Start Kritiken „There’s always something magic” – Meat Loafs Fledermäuse über Oberhausen

„There’s always something magic” – Meat Loafs Fledermäuse über Oberhausen

Julian Gerhard nimmt sich einer Milieustudie der Extraklasse an: Musicals! Eine wahre Antithese zur hiesigen Theater- und Konzertlandschaft – kleine subventionsfreie amerikanische Enklaven mitten in Deutschland. Mit Totenkopf-Bandana ist er auf der Harley zum Metronom Theater Oberhausen gecruist (Achtung, stark dramatisiert! Realität: Mit der BahnCard 25 in der zweiten Klasse Regional-Express, Anm. der Redaktion).

© Specular

Die Geschichte hinter den Bat-Out-of-Hell-Alben ist verwirrend interessant: Die pompösen Stücke wurden aus einem Wahn heraus komponiert, ein Rock-Musical rund um Peter Pan ins Leben zu rufen, das aber partout nicht zur Aufführung kommen wollte. Praktisch aus der Not heraus stellte man das Œuvre dann mit einer Träne im Knopfloch dem damals noch etwas deplatziert wirkenden Newcomer Meat Loaf zur Verfügung: Und here we go Weltruhm! Schlussendlich hat Jim Steinman dann gute 40 Jahre später doch noch ein abgefahrenes Bat-Out-of-Hell-Bühnenwerk bekommen, das aber eine ganz andere Geschichte erzählt.

In der rund um Hymnen wie „Paradise by Dashboard Light” oder „I’d do anything for love” zusammengefriemelten Story hat Oberschurke Falco gemeinsam mit seiner Frau Sloane in einer abgeranzten Zukunft – Bladerunner lässt grüßen – die Stadt Obsidian (oder gar den ganzen Planeten?) an sich gerissen. Die sexy Dance-Proteste der Straßengang „The Lost“, derer Mitglieder allesamt an den Folgen des Chemiekriegs leidend nicht mehr altern (sogenannte „Freezers”), werden regelmäßig vor dem Falco-Tower von der hauseigenen Robocop-Armee zerschlagen. Und jetzt raten Sie einmal in wen sich Strat, Anführer der Forever-Young-Bande, ausgerechnet verlieben musste? Richtig, natürlich in Falcos Tochter Raven!

Auch wenn die Story kein Futter für den Trophäenschrank in der Managementabteilung liefern wird, geht die Musik – das Album von 1977 zählt zu den bestverkauften Rock-Platten aller Zeiten – ganz hervorragend in diesem postapokalyptischen und zugleich rustikalromantischen Setting auf.

Die tatsächliche Bedrohung in „Bat Out of Hell” ist jedoch weder Falco, noch sein Knüppeltrupp, sondern die deutsche Sprache: Dass die armen überwiegend aus dem englischen Sprachraum stammenden Darsteller ihre Szenen übersetzt wiedergeben müssen, hin und wieder mit einem „Yeah” oder „Trust me” gespickt, um den Anschein von Internationalität keinen kompletten Dolchstoß zu verpassen, ist zu bedauern. Aber die Übersetzungsversuche der Meat-Loaf-Hits, das zentrale Besucherargument für das Musical, gehen eindeutig zu weit! What where they thinking?! Die Challenge sowohl eine semantische, als auch eine inhaltliche Nähe zu den Welthits zu finden, ist schwer zu bewerkstelligen und auch absolut überflüssig. Dass die Refrains dann abschließend doch noch ab und an originalgetreu als kleiner Bonus zu hören sind, ist ein wohltuendes Pflaster, aber kein ernstzunehmender Kompromiss. Mit einer Übertitelung des Bühnenprogramms wäre doch wirklich allen geholfen gewesen. Weh tun außerdem die zahlreich verstreuten kleinen Sexgags, die vermutlich herrlich unkonventionell wirken sollen – ein Bruch mit dem disneyesken Musicalgewerbe. Aber nein, bei den Pointen bewegt man sich gefühlstechnisch vielmehr auf einem Terrain, das der US-Bürger als „cringy” bezeichnen würde.

