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7 Erinnerungen, die zeigen warum das „Roskilde“, eines der schönsten Festivals Europas ist

Es war staubig, es war anstrengend, aber es war ganz wundervoll! Zum 48. Mal fand, vor allem am vergangenen Wochenende, mit dem „Roskilde“ das größte und auch traditionsreichste Festival in Nordeuropa statt. Wir waren dabei und unsere Köpfe sind voller schöner Erinnerungen. Denn: Es gibt nur wenige Sachen, die dieses Fest der Musik noch besser machen könnte.

1. Diversität – einfach mal machen!

Gerade im Bezug auf Festival-Line-ups wird häufig mehr Diversität gefordert. Jedes Jahr aufs Neue streichen Medien alle männlichen Künstler von Festivalplakaten großer deutscher Festivals, um zu zeigen, wie wenige Frauen auf den Bühnen stehen. Beim „Roskilde“ hätten sie da zumindest ein bisschen weniger zu tun. Denn genauso divers, wie das Publikum, ist auch das Line-up. Wir haben zwar nicht nachgezählt, aber es standen schon ein paar mehr Frauen auf der Bühne als, sagen wir mal bei „Rock am Ring“ oder dem „Southside“. Auch wenn die Headliner-Slots dann doch auch wieder männlich dominiert waren.

Und auch musikalisch hat das dänische Festival deutlich mehr Vielfalt zu bieten. Hier können Hip-Hop-, Jazz-, Black Metal-, Pop-, Rock-, und Hardcore-Bands, und -Künstler gleichermaßen spielen. Jeder hat zu beinahe jeder Zeit die Möglichkeit sich einen Künstler seines Lieblingsgenres anzuhören, oder eben mal etwas neues zu entdecken. Denn: Die Festivalbetreiber achten darauf, dass möglichst viele Künstler auf die Bühne dürfen, die noch nie beim Roskilde aufgetreten sind. So ergab sich in diesem Jahr eine spannende Mischung aus:

    • einer seltenen Show von Rap-Gott Eminen (erster Dänemark-Auftritt jemals, bei dem so viele Menschen wie noch nie (in Zahlen 100.000!!!) vor der Hauptbühne, der sogenannten Orange-Stage, gestanden haben),
    • einer bezaubernden St.Vincent (We love Annie!)
    • den großartigen Gorillaz (durch einen Sturz abgebrochener, aber mitreißender Auftritt; nicht zuletzt wegen Damon Albarn)
    • den ruhigen Klängen von St. Vincent
    • einem schaurig-schönen Auftritt von Nick Cave und seinen Bad Seeds
    • dem lautem Geabller von Touche Amore
    • dem mystischen Gesang von Myrkur
    • dem tanzbaren Elektro-Pop, mit einer unterhaltenden Show, von Dua Lipa
    • oder eben auch einem Bruno Mars (ja, der ist auch außerhalb der USA ein riesen-Ding)

Um hier nur einige der Konzerte zu erwähnen. Aufgrund der Vielfalt (und auch ein bisschen den vier vollen Festivaltagen geschuldet) hat es sich nicht angefühlt wie ein Festival, sondern eher wie ein ganzer Festival-Sommer. Ein wunderschöner aber.

So sieht es aus, wenn gefühlt ALLE Besucher des „Roskilde“ Eminem sehen wollen:

2. Überschneidungen? Machbar! 

Als wir die Wege auf dem Open Air erst einmal verstanden hatten, haben wir uns ziemlich leicht zurecht gefunden. Nach einer Orientierungsrunde war es ziemlich easy schnell zwischen den neun Bühnen zu wechseln. Das Gute: Sie alle werden nicht non-stop bespielt, sodass wir ganz einfach Überschneidungen vermeiden konnten und zumindest die Möglichkeit hatten, jeden Künstler, den wir sehen wollten, zumindest eine halbe Stunde lang anzuschauen.

3. Menschen statt Poser

Ein weiterer Punkt, der das Festival für uns sympathisch gemacht hat, waren die Besucher. Keine Coachella-Poser, keine Möchtegern-Influencer. Der demographische Durchschnitt ist bei stabilen 24 Jahren, Frauen und Männer sind gefühlt in gleichen Massen unter den insgesamt 130.000 Menschen (davon rund 30.000 Volunteers) zu Gast. Durch dieses stinknormale Festival-Publikum haben wir uns einfach nur wohl gefühlt.

4. Nochmal Menschen

Neben der Bühne passieren auch die weniger schönen Dinge. Das gehört zu Festivals dazu. Menschen pinkeln, wo sie gehen und stehen, obwohl genügend Toiletten vorhanden sind und die Wartezeiten echt voll in Ordnung sind. Durch Weichplastik und eine andere Recyling-Kultur, als die uns Bekannte, mussten wir uns durch teilweise schockierende Plastik- und Dosenberge auf dem Gelände kämpfen (Ja liebe Skepiker) auch auf deutschen Festivals gibt es unfassbar große Müllberge. Dennoch waren die Dimensionen auf dem „Roskilde“ noch einmal andere und haben uns zum Nachdenken angeregt.

