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Im Interview: Du Blonde

Prätenziöse Fetzen. Du Blonde im Interview.

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Als Beth Jeans Houghton hatte, nun, Beth Jeans Houghton vor einigen Jahren einen kleinen Durchbruch als Nachzüglerin des Weird-Folk. Gemeinsam mit den Hooves Of Destiny spielte sie auf „Yours Truly, Cellophane Nose“ (2012) barocken Kammer-Psych. Als Du Blonde hat Beth nun neue Wege eingeschlagen. „Welcome Back to Milk“ (Mute) ist eine Wundertüte von Album: Unvorhersehbar und bunt. Aber mit einer Grundhaltung, die ganz und gar nicht sprunghaft ist. Und sogar der ein oder andere Instant-Klassiker hat sich reingemogelt. Oder sind das bloß Erinnerungen an vergessene Instant-Klassiker, die Songs wie den selbstbewusst, fast überheblich rockenden Opener „Black Flag“ oder das Psych-Oper-Finale „Isn“™t It Wild“ so sympathisch machen? Oder diese Stimme?

Gastautor Steffen Greiner sprach für uns in den Räumen der Berliner Mute-Dependance mit der charismatischen Musikerin.

Als ich mich durch deine letzten Interviews gelesen habe, bekam ich den Eindruck, ich als Interviewer sei fast schon verpflichtet, jetzt auf die Jagd nach deiner Weirdness zu gehen – wie gehst du damit um?

Eine ganze Menge tut genau das. Ich erscheine mir gar nicht weird, und die meisten Menschen, mit denen ich aufwuchs, und auch meine Freunde sind genauso. Und ich würde jetzt nicht sagen, dass ich das unbedingt verstecken würde – so gesehen braucht man nicht einmal besonderen Jagdinstinkt.

Sind denn nun mit deinem alten Namen auch die vielen kleinen Geschichten, die du um dich herum aufgebaut hast, verschwunden, das Betonen deiner Synästhesie, deine Geistwesen?

Synästhesie verschwindet ja nun nicht einfach, das ist schließlich ein Zustand – interessanterweise habe ich das nur einmal erzählt, als es zum Kontext des Interviews gepasst hat und werde seitdem immer wieder darauf angesprochen. Einmal fragte mich eine Frau, wie es denn gewesen sei, damals so als Freak in der Schule – ich dachte mir nur: Würdest du das auch jemand fragen, der nur ein Bein hat? Wie war es, der Freak der Schule zu sein mit einem Bein!? Wahnsinn. Aber nein, ich bin immer noch die gleiche.

Dann musst du aber noch einmal erklären, was genau dich dazu bewogen hat, mit einem neuen Namen künstlerisch von vorne anzufangen – in einem Interview sagst du, du müsstest die blutigen Fetzen von Beth abstreifen.

Das war als Scherz gemeint, klingt aber total prätenziös, wenn es gedruckt ist – trotzdem, in gewisser Weise habe ich so empfunden. Im Verlauf der letzten Jahre habe ich bemerkt, dass ich im Begriff bin, jemand zu werden, der ich nicht bin. Als ich dann wieder mehr bei mir war – mehr Beth als je zuvor vielleicht – war es sehr einfach, den Namen zu ändern.

Wie verläuft so ein Prozess der Neuerfindung seiner selbst?

Nun, ich musste ja keinen Charakter erfinden, sondern mich selbst neu entdecken. Anstrengend war es eher in den Verhandlungen mit meinem Label, für die war es wirtschaftlicher Selbstmord.

Und angefangen hat alles mit dieser Bowie-Ausstellung in London.

OK. Bowie. Ich liebe seine Musik, aber sie hatte nicht gerade großen Einfluss auf das neue Album. Trotzdem gab es diesen Moment, wo ich sein Leben betrachtete und sah, wie er kreativ und rücksichtslos sein eigenes Leben gestaltete. Das motivierte mich, zu lernen, selbst unabhängiger zu werden von den Vorstellungen anderer Menschen.

Mit den Hooves of Destiny hast du immer betont, nur „A Girl in a Band“ zu sein, um mal Kim Gordon zu zitieren – jetzt bist du klar die Hauptfigur.

Ich habe solo angefangen und nur deshalb eine Band gegründet, um einzelne Song-Teile besser spielen zu können. Aber wenn dich dann jemand fragt, wer deine Songs schreibt, weil Frauen ja, gottbewahre, keine Songs schreiben können, und du zudem, beim zweiten Album jetzt, merkst, dass du tatsächlich deine kreative Kontrolle über deine eigene Musik zu einem guten Stück abgegeben hast – es hat sich nicht mehr nach meinem Album angefühlt. Ich hatte immer die Kontrolle über das, was ich tue, aber ich hatte sie verloren – und jetzt nehme ich sie mir zurück. Ich spiele die meisten Instrumente, ich wusste von jedem Winkel des Songs, wie er zu klingen hat. Ich arbeite mit Menschen zusammen, aber es ist klar, dass es mein Projekt bleibt.

Was ich mochte an deinem Album, ist, dass es diesen Hintergrund hat und dann mit einem Lied endet, das sich mit Masken und Identitäten beschäftigt, „Isn“™t It Wild“.

