Start Kritiken 20 Jahre „Economy Class“ von den Goldenen Zitronen

20 Jahre „Economy Class“ von den Goldenen Zitronen

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Würdigungen wie der Vorliegenden hängt meist eine seufzende Nostalgie an. Der Autor preist eine Band, denkt in Wirklichkeit jedoch sehnsüchtig an ihre guten alten, vergangenen, relevanten Tage, statt sich mit dem zeitgenössischen, meist mäßig spannenden Werk auseinanderzusetzen. Dass der Fall bei den Goldenen Zitronen anders liegt, zeigte vor knapp zwei Wochen bereits das Line-Up des neuen Nostalgiker-Festival „Lieblingsplatten“: Die Goldies spielen dort mit der jüngsten Veröffentlichung des Billings auf, nämlich „Lenin“ von 2006. Viele hätten an dieser Stelle sicher auf „Das bisschen Totschlag“ gesetzt, doch die Band hat es eben nicht nötig, sich an dieses eine, stilprägende Album zu krallen; dafür ist ihr Backkatalog ganz einfach zu reichhaltig.

Zumal ihre Alben der 90er heute noch brandaktuell wirken, textlich wie musikalisch. Punk ist hier endgültig mehr Verweigerungshaltung als stilistische Vorgabe, Intellektualismus eine Konfrontationsstrategie und Schorsch Kamerun streitbarer Frontmann zwischen theatralischer Geste, moralischem Anspruch und rumpeligem Sprechgesang. Wie sollte man das denn nun auch verstehen, wenn dieser Typ Easy Listening hörende, studentische Labertaschen karikierte und eben diesen Leuten mit dem Golden Pudel Club Mitte der 90er eine Anlaufstelle bot? War das Meta-Dissidenz, eine hohle Geste oder doch nur Klamauk?

Fragen, mit denen sich der Hörer herumplagen musste, als die Band den zwei Jahre zuvor angesetzten Stachel mit „Economy Class“ noch tiefer ins Fleisch der Gesellschaft trieb. Erneut veröffentlichten die Goldenen Zitronen bei Sub Up, erneut wollten sie hörbar weit weg von traditionellen Vorstellungen, wie Punk zu klingen hat. Statt Garagerock liegt der Fokus dieses Mal vermehrt auf Jazz in allen Variationen, was unter anderem durch die Bläsersektion der Kollegen von F.S.K. ermöglicht wurde. „Economy Class“ folgt seinem Vorgänger insofern, als dass Stile hier letzten Endes immer nur Einladungen für Brüche und Transformationen und keine starren Gebilde sind. So erklärt sich vielleicht auch, wie „0.30, Gleiches Ambiente“ mit lärmendem Instrumental und deutlichem Hörspielcharakter zu so etwas wie einem kleinen Hit werden konnte – es ist symptomatisch für die paradoxe Anziehungskraft der Band dahinter.

Einfache Lösungen gehören der Vergangeneheit an. Kamerun bietet keine klare Wir-gegen-die-Haltung an, sondern schlüpft in unterschiedliche, unsympathische Charaktere und überfrachtet sie so lange mit zugespitzten Attributen, bis sie einfach platzen. Der Closer „Meine Suppe ess ich nicht“ oszilliert dabei zwischen Stammtischrechtfertigungen, juristischer Stellungnahme und kindischem Trotzgebahren, um das Thema Rassismus auf unangenehm alltägliche Art zu verhandeln. Dem Patriarchat geht es in ähnlicher Manier im eröffnenden, ebenfalls kindischen „Meine kleine Welt“ an den Kragen; der suggestive Titel nimmt zudem bereits den deutschen Kleinbürger ins Visier, der im Laufe des Albums beliebtes Opfer Kameruns bleiben wird.

Konsequent geistern durch „Muss ja“ uneinsichtige Alt-Nazis, „Munich“ bornierte Bajuwaren und „Wer soll das entscheiden“ verwöhnte Burschen mit First World Problems, noch bevor es den Begriff gab. So leicht es sich dazu klatschen und kichern lässt, so schwer verdaulich ist ein Psycho-Free-Jazz-Kammerspiel wie „Hände hoch Papa“, in dem Kamerun das Opfer eines Raubüberfalls mimt, während die Instrumentierung im Hintergrund vollkommen zusammenbricht. Welche Posen und Mechanismen sind es, die hier angegriffen werden? Und wo wir gerade bei fraglichen Punkten sind: Attackiert sich die Band mit der wunderbar tanzbaren Showgeschäftgroteske „There’s No Business Like Business“ nicht doch wieder selbst?

In diesem Song ist Jazz nicht nur eine vage Idee des Zusammenspiels, sondern ganz konkret greifbar. „Economy Class“ lädt in diesen Momenten eine zu Easy Listening gewordene Musik wieder politisch auf und zeigt zudem, was Punk neben den viel gerühmten drei Akkorden auch sein kann: Der zerfetzte Billo-D’n’B-Beat in „Auf dem Fundament meiner Initialen“ ebenso wie der von einer fiesen Gitarre zersägte Bossanova aus „Das Binnenland“ oder der psychotische Disco-Post-Punk, den „Menschen haben keine Ahnung“ liefert. Referenzen lassen sich klar erkennen, doch ganz im Sinne der Avantgarde geht es hier um das Austesten von Grenzen und den furchtlosen Umgang mit Konventionen.

Später sollte die Band sowohl musikalisch als auch textlich noch abstrakter werden, doch „Economy Class“ ist bei aller nachhaltigen Relevanz eben auch Produkt einer anderen Dekade, eines anderen Jahrtausends, von dessen Klippe die Goldies grinsend grüßen. „Fin de Millénaire“ ist der dazu passende Soundtrack, eine kaltschnäuzige, codierte Abrechnungen mit all der selbstgerechten Scheiß, der sich in den vergangenen 1.000 Jahren abendländischer Kultur angehäuft hat, unterlegt mit dekonstruierten Trip-Hop-Echos, Ted Gaiers kantiger Gitarre und Enno Pallucas unnachgiebigem Schlagzeugspiel. Nein, Grund zur Nostalgie bietet „Economy Class“ wirklich nicht, und gerade daher lohnt die Beschäftigung mit dieser radikalen Platte auch nach 20 Jahren noch.