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Der Tag, als meine Frau einen Mann fand – Sibylle Berg (Buchkritik)

Immer dann, wenn ich einen guten Satz in einem Buch finde, klebe ich mir ein Post-it auf die Seite. Bei Sibylle Berg muss ich mir stets ein Vorrat an Post its kaufen, es strotzt nur so voller guter Sätze. Auch in diesem neuen Roman. Nach kurzer Zeit sah das vollgeklebte Buch dann aus wie die Gelbe Seiten. Frau Berg haut Sätze raus, die wie Kurzfilme sind. Wie Fotos oder Lieder. Sätze, die Fanclubs und Opfergaben verdienen. Jede dieser tollen Sätze sollte mit Hans Zimmer Musik vertont werden, einfach nur um dieser Tollheit gerecht zu werden. Es ist wie mit einem besonderen Parfum, das in die Nase geht und im Kopf bleibt und sich dort einnistet. Wie eine Gabel mit köstlichem Essen, dessen Nachgeschmack die Zunge noch lange beschäftigt.

Einige Kost-, Duft-, Hör-, Leseproben:
„Liebe ist möglich, wenn man sie von Raserei und Leiden trennt. ich setze meine Lesebrille auf beim denken dieses Satzes. Innerlich.“

„Rasmus‘ Angewohnheit, mich morgens zu küssen, könnte unter anderen Umständen rührend sein. Ein Umstand wäre meine Abwesenheit.“

„Diese verdammte Unsitte, jede Zuckung, jedes kleine Gefühl, das auch ein Furz sein könnte, auf den Tisch zu legen und so lange zu zerquatschen, bis nichts mehr übrig ist.“

„Rasmus‘ Veränderung fällt mir nur selten auf, denn ich habe ihn in irgendeinem unklaren Alter Mitte dreißig gespeichert, und wenn ich ihn heute ansehe, ist mir, als sei er unscharf geworden.“

„Ich habe immer meine Unfähigkeit bedauert, Romantik dort wahrzunehmen, wo sie allgemein vermutet wird.“

„Nur die Teenager von der youporn Seite verstehen mich.“

„Der Verfall ist nicht aufzuhalten, die Ärsche spannen in den Leinenhosen. Die armen Männer haben ihre Träume dem Erhalt einer Familie geopfert, die Frauen rächen sich für ihr beschissenes Leben, das sie in Eigenheimen mit Kindern und Pilates-Kursen verbringen müssen, indem sie sich obsessiv der Ernährung der Familie zuwenden.“

„Endlich kommt die Dunkelheit und deckt das Elend zu.“

„Das Geheimnis des Bestehens der meisten Ehen ist vermutlich die Ratlosigkeit.“

„Bevor wir zu unserem Abenteuer in die dritte Welt aufgebrochen sind, begleitete mich immer das Gefühl, als sei die Umgebung scharf eingestellt und ich verschwommen.“

„Vor Langeweile innerlich spazierend gehend, stelle ich mir vor, was Lumi gerade sieht.“

„Wohlan (ein Wort, das klingt, als würde im Hintergrund ein Saxophon spielen)…“

Im Buch geht es um eine Beziehung, ein Leben ohne Leben, es geht um eine Frau und einen Mann, die am Ende fast kaputt gehen und dann hilft ein Benny.
Die vier Klappentext-Sätze sagen: „Ist Sex lebensnotwendig? Oder doch eher die Liebe? Chloe und Rasmus sind bald zwanzig Jahre verheiratet, aber sie wissen es immer noch nicht. Benny hilft ihnen.“

Die Handlung ist aber nur der Rahmen, der das Gemälde hält. Die kräftigen Sätze, die besonderen Beschreibungen der Gefühle und Situationen stehen im Mittelpunkt und ergeben durch ihre Wucht das schöne Gesamtbild, das eigentlich traurig ist, aber in der Sibylle-Bergschen-Form umso schöner wird.

Man sollte lesen, um es zu erleben. Wer nicht lesen will, kann es live erleben. Frau Berg geht bald auf Lesereise und nimmt dabei gern mal Schauspieler und Musiker mit. Dieses Mal ist es Christian Ulmen oder auch Jan Böhmermann und die Elektroband Kreidler. Ich wüsste jetzt echt nicht, wie man einen Abend besser verbringen könnte als in dieser feinen Gesellschaft.

Der Buchtrailer, von Berg und Mathias Brandt vorgetragen:

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Miru
Ich steh zwischen Ghetto und Goethe, also Strasse und Anspruch. Ich mag asiatisches Essen, skandinavische Mode, Max Goldt und Eulen.

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