in permanentem Wandel befindet sich Laurel Halo, die der Logik ihrer bisherigen Karriere folgend auf das sehr stimmlastige “Dust” aus dem letzten Jahr nun mit “Raw Silk Uncut Wood” eine Platte folgen lässt, die mit Gesang so gar nichts am Hut hat. Stattdessen wird es auf dem halbstündigen (Mini)Album sehr atmosphärisch, was vor allem im eröffnenden Titelstück an Ambient erinnert. Das Klavier, das hier noch so behäbig schweben darf, wird in den folgenden Stücken dann auch mal digital zerhackt, manipuliert, auf links gedreht und in Fetzen auf das Publikum gefeuert. Schwelgerisch wird es am Ende wieder, als sich mit dem zehnminütigen “Nahbarkeit” der Kreis schließt: Die Synthesizer fließen frei herum, bis sie von Eli Keszlers Drums aufgemischt werden und schließlich Oliver Coates die aufgebaute Spannung mit seinem Cello löst. Die träumerische Grundstimmung verlässt das Album bei aller Freude am Störgeräusch nie, was abermals für das vielseitige Talent der Berlinerin spricht. Ihr erstes enttäuschendes Projekt steht jedenfalls noch aus. (VÖ: 13.07.2018, via Latency)

Ganz dem Krach verschrieben hat sich Kim Gordon: “The Switch”, das zweite Album ihrer aktuellen, gemeinsam mit Bill Nace betriebenen Band Body/Head, macht schon dem Cover nach keinen Hehl daraus, dass hier die Gitarre in ihrer eher ungreifbaren, störenden Form zelebriert wird. Die fünf Tracks hinter der Fotografie knüpfen dann auch nahtlos dort an, wo das Duo auf seinem Studiodebüt und zahlreichen Livemanifestationen aufgehört hatte: Strukturen lassen sich nicht mit gängigen Rastern beschreiben, Riffs kann man irgendwo bei Moore oder Ranaldo suchen, hier reiben sich die Instrumente aneinander, fordern sich heraus, ziehen sich auch oft zäh als Geräusch durch den unendlich weiten Klangraum des Albums. Gordon erzählt ab und zu etwas – wer will, kann sich daran festhalten. So richtig lässt sich “The Switch” aber nur erschließen, wenn man sich auf dieses bei aller Nervenzerrerei doch bestechend ruhige, behutsame Spiel einlässt und einfach in der Situation versinkt. Eine Sache, für die sich Rockmusik viel zu selten Zeit nimmt. (VÖ: 13.07.2018, via Matador/Beggars/Indigo)

Man kann sich die Frage stellen, ob das Problem, das gegenwärtig aufkommende Rapper beim Zusammenstellen stimmiger Alben haben, wirklich ein Makel dieser Generation ist, oder ob das Medium nicht immer schon ein kompliziertes Verhältnis zum fraglichen Genre pflegte. Lirum larum, fest steht, dass gerade wenigen Rappern, die den Sprung an die Spitze wagen, ein Album gelingt, das so gut funktioniert wie Denzel Currys “Ta1300”. Über den Sinn der Dreiteilung des Projekts in einen hellen, einen grauen und einen dunklen Abschnitt, mag man im Detail streiten, insgesamt geht Currys um Diversität bemühte Rechnung jedoch auf. Die Songs hängen mal traurig in der Cloud (“Clout Cobain”), versuchen sich an rauen Bangern (“Sumo”, “Black Metal Terrorist”) und kennen auch den Hit als Ziel (“Black Balloons”), vernachlässigen dabei aber nie das empfindliche Gleichgewicht zwischen Eingängigkeit und widerhakenden Details, One-Liner und durchdachten Lyrics, Aggression und Feingefühl. Nicht jeder Song ist für die Ewigkeit, aber unterm Strich funktioniert die Platte als Ganzes hervorragend. (VÖ: 27.07.2018, Loma Vista/PH)

Zum Abschluss dann noch die Songsammlung, auf die wir alle tatsächlich ohne es zu Wissen gewartet haben: Nach zwei – meiner Meinung nach – zwar gelungenen, aber auch ein bisschen verkrampften Alben hat Santigold mit “I Don’t Want: The Gold Fire Sessions” ein Mixtape aufgenommen, das von der Unverbindlichkeit des Mediums lebt. Zehn Songs, halbe Stunde, alles fließt ineinander, passt mit der Dancehall-Ausrichtung in die aktuelle Klanglandschaft, baut aber vor allem eine Tendenz aus, die die Künstlerin bereits seit ihrem ersten Album mit sich herumschleppt. Perfekt ist das vielleicht nicht immer, wird aber von einem einheitlichen Vibe durchzogen, der es schafft, nicht an der Vielfältigkeit zu kratzen, die Santigold in ihren besten Momenten immer wieder in griffige Popsongs übersetzen konnte. Solche finden sich auch auf “I Don’t Want: The Gold Fire Sessions”, gemischt obendrein mit den richtigen Statements, die Santigold ja auch stets nonchalant in ihre Persona integrieren konnte. Ihr bester Output seit langem, dessen spontane Veröffentlichung nicht nur zum Charakter der Musik, sondern auch den aktuellen Temperaturen passt. Zumindest irgendwas läuft diesen Sommer ab wie gewohnt. (VÖ: 27.07.2018, Downtown)