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„Hip Hop bietet nicht die Agitationsfläche für linke Inhalte, die man sich wünscht“ – Waving the Guns im Interview

Was hat Hip Hop mit Politik am Hut? Hört man in Tracks von Kollegah oder Bushido rein – immerhin Künstler, die die Charts dominieren – ist das eine berechtigte Frage. Gräbt man nur ein bisschen tiefer, findet man Gruppen wie die Antilopen Gang, K.I.Z. oder Audio88 & Yassin, die teils linke politische Ideen diskutieren. Und eben Waving the Guns aus Rostock. Sie wehren sich dagegen, als Polit-Rapper bezeichnet zu werden. Klar, da gibt es auch Tracks über Party und Drogen, aber halt auch vieles mit politischer Haltung und Ansagen auf Live-Konzerten, die gegen den Verfassungsschutz, die AfD und die aktuelle Situation im Mittelmeer schießen. Obendrauf vermummen sie sich auf der Bühne und auf Pressefotos mit Sturmmasken. Im Rahmen des MS Dockville Festivals haben wir uns mit Milli Dance und Dr. Damage zusammengesetzt und unter anderem diskutiert, was in Deutschland schiefläuft und wie Hip Hop seine Stellung als dominante Jugendkultur nutzen kann, um auf politische Schieflagen aufmerksam zu machen.

Ich fange gerne mit einer offenen Frage an. Was läuft schief in Deutschland?

Milli Dance: Boah.

Dr. Damage: Oha!

Milli: Die ist so offen, dass ich da gar nicht aufhören kann. Du kannst nicht sagen das passiert, weil das schief läuft. Das ist ein interdependentes Gemisch aus Gemengelagen und Sachverhalten und gesellschaftlichen Entwicklung, das sich nicht auf eine Parole bringen lässt. Welchen Bereich betrachtet man? Das scheinbare Tabu völkischen Denkens, dass sich jetzt im Angesicht der Zuwanderung und Migrationsbewegungen stetig auflöst, ist anscheinend doch erschreckend salonfähig. Das rückt weiter Richtung sogenannte Mitte, obwohl es die in der imaginierten Form   eigentlich nicht gibt, weil Denkmuster wie Rassismus aus der sogenannten Mitte kommen. Ausgrenzungstendenzen sind größer als solidarische Handlungsweisen. Wir sind keine Sozialromantiker, uns ist klar, dass es schwierig ist mit Menschen zusammenzuleben, mit denen man vorher nicht zusammengelebt hat. Das lässt sich auch durch einfache Parolen wie „Alle Grenzen weg“ nicht ändern, aber es wäre schön, wenn öfter auf die Menschen und ihre Bedürfnisse geachtet würde. Alles ist so kompliziert, dass man mit Schwarz-weiß-Parolen und -antworten nicht vorankommt, sondern mit Diskurs und Dialektik. Außerdem sind wir nicht hoch in den Charts (lacht). Das war mir noch wichtig am Ende.

Waving the guns: Endlich wird wieder getreten (Video)

Ich würde noch gerne mehr über Rostock erfahren, die ich aber eher aus den Medien kenne.

Dr. Damage: Aus den Medien? Du meinst Lichtenhagen, Heiligendamm und so. Hansa Rostock.

Sind ja auch eher negativ aufgefallen.

Milli: [ironisch] Alles Nazis, natürlich!

Dr. Damage: Es wäre lustig, wenn man das schlimmste, was passiert ist, immer als erstes mit einer Stadt assoziert wird.

Milli: Gut, aber du wolltest etwas über Rostock erfahren. Maritime Stadt, die fast am Meer ist, studentisch und durch Fußball geprägt. Ich bin da nicht aufgewachsen, Dr. Damage erst, seit er zehn Jahre alt ist. Ich bin erst zum Studieren nach Rostock gekommen. Aber für mich löst Rostock das stärkste Heimatgefühl aus. Das größte Kiez-Gefühl, meine Freunde sind da. Das macht Rostock aus: In einem kleinen Kosmos den man hat, kann man sich sehr gut bewegen. Ich fühle mich da wohl und kann da gut Musik machen.

