
Wem in unruhigen Zeiten wie diesen ein Gefühl von Gemeinschaft und Konsens fehlt, der kann sich jederzeit dem größten (nicht eingetragenen) Verein der Welt anschließen: dem Fanclub der Unschuldsvermutung.
Seit Collien Fernandes die schweren Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen öffentlich gemacht hat, ist dieser Fanclub wieder besonders aktiv – und vor allem: laut. Zeit also, sich diesen Zusammenschluss aus Hobby-Juristen (Staatsexamen optional) einmal genauer anzuschauen. Wie werden rechtsstaatliche Prinzipien wie die Unschuldsvermutung plötzlich zur Schutzbehauptung? Wie gezielt wird öffentliche Meinung beeinflusst – nicht selten auch durch Medienanwälte? Und warum schreien so viele reflexartig „Unschuldsvermutung“, noch bevor sie überhaupt bereit sind, Betroffenen zuzuhören?
Genau diesen Fragen widmet sich jetzt auch das ZDF Magazin Royale. Und das erwartbar scharf, präzise und mit der nötigen Wut im Bauch.
Ein zentraler Punkt dabei: die sogenannte Verdachtsberichterstattung. Also die Frage, wie Medien über Vorwürfe berichten dürfen, bevor ein Gericht entschieden hat – und wie schnell daraus ein öffentlicher Pranger oder eben das Gegenteil wird: eine reflexhafte Verteidigung des Beschuldigten.
Der Beitrag zeigt, wie die Unschuldsvermutung dabei immer wieder missverstanden – oder bewusst verdreht – wird. Sie ist ein essenzieller Grundsatz des Rechtsstaats, klar. Aber sie gilt vor Gericht. Im öffentlichen Diskurs wird sie dagegen oft als Totschlagargument eingesetzt, um Kritik abzuwürgen und Betroffene zum Schweigen zu bringen.
Anhand prominenter Beispiele (zitiert werden u.a. Markus Lanz, Fler und Oliver Pocher) wird deutlich, wie diese Dynamiken funktionieren – wie sich Debatten verschieben, wie Narrative gesetzt werden und wie schnell es nicht mehr um Aufklärung geht, sondern um Lagerbildung.
Ein Beitrag, der nicht nur einen aktuellen Fall streift, sondern ein strukturelles Problem sichtbar macht – und genau deshalb so unangenehm wie notwendig ist.