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Love A Frontmann Jörkk im Interview

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Mit „Jagd und Hund“ haben Love A Ende März ihr neues Album veröffentlicht. Es ist die dritte Platte in 5 Jahren und in vielerlei Hinsicht ihre Vielschichtigste. Mit dem Opener „Lose your Illusion“ hat sich auch erstmals ein Off Beat ins Repertoire der Band geschlichen, obwohl man sich vor der ersten Bandprobe noch eisern schwor keinen Reggae und keine Celine-Dion-Cover machen zu wollen.

Als ich kurz vor der Veröffentlichung von „Jagd und Hund“ bei Jörkk Mechenbier in Hamburg-Wilhelmsburg zum Interview vorbeischaue, tropfen dem Love-A-Frontmann dicke Schweißperlen von der Stirn. Grund ist nicht der Promo-Stress, sondern diverse dampfende Kochtöpfe mit denen der Neu-Hamburger gekonnt in der Küche jongliert, während im Hintergrund die Antilopen Gang rappt.

Testspiel: Du bist vor wenigen Monaten nach Hamburg gezogen, Stefan euer Gitarrist lebt in Köln, die anderen beiden Jungs weiterhin in Trier. Wie schafft ihr es über die Entfernung die Band zusammen zu halten und gemeinsam an einer Platte zu arbeiten.

Als wir noch in der gleichen Stadt gewohnt haben, haben wir ganz klassisch jede Woche geprobt, zusammen abgehangen und im Sommer vor dem Proberaum gegrillt. Natürlich hat sich das mittlerweile etwas zerstreut, aber wir sind uns während der Zeit in Trier so nahe gekommen, dass es eben auch über die Distanz funktioniert. Dafür genießen wir jetzt umso mehr jedes Wiedersehen wie bei den Aufnahmen oder bei den Touren, die dadurch einfach noch mehr Klassenfahrtcharakter bekommen haben.

Für die neue Platte hatten wir bereits zwei, drei Songs in petto, die beim Touren entstanden sind. Wir haben uns dann für drei Tage in einem Haus in der Eifel eingeschlossen und in der Zeit zehn neue Songs geschrieben. Alles in allem war der Entstehungsprozess für uns anfangs schon schwieriger, was aber mehr daran lag, dass wir uns selbst die Frage gestellt haben, was wollen wir denn jetzt eigentlich machen. Außerdem wird man sich bei der dritten Platte einer gewissen Erwartungshaltung bewusst, über die man aber eigentlich gar nicht so viel nachdenken sollte. Man muss das Gefühl beibehalten, dass die Jungs jetzt einfach in den Proberaum gehen, um Mucke zu machen.

Das scheint euch ja auch ganz gut gelungen zu sein.

Beim Glas Wein am Abend haben wir schon diskutiert, was wird eigentlich verlangt. Bei „10.000 Stühle leer“ haben wir konkret darüber nachgedacht, dürfen wir auch mal eine Ballade schreiben? Da steckt der Punk und das Gefühl, dass man seiner Community und seinen Roots verpflichtet ist, einfach tief in einem drin. Es hat einen Moment gedauert bis wir uns gesagt haben, wir können machen was wir wollen.

In meinen Augen ist euer Album sehr vielschichtig geworden. Neben deiner Stimme und den Texten, macht Stefans Gitarrenspiel einen großen Teil des Love A Sounds aus. Auf „Jagd und Hund“ merkt man, dass ihr viel mit Effekten experimentiert habt. War es eine bewusste Entscheidung dem Sound eine neue Richtung zu geben?

Tatsächlich war es so, dass Stefan auf dem ersten Album komplett unverzerrt gespielt hat. Nachdem unser Keyboarder Mario nach der ersten Platte ausgestiegen ist, hat er sich einen Verzerrer zugelegt hat, um an manchen Stellen einfach flächiger zu klingen. Mit der Zeit sind dann weitere Effekte hinzugekommen, um mehr mit unterschiedlichen Sounds zu experimentieren. Da kann man jetzt nicht von einer bewussten Entscheidung im Vorhinein reden, aber natürlich ist es schon so, dass wir mit jeder neuen Schaffensperiode Bock haben neue Sachen auszuprobieren und uns dann im Proberaum zusammen überlegen, was gut klingt und zu uns passt.

Wie wichtig war für den Sound von „Jagd und Hund“ die Zusammenarbeit mit eurem Produzenten Robert Whiteley?

Rob ist einfach super professionell und hat viel aus uns rausgekitzelt ohne wirklich zu kitzeln. Wir haben ihm im Studio unsere Sachen vorgespielt und er hat Vorschläge gemacht, was wir noch ausprobieren sollten oder anders machen könnten. Am Ende haben wir zusammen entschieden, was besser klingt, ohne großen Eitelkeiten auf beiden Seiten.

