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Album der Woche: Dead Cross – Dead Cross (Kritik)

Mike Patton ist zweifelsohne eine der prägendsten und risikofreudigsten Figuren, die die Rockmusik in den vergangenen 30 Jahre hervorgebracht hat, doch es gibt – vermutlich gerade aufgrund eines gewissen Willens, Grenzen zu testen – einige Flecken in seiner Diskographie, die in ihrer überzogener Exalthiertheit wie eine Karikatur der starken Momente Pattons wirken. Oder anders formuliert: Projekte, die vor zwanzig Jahren als spannende Rock-Experimente durchgingen, verlieren mit der Zeit ihren revolutionären Charakter, wenn sie wieder und wieder in ähnlicher Form wiederholt werden. In einen drohenden Überdruss grätscht gerade rechtzeitig „Dead Cross“ herein, ein knüppeliges Hardcore-Album, mit dem nicht zu rechnen war, das nun aber umso willkomener erscheint.

Bezeichnenderweise initiierte das Projekt nicht Patton, sondern Fantomâs-Kollege Dave Lombardo: Der hatte gerade Studiozeit für seine Post-Slayer-Ablenkung Philm gebucht, als ihm die Band unter den Fingern wegbröckelte. Gemeinsam mit Justin Pearson und Michael Crain nahm er die Studiozeit trotzdem wahr und erarbeitete spontan das Material, aus dem sich das vorliegende Album speist. Als sich der eigentlich als Sänger engagierte Gabe Serbian frühzeitig verabschiedete, schien das Projekt auf der Kippe zu stehen; Auftritt Mike Patton. In seinem Kellerstudio nahm er passende Audiospuren auf, feilte an einzelnen Elementen, versuchte jedoch den Charakter der bereits bestehenden Aufnahmen aufzugreifen. Eine Herausforderung, die anscheinend nicht geschadet hat.

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Denn „Dead Cross“ fährt musikalisch tatsächlich wenig auf, was sich mit dem Begriff „Grandezza“ bezeichnen ließe. Bisweilen lässt Lombardo tatsächlich die große Slayer-Fusion aus Hardcore und Thrash Metal auferstehen, besonders deutlich im halsbrecherischen „Obedience School“. Die Songs an sich sind unheimlich kurz und präzise, laufen meist unter drei Minuten ab und halten gekonnt die Balance zwischen ambitioniertem Riffing und stumpfem Geprügel, besonders in dynamischen Stücken wie  „Idiopathic“ und „Divine Filth“.

Ihren Reiz entfalten diese Songs, von Ross Robinson auf einen optimal dreckigen, aber druckvollen Sound hin produziert, jedoch erst im Zusammenspiel mit Patton, wobei die Betonung auf „zusammen“ liegt. Im Gegensatz zu anderen Projekten merkt man Dead Cross an, dass die Band nicht auf Patton zugeschnitten ist, so dass er tatsächlich neue Strategien entwickeln musste, um sich mit dem Status Quo zu arrangieren. Dazu schichtet er teils mehrere Gesangsspuren übereinander, tritt mit sich selbst in Dialog, gibt aber nur vereinzelt den manischen Opernsänger, den er sonst gerne raushängen lässt, sondern fährt stattdessen eine breite Palette an (erfreulich häufig agressiven) Überdrehtheiten auf. Die Musik verleiht ihm die notwendige Räudigkeit, er ihr im Gegenzug eine eigene Identität.

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Aus dieser Melange ergeben sich auch ein paar genrespezifische Eigenheiten, die Patton im Zaum halten und zugleich bestimmten Momenten eine gesteigerte Wertigkeit verleihen: So wartet bis auf „Seizure And Desist“ kaum ein Stück mit einem Bestandteil auf, den man als Refrain bezeichnen könnte, während Pattons vollkomenes Freidrehen in „Grave Slave“ (inklusive Luftkuss-Finale) zu einem der großen Höhepunkte der Platte gehört, die sich gelegentlich bis an den Rand der Parodie vorwagt und gerade dort brilliert. Als Gegengewicht fungieren einige wenige Songs, die das Tempo variieren, allen voran das sinistre Bauhaus-Cover „Bela Lugosi’s Dead“ und das matschige, schleichende „Gag Reflex“, in dem Patton dadaeske Lautmalerei und Religionskritik in einem kakophonischen Finale aufeinanderprallen lässt.

Es sind gerade diese Teile, die nicht auf den ersten Blick zusammenpassen oder etwas zu hektisch wirken, aus denen „Dead Cross“ seine Stärke zieht. Alle Beteiligten haben Lust daran, sich die Hände sehr, sehr schmutzig zu machen, und gerade diese spontane, beinahe zufallsgesteuerte Genese erlaubt es der Platte, eine unheimliche Dringlichkeit zu entwickeln, die Projekte derart gesetzter Musiker eher selten aufweisen und die hier präsentierte Musik weit über den ursprünglichen Lückenfüllerstatus hebt.

„Dead Cross“ erschien am 04.08. via Ipecac auf Vinyl, CD und digital.

Sebastian
Sebastian stammt aus Saarbrücken, lebt und studiert gerade aber in Münster. Konzerte besucht und Musik hört er dort ebenfalls, wovon gelegentlich hier zu lesen ist: http://mordopolus.tumblr.com/

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