Bei all der Feierei verlieren wir zudem oft aus dem Auge, dass ein 12-Jährige Volunteer recht hat, wenn er sagt, dass „Menschen auch sehr eklig“ sind. Deshalb ist es umso wichtiger, dass auf den Leinwänden neben der Hauptbühne Hinweise laufen, die an das Publikum appellieren aufeinander aufzupassen. Denn, wie alle Veranstaltungen dieser Größenordnung, hat auch das „Roskilde“ immer mit sexueller Gewalt zu kämpfen, auch in diesem Jahr gab es wieder Anzeigen wegen Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen. Das Festival positioniert sich klar dagegen und so laufen Claims wie „Was macht eigentlich Deine Hand auf meinem Hintern?“ über die Leinwände. Immerhin.

Und dann gibt es da noch das Herzstück des Festivals. Die rund 30.000 Volunteers, die dafür gesorgt haben, dass das Festival überhaupt lief und wir eine geile Zeit haben konnten. Vom Aufpasser am Campingplatz, über den Müllsammmler, bis hin zum Wasserreicher bei den Shows. Tusind Tak dafür! Der jüngste Freiwillige ist 12 Jahre alt und macht mit, weil der „die Menschen ganz toll, aber auch sehr eklig findet“, heißt es auf den Bildschirmen neben der Orange-Stage. Menschen wie er sind es, die den Non-Profit-Charakter (das heißt, dass jedes Jahr sämtliche Einnahmen gespendet werden) erst möglich machen.

5. Bye, Bargeld!

Das Geilste am Roskilde: bargeldloses Bezahlen. Überall! Kein Kleingeld, das unsere Hosentaschen zum Platzen gebracht hat. Einfach mit Kredit- oder EC-Karte Bier, Cocktails und Snacks bezahlen. Das ist insbesondere für uns bargeld-gewöhnte Deutsche ein riesiges Plus für das dänische Roskilde Festival, da es uns das Umtauschen von Euro in Kronen (und insbesondere das Zurücktauschen!) erspart hat. 

Und so hatten wir mehr Zeit, für die wirklich wichtigen Dinge: 

Apropos sparen: Etwas sparsamer als sonst waren wir in Dänemark dennoch unterwegs. Der Grund: Sowohl in den Städten als auch an den Festival-Ständen kann der Wochenend-Trip schnell so teuer wie ein längerer Urlaub werden. Cocktails kosten zwischen 10 und 15 Euro, das kleinste Essen ab 7 Euro bis Ende offen.

6. Wie eine Oase in der Wüste
Staub, staub, staub! Eine Bekannte schrieb uns nach unserer Ankunft: „Und ist es wieder so staubig?“. JA! Es war so staubig, dass wir uns nicht mehr sicher waren, ob uns die Fähre wirklich nach Dänemark oder doch einfach nach Amerika zum „Burning Man“ mitten in die Wüste gebracht hat. Wir hatten alle Körperöffnungen voll Staub. Die Augen tränten und neidisch blickten wir auf diese unfassbar klugen Menschen, die mit einem Mundschutz bewaffnet über das Gelände liefen. Hach.

Aber zum Glück gibt es Getränke, die uns geholfen haben den Staub aus unseren Kehlen zu spülen. An dieser Stelle nochmal ein Hoch auf die Wasser-Anreicher an, vor, und um die Bühnen, die uns und allen anderen Besuchern stets mit einem Lächeln im Gesicht einen rettenden Becher Wasser gereicht haben. Glück kann manchmal so einfach sein. Wo wir in Deutschland vielerorts noch Schlange an rar gesäten Wasserstellen auf Festivals stehen, ist es beim „Roskilde“ völlig normal für genügend Flüssigkeit beim Publikum zu sorgen.

7. Kunst und Politik

Neben der Musik spielt auch immer Kunst und damit automatisch die Politik eine wichtige Rolle auf dem „Roskilde“. In diesem Jahr zog beispielsweise der Auftritt von Whistleblowerin Chelsea Manning Menschenmassen an, wie sonst nur ein Popstar.

Hier kannst du ihren Apell, sich totalitären Dynamik entegegenzustellen, sehen – auch wenn du nicht dabei warst: 

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Und auch das Gelände an sich ist voll mit Kunst, Galerien und Installationen aller Art. Wir können uns auf dem kompletten Gelände durch die Kunst bewegen, Teil von ihr sein oder sie auch einfach nur ansehen. Wer mehr über die Hintergründe der Werke erfahren möchte, der kann an einer geführten Tour teilnehmen. Doch das Kunstwerk, das uns am stärksten beeindruckt hat, befand sich beim diesjährigen „Roskilde“ direkt am Haupteingang:

Die Reise zum „Roskilde“-Festival erfolgte auf Einladung von Factory92.

Im Jahr 1988 in Franken das Licht der Welt erblickt, lebt und arbeitet Helena in Berlin als Journalistin bei watson.de. Zuvor war sie Musikjournalistin beim Rolling Stone und hat an der Axel-Springer-Akademie gelernt. Vorher hat sie Literatur und Medien in Erlangen und Augsburg studiert. Musik ist ein integraler Bestandteil ihres Daseins und deshalb bloggt sie für testspiel.de aus der Hauptstadt.