
Steve Lacy ist einer dieser Künstler, die viele längst gehört haben, ohne seinen Namen zu kennen. Ob als Gitarrist und Produzent der Neo-Soul-Band The Internet, als Songwriter für Kendrick Lamar, Solange oder Vampire Weekend oder durch seinen viralen Hit „Bad Habit“ – der Kalifornier hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der spannendsten Stimmen zwischen R&B, Indie-Rock, Funk und Soul entwickelt.
Mit „Oh Yeah?“ erscheint nun sein drittes Soloalbum. Und wer seit Jahren auf ein neues Frank-Ocean-Album wartet, dürfte bei Lacy zumindest ein kleines Trostpflaster finden. Nicht, weil beide Künstler gleich klingen – Lacy setzt deutlich stärker auf Gitarren, warme Grooves und verspielte Arrangements –, sondern weil beide eine ähnliche Intimität und emotionale Offenheit transportieren.
Vom iPhone-Produzenten zum Grammy-Gewinner
Lacys Karriere begann fast schon legendär: Als Teenager produzierte er erste Songs auf seinem iPhone und wurde schnell Teil von The Internet, dem Soul-Kollektiv rund um Syd. Sein Talent sprach sich rasch herum. Es folgten Arbeiten für Kendrick Lamar (DAMN.), Solange, Kali Uchis, Tyler, The Creator oder Vampire Weekend.
2017 veröffentlichte er mit „Steve Lacy’s Demo“ eine bewusst lo-fi gehaltene EP, 2019 folgte das Solo-Debüt „Apollo XXI“, das bereits seine Liebe zu Psychedelic Soul, Funk und Gitarrenpop zeigte. Der große Durchbruch gelang allerdings erst 2022 mit „Gemini Rights“. Vor allem „Bad Habit“ entwickelte sich dank TikTok zum Welthit und bescherte Lacy seinen ersten Nummer-eins-Hit in den USA sowie einen Grammy.
Steve Lacy – Bad Habit (Video)
„Oh Yeah?“: Mehr Gefühl als große Gesten
Drei Jahre nach Gemini Rights wirkt „Oh Yeah?“ wie eine konsequente Weiterentwicklung. Die Songs bleiben kompakt, schweben aber zwischen R&B, Psychedelia, Pop und Soul. Statt auf große Refrains setzt Lacy auf Atmosphäre, Harmonie und subtile Emotionen.
Die ersten Kritiken loben vor allem die entspannte Eleganz des Albums. Die Financial Times beschreibt „Oh Yeah?“ als Balance zwischen lässiger Coolness und emotionaler Tiefe. Pitchfork hebt insbesondere die nostalgische Stimmung und die prominenten Gäste hervor.
Gerade deshalb erinnert das Album stellenweise an Frank Oceans „Blonde“. Zwar ist Lacy weniger minimalistisch unterwegs und deutlich gitarrenlastiger, doch auch er lässt Songs lieber fließen, als sie klassischen Popstrukturen zu unterwerfen. Wer sich in den offenen Klangräumen von „Blonde“ verloren hat, dürfte sich auch hier schnell zuhause fühlen.
Meine Anspieltipps
„is it cool?“ (feat. SZA)
Der offensichtliche Einstieg ins Album. SZA und Lacy harmonieren hervorragend, der Song verbindet lässigen Groove mit bittersüßer Melancholie und gehört schon jetzt zu den Highlights der Platte.
„the feeling“
Eine warme Mischung aus Indie-Rock und R&B, die zeigt, warum Lacy zu den interessantesten Gitarristen im modernen Pop gehört. Der Song war zurecht die Leadsingle.
„pure colour“ (feat. Erykah Badu)
Ein ruhiger, fast schwereloser Neo-Soul-Track, der mit Erykah Badu eine der stilprägenden Stimmen des Genres ins Boot holt und zu den schönsten Momenten des Albums zählt.
„show you me“
Eine der eingängigeren Nummern des Albums und ein guter Beleg dafür, wie selbstverständlich Lacy Pop-Melodien und experimentellere Arrangements verbindet.
Fazit
Steve Lacy gehört längst zu den spannendsten Künstlern seiner Generation – auch wenn er hierzulande oft noch unter dem Radar fliegt. Mit „Oh Yeah?“ liefert er ein Album ab, das sich Zeit nimmt, seine Wirkung erst nach mehreren Durchläufen entfaltet und dabei irgendwo zwischen Soul, Indie, Funk und modernem R&B schwebt.
Wer Frank Oceans „Blonde“, Blood Orange oder The Internet schätzt, sollte Steve Lacy spätestens jetzt auf dem Zettel haben. Seine Musik ist weniger spektakulär als viele aktuelle Popproduktionen – dafür aber umso nachhaltiger.