Ich kenne es aus Erfurt, dass man auf offener Straße gerne mal Klischee-Nazis trifft und die kamen nicht so nett rüber.

Dr. Damage: Wenn du es drauf anlegst, kannst du das auch in Rostock beobachten. Aber das ist – abhängig vom Stadtteil – nicht so gerne gesehen.

Milli: Aber der Rechtsruck ist auch in Rostock wieder mehr zu beobachten. Nazis sind erstarkt, der Ruck geht auch bei Leuten durch, die keine krassen Nazis waren. Ob das jetzt in jedem Fall völkisches Denken ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall diese Angst vor bzw. einfach Ablehnung von Zuwanderung, die sich in ganz einfachen Worten wie „Die haben hier nichts zu suchen“ umschlägt, anstatt die Komplexität zu betrachten. Das gibt es in Rostock wie überall. Was ich erlebe, ist dass Leute, von denen ich das nicht gedacht hätte oder die das vor ein paar Jahren nicht geäußert hätten, jetzt Haltungen vertreten, die in eine solch dumpfe Richtung gehen. Da hat das Dauerfeuer aus Darstellungen gefilteter Realität ganze Arbeit geleistet.

Ihr fahrt musikalisch eine stark politische Linie und besetzt damit ein Subgenre, in dem nicht viele Bands am Start sind. Oder seht ihr das anders?

Dr. Damage: Kennst Du den Track „Politischer Rap“ von der Antilopen Gang? Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Natürlich gibt es in den vergangenen Jahren verstärkt politische Haltung in deutschen Hip-Hop-Texten zu hören. Aber in einem Land, in dem in einem Land auf dem Echo über Antisemitismus diskutiert wird, auf einem Level auf beiden Seiten, bei dem ich mir die ganze Zeit an den Kopf fassen will oder es als Realsatire empfinde, stimmt es schon, dass politischer Rap nicht den Impact hat. Hip Hop bietet nicht die Agitationsfläche für linke Inhalte, die man sich manchmal wünscht. Aber das heißt nicht, dass man es komplett lassen muss.

Milli: Gerade bei uns ist es so, dass wir die Anzahl der politischen Tracks nicht planen. Für dich ist es ein Subgenre, aber das ist schwierig, weil man für unseren Sound nochmal ein anderes Subgenre aufmachen könnte. Eher klassisch gehalten, mit Samples. Die Leute wollen gerne kategorisieren, aber Politrap-Crew würde uns nicht durchgehend charakterisieren. Zumindest nicht aus unserer Sicht, kann ja jeder draus machen was er oder sie will. Wobei natürlich unsere Haltung zu und die Auseinandersetzung mit bestimmtem Themen eine Konstante in unseren Songs ist.

Dr. Damage: Ergänzend muss man sagen, dass es zum Gründungsmythos des Hip Hop gehört, dass die Beschreibung der Umstände automatisch sozialkritisch ist. The Message von Grandmaster Flash zum Beispiel. Ablichten, wie man lebt. Was einen beschäftigt, relevant für einen selbst ist. Dass Menschen unter schlechten Umständen leben, hat nichts damit zu tun, dass man bewusst eine politische Message bringen will. Nur weil ich in einem sozial heruntergekommen Viertel wohne und sich keiner um mich kümmert, will ich längst nicht agitieren. Das war Hip Hop immer für mich.

Milli: Rap ist eine Plattform. Du kannst damit machen, was du willst. Bei uns ist der politische Aspekt, sich zu Themen zu äußern, die über Ficken, Saufen und Konsum hinausgehen, einfach drin. Das gehört zu unserem Charakter und Bewusstsein. Ohne, dass wir jetzt die krassen Polit-Aktivisten wären. Wenn mich was aufregt, entstehen daraus vielleicht zwei Zeilen. Vielleicht wird es ein Song, ein Nebensatz in einem Battle-Track oder einfach nichts. Am Ende sind wir Rapfans und machen es so, wie es gerade passt.

Waving the guns feat. Pöbel MC: Armutszeugnis (Video)

Hip-Hop wächst seit Jahren mehr und wird zum dominanten Genre in der Musik. Muss durch die Relevanz des Genre und die Reichweite, die man als Künstler hat, auch die Chance genutzt werden, politische Ansagen zu machen?