Überaus innovativ und nahezu schwindelerregend energetisch wirken allerdings die Art der Tanzchoreographien, die allgemeine Exaltiertheit der Darsteller, die sie an körperliche Grenzen stößt sowie die Bigger-Than-Life-Energie des Philharmonic Rock in Verbindung mit den opulenten dynamischen Chören, die die Power der Originalaufnahmen zu Übertrumpfen in der Lage sind. Und die mit Elektromotor betriebenen futuristischen Motorräder, die sich durch ein immer wieder überraschendes, weit verwinkeltes Bühnenbild bewegen, sind natürlich auch etwas Feines!

© Specular

Es wäre ziemlich hanebüchen, dieses skurrile Machwerk der darstellenden Kunst, der Bühnentechnik und Live-Musik wegen ein paar beknackten Regieentscheidungen und halbgaren anzüglichen Gags, madig zu machen. „Bat Out of Hell“ ermöglicht eine schrille Begegnung mit der eigentümlichen Power der auslaufenden 70er Jahre, wo Rockmusik in kolossalen Sphären der Weltherrschaft schwebte. Ausufernde Songs wie Queens „Bohemian Rapsody“ oder eben die endlos verschachtelten Titel aus Steinmans „Bat Out of Hell“ waren damals ernsthaft Breitbandmainstream. Das Publikum hatte Bock sich auf wahre Achterbahnfahrten einzulassen – ob der Track nun sieben oder zehn Minuten dauert, spielte dabei keine Rolle. Mit dem Blick aus unserer heutigen bedenklichen Aufmerksamkeitsökonomie heraus, entwickelt man da schnell gewisse nostalgische Sehnsüchte. Ferner ist der Musicalverwirklichung in jedem Fall positiv zu attestieren, dass sie der weitgehenden Ironiefreiheit und dem Mackertum jener Epoche ganz eindeutig etwas entgegensetzen will und eine postmoderne Brechung mit der Materie zumindest nicht unversucht lässt.

Abschließend noch der Aufklärung gewisser Vorbehalte zu Liebe: Wem inmitten zwischen gewagten Lederanzügen, Bierdunst und hochpolierten Chromfelgen in Flammenoptik leicht mulmig zu mute wird, sei beruhigt: „Bat Out of Hell“ scheint innerhalb von Rockerkreisen nicht vollends akzeptiert zu werden – vielmehr fühlt sich eine Art Beamtenpublikum angezogen. Dass der auf der Bühne graziös ertanzte Spirit von Rebellion und Randale aber auch auf diese Zunft überspringen kann, zeigte sich am Fallbeispiel eines Herren (Typ Geschichtslehrer i. R.): „Mein Mann will nicht aufstehen“, flüstert mir seine völlig neben sich stehende Frau zu Beginn der Pause zu. Schwierig, da er auf dem äußersten Platz der Reihe sitzt und somit den übrigen Gäste aufnötigt, sich ganz dicht entlang seiner Kniescheiben Richtung Ausgang zu schieben. Didaktischer Hintergrund der Aktion: „Wer nicht länger als eine Stunde sitzenbleiben kann, hat im Theater nichts verloren“. Der Saalschutz hat sich zuverlässig dem armen Irren angenommen, jedenfalls blieb sein Platz vom Beginn der zweiten Hälfte an leer.

Gewinnspiel

Gewinnt zwei Tickets für „Bat Out of Hell” in der besten Platzkategorie an einem Termin eurer Wahl! Schickt einfach eine Mail mit dem Betreff “Bat Out of Hell” an [email protected]. Teilnehmen könnt ihr bis Sonntag, dem 17. März 2019.

Die Teilnahme ist ab 18 Jahren und eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Eure Daten werden nur zum Zweck des Gewinnspiels erhoben und nach dem Ende des Gewinnspiels und der anschließenden Auslosung umgehend gelöscht.