Das schrieb ich fünf Minuten, nachdem mein Großvater gestorben ist. Meine Mutter rief mich an und bat mich, in L.A. zu bleiben, dass er es nicht anders gewollt hätte. Und ich saß da und dachte nach, wie er und seine Frau ein absolut ehrliches Leben geführt hatten, wie sie gereist sind und jeden, den sie trafen, als Freund behandelten. Ich dachte darüber nach, wie es sein muss, wenn man sein ganzes Leben lebt als jemand, der man nicht ist, versucht, jemand zu sein, der man nicht sein kann – und dann stirbt. Denn es ist eigentlich ganz einfach, man selbst zu sein. Man muss einfach nur das tun, was man mag. Das Lied beginnt mit seiner Stimme. Als er 93 war, interviewten meine Mutter und ich ihn vier Tage lang. Als meine Großmutter und sie den Raum verlassen haben und wir beide allein waren, fragte ich ihn nach seinen religiösen Überzeugungen. Religion ist oft etwas, das als etwas gedacht wird, was Außen ist, im Anderen. Aber er brachte es zu dir selbst zurück in diesen Sätzen. Das fand ich sehr bemerkenswert. Einen Monat später hatte er einen Schlaganfall.

Ich mag auch das sehr „šklassische“™ Feeling des Albums.

YES! Das ist so super, dass du das sagst! Genau das wollte ich.

„¦ und auf der anderen Seite hat es diesen Riot-Grrrl-Spirit.

Bei mir war zuerst amerikanischer Hardcore da und natürlich dieses ganze klassische Rock-Ding, Rock“™n“™Roll. Ich entdeckte den Geist der Riot Grrrls, bevor ich die Riot Grrrls entdeckte. Ich sah vor ein paar Monaten zum ersten Mal diese Kathleen-Hanna-Doku, obwohl die schon ein paar Jahre alt ist. Ich habe mich gewundert über mich, dass ich vorher nichts von ihr gewusst habe – ich sah den Film und es war so: „šGenauso fühle ich mich!“™. Ich freue mich, dass diese Leute das alles schon gemacht haben, dass es das gab. Und es ist immer noch ein so großes Thema. Freundinnen, die auch Musikerinnen sind, vermeiden es zum Beispiel, über Themen, die sie beschäftigen, zu reden, weil sie es sich als Frauen nicht erlauben können.

Dass das Thema für dich relevant ist, merkt man auch an den Texten: Etwa bei „If You“™re Legal“.

Das soll gar kein anklagender, negativer Song sein, eher ein aufrührerischer. Da geht es um unsere Gesellschaft, in der junge, junge Mädchen vor allem sexuelle Trophäe sind. Ich fragte mich, warum das so ist. Ich fühle mich eher von Menschen angezogen, die Dinge erlebt haben, die mir etwas beibringen können, und das hat oft etwas mit Alter zu tun. Und es gibt dieses Sample am Schluss des Songs, das ist ein Song, den wir gesungen haben, im Kinderchor, als ich fünf war. Es geht da um Miss Brown, die wir dabei erwischen, wie ihre Beine gespreizt sind. Mir fiel es irgendwie wieder ein. Das ist so makaber. Wir waren fünf! Das ganze Lied ist ein komischer Mix aus meiner Kindheit und Fleischbeschau.

Insgesamt finde ich das Album gar nicht so wütend, wie ich es erwartet hätte, trotzdem.

Wirklich nicht? Ich glaube, das liegt daran, dass die Themen zwar Themen voller Wut sind, aber dass ich die Songs zu einer Zeit schrieb, als meine tatsächliche Wut schon verraucht war und ich meine Stärke wiedergefunden hatte. Ich konnte meine Wut schon objektiv behandeln und diese Themen künstlerisch diskutieren.

Letzte Frage. Die muss ich dir stellen, weil ich wirklich selten in die Gelegenheit komme, irre Hollywood-Stars zu interviewen. Was ist verdammt nochmal dran an dieser Transzendentalen Meditation!?

Oh my god, it“™s amazing! Es war jemand von der David Lynch Foundation, der es mir beibrachte. Und ich habe mich noch nie so sehr im Einklang, im inneren Frieden befunden. OK, das hier wäre eine gute Beschreibung: Wir bewegen uns alle mit einer Blase um uns herum. Und der ganze Stress dringt in die Blase um dich herum ein und zischt da drin umher. Und das wird immer schlimmer, du musst schließlich mit dem Stress in deiner Blase leben. Aber wenn du Transzendentale Meditation machst, kommt der Stress zu dir, du kannst damit umgehen, und er kann wieder die Blase verlassen. Wenn du meditierst und die Tür schlägt zu, kannst du das an dich ranlassen und sie schlägt für immer zu – du wirst das Geräusch nicht los. Oder du lässt es vorbeiziehen, denn es ist nur eine Viertelsekunde. Ich hatte wirklich großen Angststress, aber jetzt ist der weg.

Dann empfehle ich dir, mir und unseren Leser*innen zum Abschluss den wirklich wunderbaren Dokumentarfilm „David Wants To Fly“ von David Sieveking – vielen Dank dir für das Gespräch!

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Steffen Greiner, geboren 1985 in Saarbrücken, Magisterstudium der Europäischen Ethnologie / Kulturwissenschaft, der Friedens- und Konfliktforschung sowie der Religionswissenschaft in Marburg mit Studienaufenthalt in Zürich, im Sommer 2012 mit einer Arbeit zur Reflexion poststrukturalistischer Subjekttheorie im Pop-Diskurs des letzten Jahrzehnts abgeschlossen - seitdem zwischen Promotion, Textproduktion (u.a. für intro, skug, Das Wetter) und Berliner Standard-Outsidertum oszillierend.