Milli: Wie ich eben schon meinte, du kannst daraus machen was du willst. Da gibt es kein Muss. Am Ende geht es mir um die Kunstform und ich möchte guten Rap hören. Ich freue mich, wenn Leute diese Plattform für Statements nutzen, mit denen ich was anfangen kann. Aber die Frage ist immer im Zusammenhang mit Kunst, wie es sein muss. Ob es gesellschaftlich relevant sein muss. Denn ich höre auch gerne andere Sachen. Es geht immer um den Kontext. Wenn ich auf einer Zeckenveranstaltung wäre – was ich meistens nicht bin – würde ich auch geilen Scheiß hören wollen, der mich unterhält und nicht nur politische Ansagen oder einen Vortrag. Auf der anderen Seite ist Hip Hop ein Massenphänomen, das auch die Gesellschaft und Jugend abbildet. Da gibt es oft kein Bewusstsein für solche Themen. Aber wenn da ein gewisser Anspruch herrscht und gesellschaftliche Sachen angesprochen werden, freuen wir uns natürlich.

Andererseits gibt es auch Leute wie Xavier Naidoo, die andere Ansichten vertreten, aber zumindest früher gute Musik gemacht haben. Wie sehr muss man die Aussagen der Person und die Musik voneinander trennen?

Dr. Damage: Finde ich schwierig. Meine Schwester hat früher Xavier Naidoo richtig doll gefeiert. Vor allem sein erstes Soloalbum. Aus der heutigen Betrachtungsweise heraus stelle ich mir oft die Frage, welche Inhalte hat er wie auf sie übertragen? Es ist letztendlich auch eine Form des christlichen Missionierens. Hör dir die Texte an, das ist hammerdoll. Das ist nicht gebrochen oder aufgearbeitet, er sagt, es sind von jeher seine Straßen. Ich fand es nie gesund, dass ein pubertäres Mädchen so etwas hört.

Milli: Das stimmt, allerdings muss man dazu sagen, dass vieles an Musik, die ja auch erst möglich gemacht hat, dass wir hier heute unsern Rap-Quatsch machen können, teilweise christliche Musik ist. Aber man kann die Musik trotzdem gut finden. Bei der Diskussion um Xavier geht’s in erster Linie ja um seine verschwörungstheoretischen Denkmuster. Egal. Ich würde jedenfalls nicht auf ein Konzert von Xavier Naidoo gehen. Da würde ich mir blöd vorkommen, aber das komme ich mir auch bei anderen Sachen. Man muss nur schauen, wie viel von den privaten Aussagen eines Künstlers vertreten kann, um die Musik noch zu hören. Xavier Naidoo hat bestimmt auch schöne Songs. Was weiß ich. Trotzdem ein Idiot. Das ist Dialektik. (lacht)

Am Ende nochmal eine Frage zu eurem Engagement bei Audiolith: Wie ist das zustande gekommen?

Milli: Wir waren in Kontakt mit Feine Sahne Fischfilet und haben des öfteren Support auf Tour gemacht. Da kam der Kontakt mit Audiolith zustande, aus spaßhaftem Herumgealbere wurde die Idee, dass man wirklich was machen könnte. Audiolith hatte natürlich die Dollarzeichen in den Augen und griff zu. (lacht) Wir hatten nie vor, auf ein Label zu gehen. Aber wir fühlen uns dort sehr gut aufgehoben und bereuen es bis heute nicht. Abgesehen davon, dass wir eh kein anderes Angebot hatten. (lacht) Aber kommt für uns jetzt auch nicht in Frage.

Welche Werte teilt ihr mit Audiolith?

Milli: Generell haben wir – pauschal gesagt – eine gemeinsame politische Ausrichtung. Wir stimmen nicht in allem überein, aber die Einstellung dazu, wie man als Label und Künstler zusammenarbeitet, gefällt mir. Menschlich, inhaltlich muss es passen. Alle müssen zufrieden sein und Spaß haben, wenn wir gemeinsam etwas aufbauen. Wir vertrauen uns.