Wie seid ihr dann beim Titel „Jagd und Hund“ gelandet? Nach „Eigentlich“ und „Irgendwie“ haben doch wahrscheinlich alle was anderes erwartet.

Klar, alle haben drauf gewartet, ständig gab es irgendwelche Mutmaßungen und am Ende wurde es uns dann einfach zu billig. Im Endeffekt haben wir dann eine Woche lang Albumtitel-Ping-Pong im bandinternen Facebook Chat gespielt und sind dann bei „Jagd und Hund“ gelandet, weil es so schön absurd klingt. Das Witzige war im Nachhinein, dass viele glaubten so hieße auch dieses Jäger-Magazin. Das heißt aber „Wild & Hund“ und die dazugehörige Messe „Jagd & Hund“.

Während man durchaus streiten kann, ob Love A mit „Jagd und Hund“ jetzt in die Pop oder Deutschpunk Schublade gehören, lässt die politische Haltung der Band keine Zweifel offen. Zuletzt spendeten Love A Teile ihrer Einnahmen aus den Ticketverkäufen für die zivile Seenotrettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Ebenso absurd wie Erschreckend dürfte es deshalb gewesen sein, als die Betreiber eines nationalistischen Blogs den Love A Song „Windmühlen“ auf ihrer Facebook Seite posteten.

Was war dein erster Gedanke nachdem du diesen Post gesehen hast? Zweifelt man an sich selbst und dem, was man da getextet hat, oder denkt man, diese Idioten sind noch viel hohler als man sich jemals vorstellen konnte?

Im ersten Moment war ich echt geschockt und fassunglos. Das kriegt man im Kopf nicht zusammen. Aber klar, so ein naturverbundener Nationalsozialist mit Defiziten im romantischen Bereich, der auf die moderne Plastikwelt nicht klar kommt, kann sich durchaus in dem Text wieder finden. „Du hast keine Ahnung wofür mein Herz schlägt“ – da ist ja erst mal nix Politisches dabei. Ich werde in meinen Texten ja durchaus sehr plakativ auf der persönlichen Ebene politisch. In dem Fall wohl nicht plakativ genug. Das hat man dann davon, wenn man immer so poetisch und deutungsschwanger daherkommen möchte, weil man die alten Schlachtrufe BRD Parolen nicht mehr hören kann. So Texte kann ich als Punker 2015 einfach nicht mehr bringen. Das ist durch und das haben auch alle verstanden. Die Antilopen Gang kann das machen, weil es im Hip Hop fresh und keine Wiederholung ist.

Die Punk-Parolen habt ihr bei „Brennt alles nieder“ dann aber doch ausgepackt. Bei dem Chor am Ende des Songs musste ich ganz schön schmunzeln.

Das sollte vom Text schon bewusst so ein klassischer Deutschpunk Song werden, aber eben nicht total stumpf und plakativ, sondern eher subtil. Ist doch auch sowieso allen klar, dass das System scheiße ist (lacht). Und dieser Refrain „Brennt alles nieder, fickt das System“ ist natürlich total drüber und als lustiges Augenzwinkern zu verstehen.

Du hast in deinen Texten in der Vergangenheit auch gerne mal Kritik an der Szene geübt. Auf „Jagd und Hund“ spielt das eigentlich keine Rolle mehr. Bis du altersmilde geworden?

Beim ersten Album war das teilweise schon sehr zynisch und auch tatsächlich ein wichtiges Thema für mich. Das war aber zu der Zeit generell so. Hör dir mal die Platten von Frau Potz oder Pascow aus den Jahren an. Irgendwann war das dann halt durch. Man hatte sich daran abgearbeitet.

Ein weiteres Thema, das in deinen Texten immer wieder auftaucht ist das Internet in allen möglichen Facetten. Hat sich in deinen Augen die große Hoffnung in das Internet als großer Heilsbringer für die Gesellschaft als falsch erwiesen? Geht es echt nur noch um noch mehr kaufen, noch mehr Konsum?

Für unsere Zeit ist das Internet, was früher die Dampfmaschine war. Natürlich hat es das Zeug uns nach vorne zu bringen. Das gesamte Wissen der Menschheit steckt da drin. Es kommt halt immer darauf an, was man daraus macht und leider hat sich vieles nicht bewahrheitet und zum Schlechten entwickelt. Ich bin aber sicherlich kein Ewiggestriger, auch wenn ich mich in meinen Texten dazu kritisch äußere. Für junge Bands und die ganze DIY Szene ist es doch total geil, dass die sich mit einem Klick vernetzen können. Wenn ich überlege wie aufwendig das früher war als man Fanzines und Tapes noch per Brief verschickt oder sich zum Telefonieren verabredet hat. Und trotzdem fragen mich die Kids heute manchmal wie wir das geschafft haben, Konzerte in anderen Städten zu spielen. Dabei liegt denen das doch alles zu Füßen.