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Album der Woche: Gorillaz – Humanz (Kritik)

Die Frage danach, wer diese Gorillaz eigentlich sind, steht 2017 noch immer im Raum, obwohl und gerade weil natürlich jeder weiß, dass Zeichner Jamie Hewlett und, um größere Umschreibungen zu vermeiden, Musiker Damon Albarn hinter dem Projekt stecken. Zwischen Popstar-Karikatur, kreativem Sammelbecken und sozialkritischem Cartoon-Sepektakel ist jedoch mittlerweile unklar, wofür genau die Band eigentlich steht, weswegen es gar nicht unlogisch schien, dass Albarn sie nach dem fulminanten „Plastic Beach“ und dem mittlerweile aus der offiziellen Zählweise ausradierten „The Fall“ einfach ad acta legte und weiterzog in Richtung Blur und Soloalbum.

Nichtsdestotrotz liegt nun mit „Humanz“ ein weiteres Album der Gorillaz vor, das erst mal so viel liefert, dass eine Einordnung schwer fällt. Gäste waren schon immer integraler Bestandteil dieser Band, doch hier wird ihre Vielfalt so sehr auf die Spitze getrieben, dass die eigentlichen „Musiker“ permanent drohen, zwischen den beharrlich wechselnden Stilen und Stimmen einfach verloren zu gehen. Jener lakonisch-melancholische Gesang, den sich Albarn für Frontmann 2D ausdachte, dringt nur noch vereinzelt durch, instrumente spielen auch eine untergeordnete Rolle, stattdessen erinnert „Humanz“ an ein dynamisches DJ-Set.

Eigentlich keine üble Idee, schienen die Gorillaz doch bei aller Konzeptualität immer primär über ihre Singles zu funktionieren. Hier drängen sich nun nicht zwingend Hits auf, aber potentiell geht das meiste Material nach vorne und folgt damit der Richtung, die die Vince Staples Kollaboration „Ascension“ vorgibt. Albarn steuert hier ein paar Zeilen bei, wirkt aber vor allem wie der Strippenzieher im Hintergrund, ein Produzent, der die Stärken seiner Gäste kennt und entweder hemmungslos bedient oder gekonnt herausfordert.

Popcaan muss sich in der Folge mit einem zwar Reggea-inspirierten, aber zugleich düster-glitchigen Beat herumschlagen, Pusha T mit der fantastischen Mavis Staples in den Ring steigen und Jenny Beth aus dem strengen Post Punk ihrer Band Savages heraus schlüpfen und am Ende dieses durchaus ambivalent gelaunten Albums das positive „We Got The Power“ anführen. Gerne hätte dieser Moment noch kraftvoller ausfallen dürfen, dennoch macht er Sinn am Ende dieser Auseinandersetzung mit – klar, kleiner geht es nicht bei einem derartigen Comeback – dem gegenwärtigen Zustand der Menschheit. Dabei verzichtet Albarn zwar auf jede direkte Trump-Referenz, bei der derzeitigen Dominanz dieses Themenkomplexes braucht es derlei Eindeutigkeiten jedoch kaum um verständlich zu machen, wovon hier die Rede ist.

Diese Sozialkritik ist man von Albarn gewohnt, gerade „Plastic Beach“ hatte ja durchaus seine kaum zu übersehende sozio-politische Dimension. Dort gelang es jedoch noch, diesen Aspekt schlüssig in das Narrativ der Band einzubinden; auf „Humanz“ scheint sich der Cartoon hingegen ultimativ weit weg vom eigentlichen Inhalt des Albums entfernt zu haben. Die Rückkehr der Gorillaz will ohne Frage groß ausfallen in allen Belangen, verpasst es dabei jedoch, die Risse zwischen den einzelnen Bestandteilen zu kitten.

Was zunächst wie eine klare Schwäche anmutet, erweist sich angesichts des Albums jedoch vor allem als Chance, die Albarn, egal ob bewusst oder nicht, hervorragend nutzt. In gewisser Weise knüpft „Humanz“ damit sogar an das i-Pad-Experiment „The Fall“ an, das so gar nicht nach den allseits beliebten Gorillaz klingen wollte, mit genau dieser Attitüde jedoch klar machte, dass die Band gerade ob ihrer fehlenden festgelegten Identität Raum für jede Menge Interpretation seitens der Künstler bietet.

Hier sind es nun also Eklektizismus und Dynamik, die Albarn voll ausreizt; Introspektion gönnt er sich nur einmal mit „Busted And Blue“, dem einzigen Feature-freien Song, der in der Mitte des Albums ruht und damit den wellenartigen Bewegungen der Tracklist folgt. Gekonnt leitet das clubtaugliche, aber bereits milde verträumte „Andromeda“ vom strengen „Charger“ und der grandios-quirligen Kelela & Danny Brown Kollaboration „Submission“ über zur ruhigen Solonummer, während im Anschluss das sinistre „Carnival“ die Stimmung langsam wieder in Richtung Exzess führt. Bei derartigen stilistischen Schwankungen bleiben einige Kollateralschäden nicht aus, die bisherigen Rezensionen zeigen jedoch, dass etwaige Schwächen nicht zuletzt mit persönlichem Geschmack zu tun haben.

Zweifelsohne ist „Humanz“ auch ein streitbares Album geworden, doch eben in diesem Konfliktpotential liegt sein Kapital. Ob es dazu jetzt ausgerechnet eine Wiederbelebung der Gorillaz gebraucht hätte sei dahingestellt, ändert jedoch nichts an den Qualitäten dieser ebenso unterhaltsamen wie fordernden Platte.

„Humanz“ erscheint am 28.04. via Parlophone auf CD und digital.

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